Kino, daß noch überraschen kann, ohne zu überrumpeln – das passiert sogar mir nur noch selten.
Der unscheinbare „Thumbsucker“ hat es aber trotzdem geschafft, ein Film, der scheinbar nichts konkretisiert, keine definitiven Antworten liefert, bzw. es auch nicht versucht.
Hier hat man einfach einen Fall typischer „teenage angst“, das Portrait eines 17jährigen Jungen, der (und diese Kuriosität ist eigentlich nur eine einführende Metapher) noch am Daumen lutscht, sobald ihm die Umwelt in irgendeiner Art und Weise ein wenig Angst macht oder verunsichert.
Das wird aber nicht zu einem konkreten Sonderfall, denn Justin ist nicht speziell gelagert oder amoklaufverdächtig, sondern einfach ein recht stiller, etwas wortkarger Slacker, der noch keinen Sex hatte und in einer, wie ihm scheint, etwas unbefriedigenden Situation bzw. Elternhaus lebt. Seine Eltern nennt er beim Vornamen, damit sie sich nicht so alt vorkommen; sein Vater hadert mit dem Job und einer nicht stattgefundenen Footballkarriere, seine Mutter scheint gelangweilt und von einer Affäre träumend und nur sein kleiner Bruder wirkt rational. Die Lehrer wollen ihm, trotz Unverständnis helfen, sein Zahnarzt hat nach all der Arbeit mit ihm eine Art Therapeutenrolle übernommen und das Traummädel scheint nur zu verlangen, daß er ehrlich zu ihr ist.
Wo ist das Problem?
Und so sucht man danach und hofft auf eine besondere Enthüllung, doch der Kern der Geschichte ist eben, daß nicht immer hinter allem etwas besonders Aufregendes stecken muß, sondern daß wir alle, kindlich oder erwachsen mit Sorgen und Nöten zu kämpfen haben, die man mal bewältigt und mal nicht.
Bis dahin ist es aber ein weiter Weg und Justin begegnet neben den typischen Teenagerproblemen und der damit verbundenen nervösen Verweigerung zahlreichen Reaktionsmöglichkeiten oder Fallstricken, die das moderne Leben nun mal ausmachen oder einen Menschen formen.
Ergo probiert er sie in der Folge eher ratlos aus, stürzt sich mit Hoffnung in einer mögliche ADS-Diagnose, um einen Neustart unter Ritalin zu wagen, der ihm zwar vordergründig in den Grenzen des funktionierenden Menschen hilft, der ihn aber der unsicheren Umwelt eher entfremdet, wie die Reaktionen seiner Familie, seines Lehrers und seiner Freundin zeigen, die ihr Leben ebenfalls weiterleben müssen und sich eben verändern oder nicht.
Darauf folgen noch andere Experimente, Recherchen, der Versuch mit Drogen und Sex weiterzukommen, aber letztendlich zeigt sich keine Lösung auf – das Leben an sich läßt sich eben nicht wie in den meisten Filmen auf eine simple Formel reduzieren, die zu Glück und Erfolg führt – es beweist aber auch, daß nicht alles so schlimm sein muß, wie es im ersten Augenblick aussieht: Vater und Mutter haben vielleicht ganz andere Motive, die Freundin ist längst noch nicht die perfekte Lebenspartnerin im Frühstadium und probiert sich aus und der „Therapeut“ hat selbst noch nicht die ultimative Richtung im Leben gefunden.
„Das Leben“ kann man also nicht lösen oder verstehen, sondern man muß es ertragen und damit umgehen und wenn ein Film diese Lektion präsentiert, dann sicher „Thumbsucker“ – der damit jedoch die Hypothek trägt, nicht so aufgeschlossenen Geistern das Fragezeichen auf die Stirn zu zaubern, was das denn alles nun solle.
Das eigentliche Problem ist jedoch, daß die Absicht realistisch und die Umsetzung gut ist, der Zuschauer aber immer nach einer Form der überhöhten Entfremdung strebt und damit eine Art „role model“ sucht, das er verstehen, nachvollziehen oder mögen kann. So eine Figur gibt es aber in diesem Film nicht und Justin selbst (Lou Pucci leistet übrigens gute Arbeit) ist zu verwirrt, sperrig, fremd und slackerhaft, als das man ihn ins Herz schließen könnte. Und auch dahinter könnte Methode stecken.
So ist es ein unauffälliger und unspektakulärer, aber nicht unwichtiger Film, der bemüht ist, mittels einer guten Besetzung das Manko des Zielgruppenausfalls ein wenig auszugleichen, daß aber wenige glühende Bewunderer finden wird. Zu wenige, um ihn zu einem echten Klassiker unter den Jugendfilmen zu machen. Sollte er aber dennoch mal aus dem Boden ragen, unbedingt bergen. (8/10)