Review

Wiederentdeckt - und verblüfft gewesen.
David Cronenbergs Verfilmung von Stephen Kings frühem Klassiker "The Dead Zone" entpuppt sich nach eingehendem Studium, Jahre bis Jahrzehnte nach der ersten Rezeption dann doch als episodisch aufgebautes Filmkonstrukt, das zwar der Erzählstruktur des Romans in den wesentlichen Zügen überaus sorgfältig folgt, aber dennoch nicht die nötige Intensität aufbauen kann, die das Buch mit sich trägt. Stattdessen verspürt man, bei Kenntnis der Vorlage, eine überwiegend falsch ausgewogene Gewichtung der dramaturgischen Elemente, die die einzelnen Erzählkapitel zu einem homogenen Ganzen hätten verschmelzen können.

Identifikationsfigur ist dabei der scheinbare Allerweltskerl und Lehrer Johnny Smith, mit zerbrechlicher Intensität dargestellt von Christopher Walken, der nach einem Autounfall für fünf Jahre im Koma liegt, ehe er wieder erwacht. Die Welt hat sich inzwischen in gewisser Weise gewandelt und während seines Rekonvaleszenzprozesses muß er vieles neu lernen, aber auch schmerzhaft feststellen, daß seine Jugendliebe Sarah inzwischen verheiratet und Mutter geworden ist. Stattdessen hat er aber selbst ein intensives Extra hinzugewonnen (auch wenn es rudimentär schon vor dem Unfall vorhanden war), nämlich mittels Berührung die Schicksale der Menschen vorhersehen zu können.

Was spektakulär klingt, entwickelt sich für den zerbrechlichen Patienten zu einer mörderischen Belastung, denn nachdem er seine Begabung nachgewiesen hat, will die halbe Welt von ihm Aufschluß über den Verbleib oder das Schicksal Verschwundener. Dennoch läßt er sich in der Folge auf eine Hilfsanfrage eines lokalen Sheriffs ein und kann einen Frauenmörder überführen, was jedoch fast in einer Katastrophe endet. Zurückgezogen in der Fremde versucht er sich als Hilfslehrer, kann aber seiner Mission nicht entkommen.

Die entscheidende Frage, die in Jeffrey Boams Skript immer wieder gestellt wird, ist die nach der Verantwortung, die diese Kraft mit sich bringt. Ob er Adolf Hitler umgebracht hätte, fragt Johnny seinen Arzt, als er erfahren hat, daß der Senatskanditat Greg Stillson in religiösem Wahn in der Zukunft den Atomkrieg auslösen wird und wird auf diese Art und Weise aus seiner Verweigerungshaltung gerissen. Stets bringt sein Einsatz immer etwas Ungeahntes, Schlechtes oder Angstvolles mit sich, weil die ihn Umgebenden ihn zwar nutzen wollen, aber ihn auch fürchten. Sein Arbeitgeber als Lehrer etwa, tut seine Vorwarnungen über den Tod seines Sohnes beim Eishockey als Phantasterei ab und bezahlt einen schrecklichen Preis, auch wenn der Junge sich im entscheidenden Moment zum Glück weigert, mit zum Spiel zu gehen. Johnny selbst wird beinahe erschossen, als er den Frauenmörder identifiziert, weil er zwar die Wahrheit sieht, aber nicht die Ursache für die Verbrechen rechtzeitig erkennt.
In diesem Punkt ist Cronenbergs Film, erneut über die Transformation eines Menschen, allerdings diesmal eher auf seelischer Basis, sehr schlüssig und unmißverständlich.
Wo er jedoch nicht punktet, ist der Bereich, in dem er der Vorlage in all ihrer Komplexität gerecht werden will. Zwar sind praktisch alle entscheidenden Szenen des Romans in der Verfilmung enthalten, aber sie sind bei weitem nicht gelungen. Es gibt einen Stopfeffekt, in dem die Gewichtung der einzelnen Elemente aus der Balance gerät, was nicht eben zu Kings folgerichtigem Entwicklungsprozeß seiner Hauptfigur paßt und manche Entscheidungen rätselhaft erscheinen läßt.

So ist das Erwachen aus dem fünfjährigen Koma ein Musterbeispiel einer vollkommen unspektakulären Szene, die abgründige Erkenntnis in Kings Buch, die Smith erlaubt, seinen Zeitverlust selbst herauszufinden, fehlt vollkommen. Die Rettung der Tochter einer Krankenschwester, deren Haus abbrennt, muß stattdessen als Beweis seiner neuen Fähigkeiten herhalten, visuell beeindruckend inszeniert, aber ohne dramaturgische Steigerung. Das gilt auch für das Auffinden der Mutter seines Arztes, die von ihrem Sohn im zweiten Weltkrieg getrennt wurde, genauso wie die Bestrafung eines mißgünstigen Journalisten, der mehr über sich erfährt, als er eigentlich wollte, als er Johnny als Scharlatan entlarven will - gerade das ist eine von vielen "unterspielten" Szenen, die intensiver, breiter und eindringlicher hätte inszenieren können.

In der Entwicklung des Plots fehlt nachgradig dann der religiöse Fanatismus der Mutter, die auf dem Totenbett Johnny göttliche Verantwortung aufbürdet, was offenbar nicht zu Cronenbergs Weltbild paßte, denn dieser Bezug fehlt in der Folge vollkommen. Stattdessen stürzt sich der Widerstrebende (auch hier fehlt wieder ein einschneidendes Erlebnis Johnnys mit einem zugesandten Gegenstand) scheinbar überraschend in die Aufklärung der Mordserie, als ihn der lokale Sheriff Bannerman bittet.
In dieser mittleren Filmphase hat Cronenberg in einer verschneiten, kalten Welt, in der unheimliche Männer junge Frauen mit Scheren malträtieren, seine besten Szenen und trifft auch den Ton, indem er den Fall des Mörders haargenau so portraitiert, wie es vorgeschrieben war und durch eine exzessive Gewaltszene sogar noch steigert.

Der in der Vorlage parallelen Entwicklung des psychopathischen Stillson wird im Film wenig Rechnung getragen, er taucht auf und verschwindet wieder, wie ein leises Omen der Gefahr, ohne die Abgründe erahnen zu lassen, die Johnny aufdecken wird. Stattdessen folgt als Einschub die Episode als Hauslehrer, wobei er, anstatt einen schweren Fall von Stottern beim Lesen zu beseitigen, einfach mehr wie ein freundlicher Begleiter eines leicht introvertierten Jungen wirkt, der sich von der Welt abkapselt.
Immerhin spiegelt der Junge seine eigene Haltung wieder, jedoch wirkt die Eishockeyepisode (statt eines Ball-Großbrandes) wie ein Spannungsknick, der nur dazu angetan ist, Stillson und Johnny anzunähern.
Erst das Finale fokussiert wieder auf die Fragen von Mission und Verantwortung, auf Selbstaufopferung zu höheren Zielen, die zu dem erwarteten Ergebnis führt, aber auf dem Höhepunkt praktisch abbricht, ohne die liebevolle und um Verständnis bemühte Abrundung durch die Nebenfiguren (Sarah, der Vater Herb) zu erfahren.

So wirkt "Dead Zone" hauptsächlich über die Präsenz Walkens, dessen Zerbrechlichkeit immer mehr zunimmt (seine Krankengeschichte rund um die Hirnschädigung und die "tote Zone" sind übrigens noch zwei Auslassungen, die wegwerfend in ein, zwei Nebensätzen erwähnt werden, ohne die Bedeutung klar werden zu lassen), dessen Entscheidungsprozesse aber nicht wirklich nachvollziehbar oder schlüssig wirken. Allein sein optischer Verfall läßt das Publikum mitfühlen.
Für die Nebenrollen bleibt da wenig übrig, da ihre literarische Plastizität durch die Simplifizierung diverser Schlüsselszenen stark gemindert wird. Herbert Lom, stets ein souveräner Darsteller, ist einfach zu unemotional für den besorgt-väterlichen Arzt Weizak; Brooke Adams als Sarah wird in einem episodischen Einschub mittels eines Paybackliebesabenteuers verschleudert, um im Finale praktisch als "plot device" noch mal ins Spiel geworfen zu werden. Tom Skeritts Sheriff Bannerman ist wie üblich solide in seiner mittleren Episode, hat aber auch nicht die nötige Komplexität aus Hoffnung und Unglaube wie im Buch. Die Eltern sind zu selten im Bild und gleiches gilt auch für die diabolische Darstellung Martin Sheens als politischer Demagoge im Stile Hitlers, der genau das zu sagen weiß, was die Massen hören wollen, während ihm der Irrsinn aus den Augen leuchtet.

Natürlich ist es leichter, mit dem Werdegang nur einer Figur zu antizipieren, aber gerade die Vielschichtigkeit der vielen Personen, die Johnnys Weg begleiten, macht Kings Buch zu einem seiner besten und ausgereiftesten Werke, das auch gleich noch einen zeitgeschichtlichen Abriß über die Spätsechziger und die Siebziger bietet, während um die Figuren die Jahre verstreichen.
Die Tragödie des Allerweltsmannes, den wirklichen Leidensweg, kann Walken nicht fühlbar machen, dazu ist er viel zu unterkühlt, zu fremdartig und alienesk. Zwischen Brooke Adams und ihm ist keine wirkliche emotionale Wärme und auch zu den übrigen Figuren hält er ständig eine emotionale Dauerdistanz.
So ist in Cronenbergs "Dead Zone" zwar fast alles drin, was im Roman passiert, aber es fehlt vieles, das erklärt und verdeutlicht, warum es passiert, bzw. wieso sich der Lebensweg so fortsetzt, wie er es dann tut. Visuell durchaus treffend (im Film ist fast immer Winter oder es zumindest grau draußen) inszeniert, fehlt dem Film jedoch neben seiner Botschaft vor allem Liebe und Seele - was das Hauptargument für eine Neuinterpretation des Buches in Filmform wäre, möglicherweise mit einer zeitgeschichtlichen Anpassung an die nähere Vergangenheit. Nur punktuell meisterhaft, ansonsten erzählerisches Stückwerk. (6/10)

Details
Ähnliche Filme