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„Heute gehört uns Kalifornien und morgen die ganze Welt!“

Mitte der 1970er ließ Low-Budget- und B-Movie-Experte Roger Corman 300.000 $ springen, um eine auf Ib Melchiors Kurzgeschichte „The Racer“ basierende satirische Dystopie schreiben und von US-Regisseur Paul Bartel („Endstation Horror“, „Cannonball“) inszenieren zu lassen: „Death Race 2000“ alias „Frankensteins Todesrennen“ kam 1975 in die Kinos – und machte keine Gefangenen.

„…für ein neues Zeitalter des Überflusses auf dem fruchtbaren Felde einer privilegierten Minderheit.“

Finanzkrise und Militärputsch haben die USA dahingerafft, an ihre Stelle trat die autokratische Diktatur der „Vereinten Provinzen“. Ihr Präsident (Sandy McCallum) unterhält sein Volk mit dem jährlich stattfindenden „transkontinentalen Straßenrennen“ von der Ost- an die Westküste, bei dem die Fahrerinnen und Fahrer in ihren Kampfboliden nicht nur schneller als die Konkurrenz sein, sondern auch fleißig Passanten überfahren müssen, um Punkte zu erlangen. Doch diesmal, im Jahre 2000, hat es sich eine Widerstandsgruppe zum Ziel gesetzt, das Rennen zu sabotieren und den Präsidenten umzubringen. Annie Smith (Simone Griffeth, „Swamp Girl“), Enkelin der Rebellenführerin (Harriet Medin, „Blutige Seide“), schleicht sich als Kopilotin in den Wagen des Death-Race-Champions Frankenstein (David Carradine, „Kung Fu“). Dieser hegt jedoch nicht nur eigene Pläne, sondern durchschaut auch seine Mitfahrerin…

„Mein Kopf besteht zum größten Teil aus Plastikteilen und Stahlplatten.“

Das „transkontinentale Straßenrennen“ wird als moderiertes und kommentiertes Sport- und Medienspektakel inszeniert, so ähnlich, als würden Politik und Fernsehen Cannonball Runs aufgreifen und wie „Das Millionenspiel“ aufbereiten. Bartel weiß, wo er den Most holt, und macht aus der Prämisse eine kunterbunte, comichaft überzeichnete, plakative und politisch unkorrekte dystopische Satire voller schräger Figuren. Gegen Frankenstein und Annie treten u.a. Nazi-Walküre Matilda (Roberta Collins, „Rollerfieber“) mit Herman dem Wüstenfuchs (im Original „Herman the German“; Fred Grandy, „Drei Engel für Charlie“), stilecht inklusive Hakenkreuzen und entsprechenden Fans, Nero (Martin Kove, „The Last House on the Left“) und Cleopatra (Leslie McRay, „Treffpunkt Los Angeles“) sowie Machine Gun Joe (Sylvester Stallone, „Brooklyn Blues - Das Gesetz der Gosse“) und Myra (Louisa Moritz, „Einer flog über das Kuckucksnest“) an, allesamt in passende Kostüme und aufgemotzte Seifenkisten gesteckt. Der Präsident hält zutiefst zynische Ansprachen, will den Vergeltungskrieg gegen die Franzosen und eröffnet das moderne Gladiatorenspiel, bei dem das Überfahren von Kindern und Alten Extrapunkte einbringt, die von der tumben Masse frenetisch gefeiert werden.

„Je schneller du läufst, desto länger lebst du!“

Im Mittelpunkt des Films steht Frankenstein, aus dessen subjektiver Perspektive die ersten Einstellungen gezeigt werden, der in den 1990ern fast seinen gesamten Kopf verloren und der seinen hageren Körper erst in einen schwarzen Ganzkörperlatexdress (inklusive Cape!) und anschließend in sein Krokomobil gezwängt hat. Bewohnerinnen und Bewohner eines Altersheims werden ihm eigens auf die Strecke drapiert, damit er sie überfahren kann, doch Frankie nimmt lieber einen Umweg und fährt das Pflegepersonal platt. Bei seinen Fans ist er derart beliebt, dass sie sich ihm freiwillig opfern. Einer seiner Erzfeinde ist Machine Gun Joe, der Frauen schlägt, bei einer Prügelei gegen Frankie jedoch den Kürzeren zieht. Überhaupt, Machine Gun Joe: Einfaltspinsel Stallone hatte kurz darauf seinen Durchbruch mit „Rocky“ – umso witziger ist es, ihn in dieser Rolle zu beobachten, für die er wie ein Gangster aus der Prohibitionszeit hergerichtet wurde, aber oftmals wie eine Karikatur auf seine späteren Rollen wirkt, von der Mimik über seine Gewalttätigkeit bis hin zum idiotischen Herumgeballere.

„Der Kandidat hat 440 Punkte!“

Ausgewalzte Splatterszenen gibt es natürlich nicht zu sehen, doch beim Überfahren der Punktebringer spritzt das Blut recht ordentlich. Das Tempo ist die meiste Zeit über – passenderweise – hoch, lediglich für die Fahrpausensequenz, in der sich die Fahrerinnen und Fahrer massieren lassen und sich entsprechend freizügig präsentieren, wird es gedrosselt. Die meiste Zeit aber wird gerast, überfahren, schnappen tödliche Fallen der Rebellen zu oder bekommt irgendjemand einen Tobsuchtsanfall. Der Humor ist aller Offensive zum Trotz gespickt mit Anspielungen, insbesondere auf die US-amerikanische Geschichte. Einblendungen des Streckenverlaufs in Form von Computergrafiken rufen immer wieder ins Gedächtnis, dass der irre Zirkus im nationalen TV übertragen wird, was nur eine von zahlreichen Spitzen gegen den American Way ist. Von wirklich bösartigen Dystopien unterscheidet sich „Death Race 2000“ jedoch nicht zuletzt durch sein allumfassendes Happy End. Corman, Bartel & Co. sicherten sich hiermit eine gute Platzierung im Rennen der irrsinnigsten Low-Budget-Film-Angriffe auf das Establishment der 1970er und inspirierten Brüder im Geiste wie Troma und Konsorten. Und nach 80 Minuten Kurzweil wird auch schon die karierte Flagge geschwenkt.

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