Trotz des zweifelhaften Stands, den „Junges Blut für Dracula“ genießt, hat es ein Jahr später immerhin noch zu einer Fortsetzung gereicht. „Die sieben Pranken des Satans“ sieht kein Hindernis darin, Robert Quarrys Vampirfürsten wieder aus dem Sand zu rekonstruieren, zu dem er zerfiel (magischer Wind hat im Phantastischen Film noch immer Wunder gewirkt). Und er wird umgehend zur seltenen Sorte von Fortsetzung, die mindestens genauso frisch wirkt wie das Original. Dass noch ein dritter Yorga-Film geplant war, in dem er als abtrünniger Kanalisationsbewohner zum Strippenzieher einer Armee von Fußsoldaten werden sollte, ja dass sogar ein Crossover mit Dr. Phibes zur Diskussion stand, untermauert das Vertrauen in die Festigkeit der Markenzeichen dieser Mini-Saga, die relativ unbehelligt im Niemandsland zwischen klassischem Vampirfilm und moderner Neuinterpretation schwebt… wie eine plötzliche Brise unerklärlichen Pfefferminzduftes in den Katakomben eines alten Schlosses.
Schade, dass das Vertrauen nicht vom Publikum geteilt wurde und weitere Fortsetzungen nie entstanden. Der geringe Erfolg der Count-Yorga-Figur erschließt sich bei alleinstehender Betrachtung des ersten Teils durchaus noch. Man stellt sich ein sehr gemischtes Publikum vor, von dem keine Untermenge hundertprozentig zufriedengestellt worden sein dürfte. Die Fortsetzung allerdings ändert etwas an diesen Eindrücken. Indem sie sich dem Original gegenüber verpflichtet und jede seiner Ideen verteidigt, egal wie hohlbirnig oder auch gerissen sie sein mögen, hebt sie dessen Charakter noch einmal hervor und entwickelt dadurch auch einen eigenen. Diese besondere Konstanz bezieht „Die sieben Pranken des Satans“ vor allem aus seiner stabilen Besetzung: Regie, Drehbuch, Musik, Hauptdarsteller und einige Nebendarsteller sind allesamt ein zweites Mal mit dabei. Eine Besonderheit in einer Zeit, da Horrorfilme gerne schnell und billig mit C-Mannschaften zur Ehre ungefragter Fortsetzungen kamen. Ausgetauscht wurde dann doch der Mann hinter der Kamera, dies ist aber nicht unbedingt als Entwicklung zum Schlechten zu verstehen, wenn man bedenkt, dass Bill Butler vier Jahre später von Steven Spielberg für die Kamera von „Der Weiße Hai“ engagiert wurde. Schmuddelige Trailerpark-Impressionen muss man bei ihm nicht mehr befürchten, er ist hauptsächlich damit beschäftigt, die samtverhangenen Gemächer Quarrys möglichst räumlich zu treffen.
Robert Quarry, der im ersten Teil bereits Anschluss hielt zu den ganz großen Interpreten des Vampirkinos, führt seine Rolle mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Exaltiertheit fort, die durchaus wieder in Entzücken versetzt. Als armer Tropf, der vor dem Zauber des weiblichen Geschlechts nicht gefeit ist, eröffnet er dem Film auch noch die Wirkungsbereiche der unvergänglichen Tragik, die nur ein Vampir empfinden kann, bis zum Hilariousity-Faktor, der aus genau dieser Tragik entstehen kann, wenn sie allzu linkisch umgesetzt wird. Yorga ist so etwas wie ein bemitleidenswerter Tor, über den man lachen kann oder auch sich vor ihm fürchten – abhängig davon, ob er möglicherweise gerade in Reichweite ist, um einem mal eben seine Fänge in den Hals zu schlagen. All die Plastikbeißer, wehenden Umhänge und trägen Gesichtsausdrücke der Untoten tragen eben auch ein komödiantisches Potenzial in sich, dessen sich die Macher durchaus bewusst sind: Schließlich lässt man gleich am Anfang einen albern geschminkten Faschingsdracula in einem Kostümwettbewerb den ersten Preis gewinnen, woraufhin der Gewinner süffisant zu Yorga hinübersieht und dieser mit höflichem Beifall reagiert.
Bob Kelljan widersteht aber trotz dieser humoristischen Experimente der Versuchung, Count Yorga zum heimlichen Sympathen auszuarbeiten, wie es viele Sequels zu tun pflegen, die auf charismatische Bösewichte zurückgreifen können. Quarrys Szenen sind keinen Deut zugänglicher als im ersten Teil, er operiert immer noch aus dem Schatten und setzt zu Überraschungsattacken an, die den Schreckmomenten ein sehr spezielles Pacing verleihen, das mit dem heute bekannten Jump Scare überdies nicht viel zu tun hat. Seiner Präsenz tut die spärliche Screentime keinen Abbruch: Wo immer Quarrys blasser Teint aus dem Dunkel hervorbricht, wird er zum Spezialeffekt, der sogleich alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch wenn vielleicht sogar die ganz großen Auftritte des ersten Teils fehlen. Darüber hinaus ist es beachtlich, dass er überhaupt diese Wirkung erzeugen kann; alleine auf der Kostümparty führt er mit seiner Angebeteten ein Gespräch, das sich über mehrere Minuten zieht und mischt sich anschließend auch noch unter die Leute. Mit einer solchen Einführung trotzdem noch das Bild eines mysteriösen Schlossbewohners abzugeben, unterstreicht die Vermischung von klassisch und modern. Ebenso wie das Fun Fact, dass in einer Szene „Gruft der Vampire“ im Fernseher läuft – ein klassisch geprägter Hammer-Streifen, der zu jener Zeit aber erst ein Jahr alt war.
Die Vampirdamen, zahlenmäßig inzwischen vom Draculas-Bräute-Trio zum wahrhaftigen Harem angewachsen, bedienen derweil unter dem Einfluss Yorgas mit ihrer schlafwandlerischen Fortbewegungsweise eher Zombie-Ästhetik, die gerade bei ihrer Auferstehung „from beyond the grave“ zur Geltung kommt. Der Dank dafür geht an „Night Of The Living Dead“. Dabei beschränkt sich Kelljan längst nicht auf Romero’schen Schnecken-Grusel. So gemahnt der Junge mit dem Ball an Mario Bavas „Operazione Paura“ und schürt die Furcht vor besessener Kindersaat. Insbesondere aber das Sounddesign im Zusammenspiel mit Kamera und Schnitt sorgt für flotte Buh-Effekte, bei denen geisteskrankes Gelächter (toll in diesem Punkt auch wieder die deutsche Synchronisation) und das Gefühl der Deckungslosigkeit ein harmonisches Ganzes ergeben. Die Flucht durch Yorgas labyrinthisches Anwesen spielt zudem mit Sackgassen und ausgehenden Optionen. Sogar der finale Freeze Frame ist zurück – nicht als banale Kopie, sondern in einer interessanten Variation.
Die Zivilisation hat sich zwar inzwischen zugunsten altmodischer Friedhöfe und anderer Schauerorte ein wenig zurückgezogen, da ein Großteil der Handlung rund um das Anwesen Yorgas stattfindet. Nichtsdestotrotz, nur in wenigen Filmen mit einem uralten Vampirfürsten dürfte wohl ein Blick auf die Golden Gate Bridge geboten werden. Und wann sieht man schon mal einen Untoten mit gebleckten Fangzähnen über einen Bootsteg rennen?
Dass „Die 7 Pranken des Satans“ oft als der bessere Film eingestuft wird, könnte sogar ein Trugschluss sein. Was ihm eben besonders gut gelingt: Er erzeugt das Gefühl, dass man es mit einem eigenständigen Werk zu tun hat, das sein eigenes Tempo geht; und doch verhält es sich komplementär gegenüber dem Original. Das aufgestockte Budget tut sein Übriges. Überragende Genre-Werke wird man in beiden Fällen nicht finden, wohl aber eine Menge Charakter, der sich in weiteren Fortsetzungen gut hätte ausbauen lassen.