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Eine junge Lehrerin zieht nach ihrem Referendariat in eine neue Stadt um die erste feste Stelle anzunehmen. Der neuen Situation begegnet sie äußerst zuversichtlich, verabschiedet sich möglichst knapp von ihren Eltern und glaubt zu wissen, dass dieser Umzug nichts Weltbewegendes ist. Auch dem Lehrerkollegium begegnet sie äußerst abgeklärt, prophezeit einen „frischen Wind“ den sie in den Unterricht bringen werde.
Dieser frische Wind, das sind Gruppenarbeit und ein möglichst antiautoritärer, zurückhaltender Versuch, die Aufmerksamkeit der Schüler für sich zu gewinnen. Der immense Lärmpegel in ihren Stunden auf dieser Realschule macht aber deutlich, dass weder die Schüler richtig mit dieser Unterrichtsform umgehen können, noch, dass Melanie Pröschle richtig mit diesen Schülern umgehen kann. Als bei einer Grammatikübung in ihrer fünften Klasse die Schüler mal wieder unkontrolliert durcheinander schreien ist es ein Lehrer aus dem anliegenden Klassenzimmer, der sie zur Ruhe bringt. Und dann ist da noch der Schüler, der frustriert über eine schlechte Zensur im Diktat sich zuerst weigert seinen Tetrapack Kakao wegzuräumen und diesen dann auch noch der Lehrerin in den Rücken wirft.

Die Fassade wahren, niemandem seine Schwäche gestehen, funktionieren. Dass sind die Themen dieses Films und Melanie gibt sich große Mühe diesen Prämissen gerecht zu werden. Den Vorfall mit dem Kakao versucht sie zu verbergen oder zumindest herunterzuspielen. Dennoch ruft sie die Mutter des verantwortlichen Schülers zu sich, hauptsächlich um diesem beweisen zu können, dass sie gegen ihn vorgehen kann. Doch von der Mutter lässt sich Melanie die volle Verantwortung für das Verhalten ihres Sohnes in die Schuhe schieben und auch hier, unter erwachsenen Menschen, ist Melanie den Anforderungen einer Konfliktsituation nicht gewachsen. Ihrem Umgang mit Altersgenossen widmet sich der Film dann auch nach und nach immer stärker.
Thorsten, der einzige andere junge Lehrer im Kollegium, versucht sich Melanie sowohl beruflich als auch privat anzunähern. Den fächerübergreifenden Unterricht kann sie einfach mit dem Hinweis darauf ablehnen, dass die Fächer der beiden nicht gut genug zusammenpassen. Die Einladung zum Essen kann sie aber nicht einfach so abschlagen, man will doch freundlich sein, auch wenn einen das Gegenüber nicht interessiert, doch eine wirkliche Konversation lässt Melanie nicht zu. Und als sie gefragt wird, ob sie sich denn wohl fühle in der Schule, geht sich zum Heulen aufs Klo. Auch wenn man ihr Hilfe anbietet, glaubt Melanie die Starke geben zu müssen, über Probleme wird nicht offen geredet, vielleicht ein Tribut an ihre Dorfvergangenheit.
Kommunikationsschwierigkeiten dominieren ohnehin die Dialogebene des Films. In der neuen Heimat macht es sich Melanie zur dringlichsten Aufgabe eine Freundin zu finden. Schon in einer der ersten Nächte beobachtet sie im Fenster gegenüber einen Streit, von dem sie nur so viel mitbekommt, dass die Frau, Tina, die Unterlegene ist. Glaubt sie in ihr eine ähnlich schwache Frau gefunden zu haben? Jedenfalls sieht sie Tina am nächsten Tag zufällig auf der Straße, folgt ihr in ihre Boutique und beginnt etwas unsicher ein Gespräch in dem bald die Themen knapp werden.
Trotzdem treffen sich die beiden Frauen später immer wieder, auch wenn Tina die junge Lehrerin strikt von ihrem übrigen Freundeskreis trennt und Melanie in der Beziehung nie die Aufmerksamkeit bekommt, die sich sie gerne hätte.
Melanies Beziehung zu Tina wird immer obsessiver: Sie besucht sie unangemeldet, spioniert ihr hinterher und verfolgt sie sogar, nur um so tun zu können, als sei die Begegnung zufällig. Diese und ähnliche Lügen ziehen sich konsequent durch alles, was Melanie sagt und tut. Auch wenn sie nur zu Tinas Laden gefahren ist, um diese dort zu Treffen, behauptet sie, sie sei mit Freunden „um die Ecke etwas trinken“ gewesen, auch wenn sie wiedereinmal ein Wochenende alleine zuhause verbracht hat, sagt sie Thorsten, sie habe sich gut mit Freunden amüsiert. Auch hier wieder das Unvermögen den Anderen gegenüber zu gestehen, wie einsam man ist und wie nötig man sie hat. Man muss ja stark sein, man will ja erfolgreich wirken.

Es gibt eine Neue Deutsche Welle aus Berlin, Filmemacher wie Christian Petzold erzählen in ruhigen Bildern von Menschen, die aus ihrem Alltag fallen, glücklicher Weise auch zum Positiven hin, wie die junge Berlinerin Kroko in Sylke Enders gleichnamigem Film. In den Großstädten oder der Architektur des Mittelstandes zu Hause zeigen diese Filme die Leere und Traurigkeit Deutschlands jenseits von Selbstbewustseinskampagnen. Auch wenn dieser Film nicht der Berliner Schule zugeschrieben werden kann, so ist er sicherlich Teil einer Bewegung innerhalb des deutschen Films hin zu Ernsthaftigkeit, Anspruch und einem gesellschaftlichen Kommentar.
Melanie ist eine Figur, in der sich viel angesammelt hat, weil sie nie über ihre Probleme reden konnte. Die Sequenz in der sie Karins Hausmüll in riesigen blauen Säcken scheinbar wochenlang in ihrem Auto lässt kann zwar so gelesen werden, dass ihre Obsession sie selbst den Müll dieser Frau in ihrer Nähe wünschen lässt, kann aber auch sinnbildlich sein für all den Dreck, der sich in Melanie angesammelt hat.
Hier liegt auch eine eindeutige Schwäche des Films, denn allzu deutlich wird die Psychologie Melanies leider nie. Die Darstellung ihres langsamen Abgleitens in die Psychose ist zwar äußerst glaubwürdig, dennoch wäre es interessant zu wissen, wieso Melanie so einen unbedingten Zwang verspürt, sich nichts anmerken zu lassen. Hat ihr das Elternhaus diesen Drang gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen mit auf den Weg gegeben? Misst sie sich an den Menschen in ihrer Umgebung, allen voran Karin, denen scheinbar alles leicht von der Hand geht? Natürlich, es ist nicht nötig diese Fragen zu beantworten, wenn das Thema nur der Absturz selbst ist, dennoch würde ihre Beantwortung zur psychologischen Glaubwürdigkeit beitragen.
Formal bleibt der Film größtenteils dem allgegenwärtigen Realitätsanspruch treu, der das zeitgenössische Kino so langweilig macht. Das geht sogar so weit, dass die Dialoge im Dialekt gesprochen werden, was außer dem Realismus höchstens noch dem Konflikt zwischen Melanie und ihren Schülern zuträglich ist, da diese Badisch sprechen, jene hingegen Schwäbisch.
Die Digitalkamera bleibt immer im Geschehen, folgt auch manchmal dokumentarisch den Blicken der Protagonisten und ist selten um eine formale, cineastische Schönheit bemüht.Die Kameraarbeit bleibt zwar unauffällig, doch der Schnitt betont die disfunktionalen Dialoge, indem, falls überhaupt jemals richtige Dialoge geführt wurden, nur ihr Ende gezeigt wird. Im gesprochenen Text geht das sogar so weit, dass lediglich am Ende Thorsten die floskelhafte Konversationsebene verlässt und Melanie aufrichtig fragt, was denn mit ihr los sei, dass sie sich vor dem Elternabend drücke. Melanie antwortet nicht, sie geht einfach weg, lässt einfach alles los, was in einem wundervollen Bild für Kontrollverlust, oder eher den freiwilligen Verzicht auf Kontrolle endet. Man hofft, dass es ihr danach besser geht, egal wo die Fahrt endet.

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