Das Vollzeit-Spielfilm-Debüt des Australiers Greg Mclean, „Wolf Creek“ aus dem Jahre 2005, ist eine vorsichtige Variation des Backwood-Terror-Films, angesiedelt im australischen Outback. Zwei Mädels und ein Kerl reisen durch selbiges und geraten in die Fänge einen sadistischen Psychopathen.
Dem Terrorpart geht eine ausgiebige Exposition voraus, die wunderschöne, Fernweh weckende Bilder der weitläufigen Landschaft des Kontinents zeigt sowie unsere drei Protagonisten, Rucksacktouristen bestehend aus zwei attraktiven jungen Frauen und einem ebensolchen Mann, die als Twens die meisten Doofteenie-Slasher-Klischees zu bedienen vermeiden. Diese feiern zunächst noch eine feucht-fröhliche Party, bevor die Reise beginnt und man sich an verträumten Stränden und in malerischer Idylle wiederfindet. Wirklich tiefgehend charakterisiert werden die drei nicht und auch die Sympathie für sie hält sich in Grenzen. Bei manchem Zuschauer mag gar die Missgunst ob ihres anscheinend unbeschwerten Lebens überwiegen. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein beabsichtigter Kniff des Regisseurs war, doch wie auch immer, aufgrund der fotografischen Qualitäten der überlangen Einstiegssequenz wird diese nie wirklich langweilig, sondern entfaltet ihre Wirkung, indem sie den Zuschauer in ein trügerisches Glück entführt.
Dieses bekommt erste Risse bei der Begegnung des Trios mit alkoholisierten Redneck-Dorfprolls, die es mit provokanten Sprüchen bedenken und mit ihrer Streitsucht ihre Fremdenfeindlichkeit unter Beweis stellen. Spätestens ab hier dürfte der Zuschauer seine Sympathien eindeutig zugunsten der Touristen verteilen und nachdem das Auto liegengeblieben und man auf die Hilfe des zunächst freundlich erscheinenden Dörflers Mick (John Jarrat) angewiesen ist, gewinnt der Film an Fahrt und beginnt zunächst leise und subtil, jedoch unaufhörlich, die Spannungsschraube anzuziehen und zunächst Psycho- bis hin zum späteren Physioterror zu verbreiten.
Das vorsichtige Kennenlernen der Opfer mit ihrem späteren Peiniger ist grandios und meines Erachtens die stärkste Phase des Films. Gebannt verfolgt man als Zuschauer die differenzierte Charakterzeichnung Micks als ein freundliches „Original“, der glaubwürdig scheinbar ohne Hintergedanken seine Hilfe anbietet, aber mit einem etwas seltsamen Humor gesegnet und irgendwie besser mit Vorsicht zu genießen ist. Im Umgang mit Mick ist das Trio verunsichert und vorsichtig, überlegt hin und her und versucht, in jeder Situation die richtigen Worte zu finden. Als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt, erzählt Mick nach einiger Zeit vom Abschlachten von Kängurus und erntet dafür zweifelnde Blicke der inzwischen ausgelieferten Twens, denen man ansieht, was in ihren Köpfen vorgeht. Ist das das Gesetz des Outbacks? Sind wir in der Position, uns kritisch zu äußern? Ist Mick einfach ein aufrichtiger Mensch und haben wir verweichlichte Städter schlicht keine Ahnung? Versuche seitens des Trios, das Gespräch aufzulockern, scheitern an Micks Eigenart, selbst gern Witze auf Kosten anderer zu machen, auf ihn bezogene Gags aber mit stoischer, ungläubiger Miene zu quittieren. All das ist nicht nur klasse geschauspielert, sondern überaus realistisches Verhalten zwischen sich fremden Menschen. Knisternde Atmosphäre, Luft zum Schneiden.
Angesichts des bisherigen Tempos der Handlung kommt der Bruch zum Terrorpart hart und dadurch verdammt wirkungsvoll. In entsprechend hergerichtetem Psychokiller-Ambiente schreitet Mick zur Tat und malträtiert seine Opfer. Von nun an bricht „Wolf Creek“ mit einigen ungeschriebenen Genre-Gesetzen und wurde absichtlich gegen die Erwartungshaltung Backwood-versierter Zuschauer gebürstet, was die handwerklich einwandfrei umgesetzten Gewaltausbrüche, Verstümmelungen und Tötungen umso wirkungsvoller macht. Mutmaßungen hinsichtlich des weiteren Handlungsverlaufs und überlebender Charaktere erweisen sich als falsch, „Wolf Creek“ verabschiedet sich vom typischen überzeichneten Backwood-Terror und bewegt sich in Richtung toternster, verstörender Folterfilme von fragwürdigem Unterhaltungswert. In dieser Kombination ein interessanter Drahtseilakt, der als gelungen bezeichnet werden kann.
Als weniger gelungen empfinde ich den pseudorealen Hintergrund, der mit den von anscheinend tatsächlich häufig vorkommenden Verschwinden von Menschen auf dem australischen Kontinent berichtenden Texttafeln im Prolog zu etablieren versucht wird und den Film mit einem entsprechenden Epilog beendet. Die Authentizität leidet unter der Spekulativität der Umsetzung und es würde mich generell überraschen, wenn sich heutzutage überhaupt noch jemand von „basiert auf wahren Ereignissen“-Behauptungen hinterm Ofen hervorlocken lassen würde. Das hatte „Wolf Creek“ meines Erachtens nicht nötig.
Kritiker mögen zudem bemerken, dass „Wolf Creek“ sich nicht eindeutig dahingehend positioniert, übliche Genreklischees auszusparen oder voll zu bedienen und deshalb je nach Sichtweise – ultraharter Torture-Film oder eben typischer Backwood-Terror – an Punkten einbüßt. Eher oberflächliche Charakterisierungen und typische Kopfschüttelmomente wie verpasste Chancen, dem Killer den Garaus zu machen, stehen tatsächlich im Kontrast zur Kompromisslosigkeit des Finales.