Review

Des Kaisers neue Kleider
TONY TAKITANI
von Jun Ichikawa
Japan 2004

Vorsicht, die folgende Kritik enthält SPOILER!

INHALT:
Tony Takitani ist einsam. Er war schon immer einsam: Die Mutter starb drei Tage nach seiner Geburt, der Vater, ein Jazzmusiker, war meist mit seiner Band unterwegs und ließ sich nur selten zu Hause blicken. Tony wurde von einer Haushälterin versorgt. Schon als Mittelschüler entband er diese von einigen ihrer Pflichten, bereitete sein Essen selbst zu und ging allein zu Bett. In der Schule war er ein Außenseiter ohne Freunde, unter anderem deshalb, weil bereits sein amerikanischer Vorname bei den meisten Mitschülern unverhohlene Ablehnung auslöste. Später studierte er Malerei, fand aber auch an der Universität keinen Kontakt zu den Menschen in seiner Umgebung, deren Bilder er „unausgegoren und hässlich" fand.

Jahre später arbeitet Tony als Illustrator und hat sich auf Arbeiten mit technischem Inhalt spezialisiert, die er mit außergewöhnlicher Detailtreue anzufertigen versteht. Tag für Tag sitzt er einsam an seinem kleinen Arbeitstisch und zeichnet.
Eines Tages bekommt er es dienstlich mit der fünfzehn Jahre jüngeren Eiko zu tun und entwickelt erstmals eine nennenswerte Zuneigung zu einem anderen Menschen. In einem Anfall von nicht zu erwartender Kühnheit lädt Tony sie zum Essen ein und trifft sich auch danach mit ihr. Beim fünften Treffen macht er ihr einen Heiratsantrag. Eiko ziert sich ein wenig, da sich noch ein anderer Mann um sie bemüht, doch schließlich willigt sie ein. Man verbringt eine schöne Zeit miteinander. Eiko „ist eine tüchtige Hausfrau und führt den Haushalt zuverlässig", und so darf Tony freundlich lächelnd auf einer Bank sitzen und ihr beim Autowaschen zusehen.
Doch es gibt ein kleines Problem, das die Reinheit und Schönheit dieser Beziehung zu trüben beginnt: Eiko kauft gern Kleider und Schuhe. Und sie kauft viele Kleider und Schuhe. Und Mäntel. Und Röcke. Und Blusen ... Von einer krankhaften Sucht getrieben zieht sie durch die Läden und kommt fast täglich mit Designermode beladen nach Hause. Die Anschaffung neuer Schränke ist da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Bald schon muss ein ganzes Zimmer als Wäscheschrank herhalten. Tony vermag die Folgen dieser Entwicklung durchaus realistisch einzuschätzen und richtet diesbezüglich ein paar Worte an seine Frau, denen ein zarter Hauch von Kritik zu entnehmen ist. Selbst das ist aber schon zu viel für sie: Allein die Vorstellung, in Zukunft den Kleiderkauf einschränken oder gar auf ein gesundes Maß reduzieren zu müssen und damit ihren einzigen Lebensinhalt zu verlieren, treibt sie fast in den Wahnsinn. Bei ihrer nächsten Autofahrt ist sie unaufmerksam und verunglückt tödlich.
Nun ist Tony wieder einsam, ja, einsamer noch als je zuvor, da er das Gefühl der Nähe zu einem anderen Menschen kennengelernt hat und nun schmerzlich vermisst.
Er annonciert in der Zeitung, dass er eine Assistentin sucht und gibt die genauen Konfektions- und Körpermaße seiner verstorbenen Gemahlin als Einstellungsbedingung an. Unter den dreizehn Frauen, die sich nicht zu schade sind, auf so etwas zu antworten, sucht er die junge Hisako aus, welche bei der Arbeit die Sachen seiner Frau anziehen soll. Aber schon am nächsten Tag überlegt es sich Tony anders. Er bittet Hisako, die ganze Angelegenheit zu vergessen und entschließt sich, den Inhalt des Kleiderschrankzimmers an einen Second-Hand-Laden zu veräußern. Nur einen Augenblick lang zieht er einen möglichen Weg aus der Isolation noch in Erwägung, dann fügt er sich in sein Schicksal.

KRITIK: Falls es mir nicht gelungen ist, das schon deutlich genug anklingen zu lassen: Tony Takitani ist ein Film über die Einsamkeit. Und eine Literaturverfilmung.
Haruki Murakami heißt der Verfasser der Kurzgeschichte, die Regisseur Jun Ichikawa in den verhängnisvollen Irrglauben trieb, man müsse ihr ein filmisches Denkmal setzen. Murakami ist einer der populärsten Vertreter der japanischen Gegenwartsliteratur, ein Mann, der fast für jeden Einkaufszettel, den er schreibt, einen Literaturpreis hinterhergeworfen bekommt. Angesichts dessen wird es niemanden verwundern, dass die filmische Annäherung an eins seiner Werke nicht auf die herkömmliche, profane Weise erfolgt. Ichikawa suchte nach einem Konzept, das einerseits jede Beschädigung der literarischen Vorlage ausschließt und andererseits seine Kompetenz als schöpferisch handelnder Filmemacher nicht infrage stellt. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist ein 75-minütiges, herausfordernd prätentiöses und nichtssagendes Kino-Hörbuch.

Aber der Reihe nach:
„Tony Takitanis richtiger Name war wirklich Tony Takitani", verkündet die sanfte Stimme eines Off-Sprechers. Dieser Einstieg mutet etwas merkwürdig an, geht aber zumindest noch als originell durch. Dass es gleichzeitig auch schon der letzte halbwegs originelle Satz des gesamten Films war, kann man hier freilich noch nicht ahnen. Die ersten Bilder sind wesentlich richtungsweisender - ruhig, karg und begleitet von einem melancholischen Score aus der Feder von Ryuichi Sakamoto.
Der Sprecher informiert recht ausführlich über das Leben von Tonys Vater und die Kindheit des Protagonisten. Nach etwa neun Minuten, genau an der Stelle, an der man es erwartet, wird der Titel eingeblendet.
Bis hierher läuft also alles „nach Plan" und man kann noch immer guter Dinge sein. Aber nun geschieht etwas Unerwartetes: Der Off-Sprecher mit der sanften Stimme erzählt weiter. Er erzählt und erzählt, und ich kann es vorwegnehmen: Er wird erst wieder damit aufhören, wenn der Film zu Ende ist. Man bekommt im Prinzip die gesamte Handlung erzählt, während im Hintergrund Bilder laufen, die sich durch diese Vorgehensweise in einer mitunter sehr augenfälligen Beliebigkeit verlieren oder aber - und das ist noch viel schlimmer - genau das zeigen, was die Off-Stimme gerade gefühlvoll-schläfrig zu berichten weiß.

Das ist also der Weg, auf dem sich Ichikawa der literarischen Vorlage annähert: In grenzenloser Ehrfurcht erstarrt lässt er sie dem Publikum einfach vorlesen (es gibt allen Grund zu der Annahme, dass vieles wortgetreu wiedergegeben wird) und bastelt ein paar Bilder dazu. Hut ab ... 
Immerhin weiß der Regisseur, dass das auf Dauer ein wenig mager ist und holt zu einem weiteren filmischen Husarenstreich aus: Er lässt die Darsteller an verschiedenen Stellen, deren Auswahl völlig willkürlich wirkt, die Sätze des Off-Sprechers vollenden beziehungsweise ganz übernehmen. Dass die Handelnden, zu denen man ohnehin nur mit viel Mühe und gutem Willen ein halbwegs akzeptables Verhältnis aufbauen kann, durch diesen „Kniff" fast endgültig zu leblosen Marionetten der Inszenierung verkommen, nimmt er billigend in Kauf. Möglicherweise sorgt seine Idee zunächst noch für das eine oder andere anerkennende Kopfnicken, aber mit jedem erneuten Einsatz verliert sie erheblich an Reiz und erreicht schnell den Punkt, an welchem sie nur noch als peinlich oder gar lächerlich empfunden werden kann.
Auch für seine Bilder hat sich Ichikawa etwas einfallen lassen. Die Übergänge von Einstellung zu Einstellung sind vorwiegend so gestaltet, dass die Kamera sehr langsam von links nach rechts über einen breiten schwarzen Balken zum nächsten Bild schwenkt. Dadurch ist die Leinwand immer einige Sekunden lang völlig schwarz. Mit der Zeit summiert sich das allerdings und man kann am Ende noch ein paar Minuten, in denen nichts passiert, von der ohnehin geringen Lauflänge des Films abziehen. „Ich wollte den Film so konstruieren, dass, wie bei einer Drehung um 360 Grad, die einzelnen Abschnitte der Geschichte aufeinander folgen", äußert sich der Regisseur diesbezüglich. Nun, diese 360-Grad-Drehung ist ihm ausgezeichnet gelungen: Am Ende findet man sich frustriert und durch nichts bereichert genau dort wieder, wo das ganze Ungemach seinen Ausgang genommen hat.
Die Bilder selbst sind dem Thema angemessen überwiegend minimalistisch gehalten. So sieht man zunächst vor allem Tonys nüchtern und spärlich eingerichteten Arbeitsraum, immer mit dem Blick in Richtung Fenster. Später gewinnt darüber hinaus das Wäscheschrankzimmer an Bedeutung, wobei auch hier die Kamera stets am gleichen Fleck klebt. So ehrenwert aber der Vorsatz, Bilder und Grundgedanken des Films möglichst exakt aufeinander abzustimmen, auch sein mag, seine Umsetzung führt unweigerlich dazu, dass man schnell das Interesse an den ewig gleichen Einstellungen verliert und ihrer irgendwann überdrüssig wird. Erlösende Außenaufnahmen sind leider eine Seltenheit. Darunter finden sich ausnehmend schöne Bilder, die aber im Verlauf des Films einige Male mit zu offensichtlichem Stolz erneut präsentiert werden, was selbst bei ihnen zu deutlichen Abnutzungserscheinungen führt.

So sieht man also Tony beim Zeichnen, beim Biertrinken, wieder beim Zeichnen, beim Baden, beim Verzehren von Salat und wieder beim Zeichnen, während der Off-Sprecher nicht müde wird, den Zuschauern immer wieder die Einsamkeit des Protagonisten zu versichern ...

Dem bisher Gesagten ist unschwer zu entnehmen, dass sich Tony Takitani nach einem passablen Start recht schnell zum beträchtlichen Ärgernis entwickelt. Von Minute zu Minute fällt es dem Werk schwerer, seine gravierenden Mängel hinter einer schmucken Arthaus-Fassade zu verbergen, und am Ende steht man den Trümmern eines Projekts gegenüber, das an der Unfähigkeit, seinem hehren Anspruch ein angemessenes inhaltliches Fundament zu verleihen und nicht zuletzt am völlig verfehlten Umgang mit dem Medium Film auf der ganzen Linie gescheitert ist.

Wie immer jedoch, wenn ein Produkt künstlerischer Tätigkeit nichts zu sagen hat, finden sich genügend urteilsfähige Leute, die an seiner Stelle ausführlich ins Reden kommen und den geistig Armen dieser Welt deutlich machen, was sie da alles nicht verstanden haben. Im Fall von Tony Takitani stehen sie vor einer besonders reizvollen Herausforderung. Dementsprechend häufig begegnet man den Ergebnissen dieser ungezügelten Deutungs- und Erklärungswut. Da ist von einem „verstörenden und rätselhaften Kleinod" die Rede, von einem „tiefen Einblick in Emotionales", von einem „titanischen Streben nach Wahrheit", vom Willen, „das ungelöste Geheimnis des Lebens in der modernen Welt zu ergründen" oder von der Darstellung „des modernen Menschen in seiner hilflosen Vereinzelung". Man ließ sich sogar zu der höchst erstaunlichen Feststellung hinreißen, das Werk sei von einer „ergreifenden Distanz" (!) geprägt. Selbst die Jury des 57. Filmfestivals von Locarno konnte in Ichikawas Film derartig viel Substanz ausmachen, dass sie ihn als jenen Beitrag, „der die Verständigung zwischen den Völkern und Kulturen am stärksten zum Ausdruck bringt" (!) würdigte und ihm ihren Spezialpreis verlieh.
Wenn man all das hört und liest, kommt man sich ein wenig wie in Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider" vor, was ja gleich im doppelten Sinn passt. Tony Takitani ist ein Werk von unverkennbarer, lauthals gähnender Leere, aber (fast) alle wollen hier zweifelsfrei eine bahnbrechende Großtat gesehen haben, als hätten sie Angst, man könne ihnen mangelnde Intelligenz nachweisen, wenn sie diesem aufgeblasenen Nichts die eifrige Bestätigung seiner Tiefgründigkeit verweigern.

Besonders auffällig ist die kollektive Betroffenheit, die dieser „tief traurig stimmende" Film auslöst. Ich war nicht betroffen von Tony Takitani, jedenfalls nicht im hier gemeinten Sinn, und das hat Gründe. Betroffen machen kann mich nur das Schicksal von Menschen, die mir ausreichend nahegebracht werden, zu denen ich eine Beziehung aufbauen kann, weil ihr Handeln nachvollziehbar oder wenigstens sympathisch ist und mir eine Identifikation mit ihnen ermöglicht. Was aber soll mich emotional mit sterilen Kunstprodukten wie Tony oder Eiko verbinden?
Die Titelfigur ist farblos und einschläfernd, ein wandelndes Sedativum, das während des gesamten Films keine andere Funktion hat, als auf höchst plakative Weise verschiedene Stadien der Einsamkeit zu durchlaufen. Nur ein einziges Mal lösen sich Tonys Gesichtszüge aus der Erstarrung und lassen ein Lächeln erkennen. Darüber hinaus ist er an seiner Isolation beileibe nicht ganz unschuldig, denn an anderen Menschen scheint er nicht das geringste Interesse zu haben. Genauso wenig habe ich an ihm.
Und Eiko? Tony selbst charakterisiert sie in einem kurzen Dialog mit seinem Vater wie folgt: „Sie scheint dazu geboren zu sein, Kleidung zu tragen." (Das ist kein Witz - so etwas wird einem hier allen Ernstes und in der felsenfesten Überzeugung, dass es etwas Großartiges ist, vorgesetzt.) Der erste Satz, den sie von sich gibt, lautet: „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine Kleidung das ausfüllt, was in meinem Innersten fehlt." Und ihre letzten Worte beziehen sich auf ein Kleid und einen Mantel: „Was für eine Farbe sie gehabt hatten, was für einen Schnitt sie gehabt hatten, wie sie sich angefühlt hatten ..." Dazwischen redet sie von Kleidung - wenn der Regisseur sie mal reden lässt. Ansonsten übernimmt es der Off-Sprecher, das Publikum bedeutungsvoll mit immer lästiger werdenden Details ihrer einzigen Leidenschaft vertraut zu machen.
Dreimal darf der Leser dieser Zeilen jetzt raten, ob mir das Schicksal einer solchen Figur, deren Mitwirkung an Ichikawas Film sich ohnehin auf ganze zwanzig Minuten beschränkt, in irgendeiner Weise nahegeht.

Im Übrigen sind es Luxusprobleme, mit denen sich Murakamis Helden apathisch herumschlagen. Tony übt immerhin seinen Traumberuf aus und verdient damit so viel Geld, dass er seiner Frau ein riesiges Zimmer bis unter die Decke mit Designerkleidung füllen kann. Und die bedauernswürdige Eiko hat ihre Not mit dem sinnvollen Ausgeben seines Vermögens. Es dürfte auf dieser Welt nicht nur Millionen, sondern Milliarden von Menschen geben, die ihre Sorgen überaus gern mit diesen beiden tauschen würden.

Leider ist mit Eikos unfallbedingtem Ausscheiden die leidige Kleidungsthematik noch lange nicht aus der Welt geschafft. Sie rückt sogar noch stärker in den Mittelpunkt des trägen Geschehens, wobei ihr nicht etwa mit der notwendigen kritischen Distanz, sondern zunehmend mit einer Art lyrischer Verklärung begegnet wird. Als die junge Hisako ihre Tätigkeit als Assistentin antritt, verrät der Off-Sprecher die abstrusen Gedanken, mit denen sie von Regisseur Ichikawa oder gar Literaturgenie Murakami ausgestattet wurde: „Sie fing an darüber nachzudenken, wie es sich wohl anfühlte, so viele wunderschöne Kleider zurückzulassen, wenn man starb." Und als sie am Ende einer sechsminütigen, quälend langweiligen Sequenz, in welcher sie bei unbewegter Kamera einen Mantel, eine Jacke, ein Paar Schuhe und anschließend noch zwei Jacken anprobiert, hemmungslos zu weinen beginnt, dann tut sie das deshalb, weil sie „noch nie so viele schöne Kleider auf einmal gesehen" hat. Wenig später darf auch die Kamera endlich einmal ihren Platz verlassen und an der titanischen Suche nach der Wahrheit teilhaben: Zwei Minuten lang fährt sie bis zur Unschärfe aufgezoomt an den im Wäscheschrankzimmer aufgehängten Jacken und Mänteln entlang ...

Am Ende ist Ichikawa kein Klischee billig genug, um darauf verzichten zu können: Er lässt Tony in einem leeren Raum auf dem Fußboden liegen - als hätte er nicht schon siebzig Minuten lang mit der Brechstange versucht, den Betrachtern und Zuhörern das dürftige Anliegen seines Films einzubläuen.
„Genug!", möchte man rufen. „Genug, ich hab's doch längst begriffen!"

Schließlich sei noch erwähnt, dass Jun Ichikawa nicht nur an brauchbaren Ideen spart, sondern auch an den Schauspielern: Issey Ogata übernahm neben der Rolle des Tony Takitani auch die von dessen Vater, während Rie Miyazawa sowohl Tonys Frau Eiko als auch die junge Assistentin Hisako spielt. Damit wollte der Regisseur laut eigenen Aussagen „ein Gefühl von großer Nähe und Vertrautheit mit den Figuren" erzeugen. Abgesehen davon, dass dieses Vorhaben mit einer katastrophalen Bruchlandung endet, entbindet er sich mit einem solchen Ansatz natürlich auch von der lästigen Pflicht, den Nebenrollen mehr als nur ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders bei Hisako vermisst man einen eigenständigen Charakter schmerzlich.
Zu den beiden Darstellern kann man im Übrigen herzlich wenig sagen: Die Hauptrolle erfordert nicht mehr Talent, als über längere Zeiträume ausdruckslos bis mürrisch dreinblicken zu können, und Rie Miyazawas eigentlicher Einsatzort war eher die Umkleidekabine, da sie außer dem ständigen Wechseln ihrer Kleidung nichts Bemerkenswertes zum Gelingen des Films beitragen musste. Dieses häufige Umziehen hat sie aber souverän gemeistert.

Der einzige erfreuliche Aspekt an Tony Takitani ist wie schon angedeutet der wunderbare Score von Ryuichi Sakamoto. Die zumeist ausgesprochen zurückhaltende Klaviermusik erzeugt eine sehr melancholische Grundstimmung, die eine Zeit lang sogar über den wahren Wert des Films hinwegtäuschen kann und ihn somit fast über Gebühr aufwertet.

Nein, dem „ungelösten Geheimnis des Lebens in der modernen Welt" kommt Tony Takitani nicht auf die Spur. Ichikawas Film erzählt nichts über das Leben, er verharrt unbeirrt in der isolierten Welt seiner Retortenfiguren, die einzig und allein den willkürlichen Regeln ihres Schöpfers, nicht aber denen einer verallgemeinerungswürdigen, weil in der Gesellschaft verankerten und maßgeblich von ihr geprägten Realität gehorchen. Er kann nichts auch nur ansatzweise Verwertbares über Einsamkeit oder Verlustbewältigung vermitteln, sondern beschränkt sich selbstgefällig auf die bloße Zurschaustellung einer schlicht konstruierten subjektiven Szenerie. Mehr ist aber augenscheinlich auch nicht nötig: Solange es genügend kluge Rezensenten gibt, die sich um den Inhalt kümmern, kann sich Ichikawa beruhigt mit Oberflächlichkeiten begnügen.

Und eine Frage sei abschließend noch in den Raum gestellt: Wie zum Kuckuck bringt dieser Weltentfremdungs-Exhibitionismus die Verständigung zwischen den Völkern und Kulturen zum Ausdruck?

FAZIT: Tony Takitani ist ein gefundenes Fressen für alle, die sich begeistert jeden Mist andrehen lassen, wenn er nur an irgendeiner Ecke möglichst aufdringlich nach Kunst riecht. Jun Ichikawas Versuch, eine mickrige Kurzgeschichte zum Leinwandereignis aufzublähen, endet in einer umfassenden Dekonstruktion cineastischer Grundwerte: Sein Film hat nichts zu sagen, was auch nur einen müden Heller wert wäre, erst recht nichts zu zeigen und genügt nicht einmal dem geringsten aller Ansprüche - nämlich dem, wenigstens auf die eine oder andere Art hinlänglich zu unterhalten. Ichikawa opfert die vielfältigen Möglichkeiten des Kinos rücksichtslos seinem verquasten Konzept und liefert letztendlich ein überflüssiges Produkt ab, welches sich nur selten über das filmische Niveau eines ebenso langweiligen wie wichtigtuerischen Dia-Vortrags erheben kann.

Aber auf dieser Welt ist nie alles schlecht, und so hebt sich der Film für sein Ende eine schöne Überraschung auf: Die sanfte Off-Stimme erläutert nicht auch noch den Abspann.

3.5 von 10 Punkten, davon mindestens die Hälfte allein für Ryuichi Sakamotos Musik.

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