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Zeitzeugen des Millenniumwechsels werden sich vielleicht noch an rote Staubschichten und tote Kinosäle erinnern. Die Landung der „Pathfinder“-Sonde auf dem Mars im Jahr 1997 hatte einen gewissen Hype um den roten Planeten ausgelöst und auch dazu geführt, dass Hollywood im Jahr 2000 zwei Großproduktionen zum Thema ins Rennen schickte: „Red Planet“ mit Val Kilmer und „Mission to Mars“ von Brian De Palma. Mit Verzögerung wurde das Setting in B-Produktionen wie John Carpenters „Ghosts of Mars“ (2001) oder Andrzej Bartkowiaks „Doom“ (2005) wiederverwertet. Erfolge konnten mit keinem dieser Projekte eingefahren werden; im Gegenteil, einige der genannten Titel entwickelten sich zu üblen Bauchlandungen, was neben der Güte der abgelieferten Werke auch in Zweifel stellte, ob das Publikum überhaupt etwas mit der Mars-Thematik anfangen konnte.

Dabei hätte man damals schon aus der Geschichte lernen können, denn mit der endlosen Leere des Weltraums und seiner Planeten verhält es sich ja bekanntermaßen ähnlich wie mit den Untiefen der Meere. Und die standen rund zehn Jahre vor dem Mars im Fokus der Filmindustrie. James Camerons „The Abyss“ war in diesem Bild der monumentale Wal, der umringt von kleineren Exemplaren seiner Gattung in die verheißungsvollen 90er Jahre aufbrach mit einem ganzen Koffer voller Versprechen bezüglich technischer Revolutionen. In diesem Fall schwammen die Kleinen sogar als Vorhut ein Stück voraus; „Deep Star Six“ von Sean Cummingham erschien schon im Januar 1989, „Leviathan“ von George P. Cosmatos folgte im März. Hinzu gesellte sich die Roger-Corman-Produktion „Lords of the Deep“ im April und der Video-Billigheimer „The Evil Below“ im Juli. Cameron öffnete die Pforten in den Abgrund dann im August. Doch das Ergebnis war am Ende immer das Gleiche: Bauchlandungen und aufgewirbelter Sand am Meeresboden, wohin das Auge sah.

„Sirene I“ paddelt dieser dicht gedrängten Flottenstaffel mit seiner Veröffentlichung zwischen Frühling und Sommer 1990 ein wenig hinterher, kann aber immer noch zur gleichen Welle gezählt werden. Um sich ganz konkret auf Camerons Wal zu beziehen, schwammen ohnehin sämtliche Mitschwimmer zu nah beieinander. Dass selbst der große Wal das Wasser an der Oberfläche bei weitem nicht so stark aufwühlen konnte wie erhofft, kommt noch hinzu. Insofern ist es keine große Überraschung, dass die an Epigonen ohnehin enorm reiche „Alien“-Saga mal wieder das Fundament liefert, denn in der spanisch-amerikanischen Koproduktion unter der Regie von Juan Piquer Simón haben James Camerons „Aliens“ in ihrer Vielfalt und Unberechenbarkeit deutliche Spuren hinterlassen.

So handelt es sich bei „Sirene I“ im Grunde um einen Weltraum-Film über einen fremden Planeten, den man aufgrund aktueller Trends einfach zu einem Unterwasserfilm umgedichtet hat – womit letztlich der Nachweis erbracht ist, dass beide Elemente dem gleichen Subgenre angehören und nach Belieben getauscht werden können. Wenn sich die in drei Größen angefertigten U-Boot-Modelle durch enge Passagen aus Geröllblöcken manövrieren oder von unbekannten Kreaturen attackiert werden, fühlt man sich gleichermaßen an Raumschiff-Filme wie an Seefahrtabenteuer der 50er Jahre erinnert, was auch damit zu tun hat, dass die Modelltricks in vielen Einstellungen extrem leicht zu durchschauen sind. Manchmal lässt die gewählte Einstellung die tatsächlich viel geringere Größe des Modells erahnen, dann wieder ist es die Textur-Armut und die papierne Bewegung angreifender Tentakeln, die verrät, dass die Realität ein paar Nummern kleiner ist als sie den Anschein machen möchte. Wo in Totalen gearbeitet wird, bekommt die Special-Effects-Abteilung nur selten wirklich überzeugende Kompositionen hin. Eigentlich ist es nur der attackierende Greifarm-Pilz in der oberen linken Ecke einer Unterwasserhöhle, irgendwo gegen Ende des Films, der für ein befriedigendes Schaukasten-Panorama sorgt.

Und doch waren die Produzenten (darunter Dino DeLaurentiis, dessen Bruder Luigi und dessen Neffe Aurelio an „Leviathan“ beteiligt waren) gut beraten, so viel Energie in eine reichhaltige Auswahl an Tricks und Effekten zu investieren wie nur möglich. Denn immerhin sitzt Juan Piquer Simón auf dem Regiestuhl, der gerade erst den Schnecken das Laufen beigebracht und mit ihnen einen erstaunlich flotten Horrorfilm zustande gebracht hatte („Slugs“, 1988). Selbstverständlich ist mit solchen Voraussetzungen ohnehin nicht zu erwarten, auch nur annähernd etwas Vergleichbares wie die animierten Wassersäulen aus „Abyss“ geliefert zu bekommen, die ja schließlich den Weg ebneten zum Effekt-Meilenstein „Terminator 2“. Allerdings zielt ein Film wie „Sirene I“ auf ein ganz anderes Publikum als ein James Cameron. So gesehen nutzt Simón die größte Schwachstelle von „Abyss“, seine esoterische Trägheit, um als Alternative ein schnelles, flottes Gruselabenteuer mit möglichst vielen Schauwerten in exotischem Ambiente anzubieten.

Wie dankbar man aus heutiger Sicht für solch effizientes Filmhandwerk sein kann, zeigt sich schon in der Eröffnungsszene. Simón braucht kaum länger als eine Minute, um den Filmhelden und U-Boot-Experten Wick (Jack Scalia) aus dem Bett zu bewegen, um an einer Expedition teilzunehmen, die seine Expertise benötigt. Wer dagegen einen Jason Statham in vergleichbarer Situation in „Meg“ aus einem Inselparadies entführen will, braucht da ungleich mehr Überredungskunst – und somit mehr Filmminuten, die man sich sparen könnte, denn ob Stathams Figur im Vergleich mit derjenigen von Scalia nun ausgearbeiteter scheint, sei dahingestellt.

An Bord der „Sirene II“ begegnen wir immerhin zwei weiteren bekannten Gesichtern: R. Lee Ermey, der ein wenig sanfter als gewohnt seine militärischen Drills schreit, sowie Ray Wise, dem man nie so ganz den unscheinbaren Mitläufer abnimmt; man wartet regelrecht auf den Moment, in dem er erstmals seine Haifisch-Zahnreihen entblößt. Spätestens jetzt beginnen die „Aliens“-Mechanismen zu greifen, wobei es gerade die dort abgepauste Gruppendynamik ist, die in der Billigversion abgestanden wirkt und zu den uninteressantesten Aspekten des Films gehört.

Das könnte ein Todesstoß sein für einen U-Boot-Streifen, wo normalerweise der psychologische Faktor einer in der Konserve gefangenen Besatzung eine übergeordnete Rolle spielt, doch in diesem Fall gibt es erstaunlich viel Landgang und Schlauchbootaufenthalt, so dass man genauso gut von einem Höhlen-Erkundungsfilm reden könnte. Schleimige Gummiköpfe lugen aus Löchern in den Wänden und werden bei Bedarf mit der Schrotflinte zu Klump geschossen, mit Beinen versehene Fischmonster auf Landgang knuspern mit ihrem baggerartigen Gebiss Gliedmaßen ab und infizierte Crewmitglieder zappeln wie Heinzelmännchen, während ihre Kleidung mit einem Fön zum Flattern gebracht wird (als würden sich schon die Ableger unter der Haut winden; eine eindeutige Verbeugung vor dem Facehugger), bevor die Flinte dem Leiden ein Ende macht. An der Instrumententafel erlöschen gleichzeitig die Pulsanzeigen neben den Namen der Einsatzkräfte, deren Verluste denen eines Bauern auf dem Schachfeld entsprechen. So durchschaubar die Effekte auch sein mögen und so wirr die Drehbuchautoren evolutionsbiologisch betrachtet auch ins Blaue schießen, wenn sie die unmöglichsten Designs miteinander vereinen, immerhin ist um Einiges mehr los als in vermeintlich „realistischen“ Unterwasserstreifen, wo dann nur mal ein Polypenauge von außen in die Kabine glotzt, während es das Boot umschlingt.

Innen spielt sich in der Zwischenzeit ein soapiges Drama um Vertrauen und Verrat ab. Garniert wird es mit den wohl besten Effekten, die mit den vorhandenen Mitteln zu realisieren waren, einer sich langsam ausbreitenden Seuche, die sich mit einem moosigen Belag auf der Haut der Befallenen niederlässt und herrlich eklig pulsiert, während den Wirten das Leben ausgesaugt wird. Die käsigen Dialoge, die besonders Ermeys Charakter unvorteilhaft naiv wirken lassen, sollte man dabei besser nicht zu sehr hinterfragen, möchte man sich den Spaß an der Sause nicht verderben.

Natürlich kann sich „Sirene I“ in der Rückschau der Spätachtziger/Frühneunziger-Unterwasserfilme nicht mit den höher budgetierten Referenzen messen, er bietet aber, auch dank Simóns Gespür für unterhaltsamen Quatsch, eine Menge Abwechslung und Kurzweil fürs Budget. Als Ergänzungsfutter taugt er dadurch weniger für Anhänger von „The Abyss“ als vielmehr für jene von „Alien“-Trittbrettfahrern der Marke „Mutant – Das Grauen im All“...

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