Review

Schreibt man Kritiken nur, um seine Meinung kund zu tun ? - Quasi als geistige Selbstbefriedigung ? - Ich will das nicht völlig ausschließen, aber irgendwo im Hintergrund schwebt auch ein wenig der Gedanke mit, einen Anderen zu motivieren, sich gerade diesen Film anzusehen und ihn dabei mit gleichen Augen anzusehen...

Das erste Wort ,daß mir einfiel, als ich mir diesen Film nach Jahren wieder ansah, war "ERBÄRMLICH" !
Was sind WIR erbärmlich !! - Ständig sieht man sich neue Filme an, diskutiert über Inhalte, Qualitäten, Regie usw., aber wenn man sich diesen Film ansieht, fragt man sich, wo diese Qualität, die man immer so gerne heraufbeschwört ,verloren gegangen ist ?

Dabei ist meistens ein besonders wichtiges Beurteilungskriterium die Charakterisierung. Gerne wird betont, wenn sich ein Drehbuchschreiber und Regisseur Zeit bei der Charakterisierung der Hauptpersonen läßt....

In "Ossessione " ist so etwas nicht notwendig, hier sagt jeder Blick, jede Mundbewegung mehr über den jeweiligen Menschen aus, als eine stundenlange Beschreibung seiner Vergangenheit.

Die Geschichte, die Luchino Visconti hier in seinem ersten Film erzählt, ist eine der klassischen Dreiecksgeschichten nach dem Roman "Wenn der Postmann zweimal klingelt", hier angesiedelt in Italien 1942 in der Umgebung von Ancona.

Der Gelegenheitsarbeiter Gino Costa (Massimo Girotti) kommt bei der Durchreise auf der Ladefläche eines LKW`s bei der Trattoria von Signore Bragana (Juan de Landa) und seiner Frau Giovanna (Clara Calamai) vorbei. Gino ist völlig veramt und hat nur zerfetzte Kleidung und kaputte Schuhe an. Trotzdem geht er selbstbewußt in die Trattoria und trifft dort Giovanna, die in der Küche arbeitet. Sie finden sofort Gefallen aneinander und Gino gelingt es mit einem Trick, daß Giovannas Ehemann den restlichen Tag in die nahe gelegene Stadt fährt.

So kommt es gleich am ersten Tag ihrer Begegnung zum Beginn ihrer Liebesbeziehung....

Die Art wie Visconti diese Begegnung erzählt ist unnachahmlich. Jede kleine Geste, jeder Blick läßt erahnen, was in den Liebenden vor sich geht und wenn Gino völlig selbstverständlich - nachdem der Ehemann weg ist - die Türen der Trattoria hinter sich zuschließt, dann ist jedem klar, was passieren wird....ihre Liebe ist wie die zweier Ertrinkender, gleichzeitig verspürt man auch immer das Verhängnis, was hinter dieser Besessenheit steht.

Nun gilt dieser Film auch als ein Frühwerk des italienischen Neorealismus. Das sollte man sich aber nicht abgehoben vorstellen - quasi als intellektuelle Kopfgeburt - sondern im Gegenteil, Visconti ist ganz nah dran an seinen Protagonisten, die drei Prototypen verkörpern :

- Gino ist der hübsche junge Mann, der nicht so recht weiß was er machen soll. Er vagabundiert so durch die Gegend, nutzt aus, daß Menschen - Männer wie Frauen - sich zu ihm hingezogen fühlen, ist aber außer Stande sich festzulegen und Verantwortung zu übernehmen.

- Giovanna ist eine junge Frau, die der Armut zu entfliehen sucht und deshalb den viel älteren, unattraktiven, aber wohlhabenden Signor Bragana geheiratet hat. Man möchte fast glauben, daß es solche Frauen mit diesen ausdrucksstarken Gesichtern, die zugleich verletzlich, unglücklich, aber immer voller Stolz und Würde sind - und dadurch wunderschön - heutzutage nicht mehr gibt, aber ich denke, daß sie nur nicht mehr dem heutigen Filmschönheitsideal entsprechen. Giovanna haßt ihren Mann, der sie anekelt, aber sie kann sich nicht von ihm lösen....

Beide können ihre Liebe nicht leben, denn er möchte nicht immer neben ihrem Mann als heimlicher Geliebter fungieren, sie will nicht wieder in die Armut zurück, die sie mit Gino erwartet. Deshalb beschließen sie Signore Bragana umzubringen....

- Signore Bragana verkörpert im Grunde den positivsten Charakter. Er ist ein im klassischen Sinne bürgerlicher Italiener. Ihm macht das Leben Spaß, sein Beruf hat ihm Geld eingebracht, er hat viele Kontakte und Freunde und ist immer für einen Spaß zu haben. Gleichzeitig fehlt ihm jegliches Einfühlungsvermögen für seine Frau, er verkörpert eben auch den ignoranten Typen, der sein Ding macht und dabei nicht die Opfer dieser Verhaltensweise bemerkt.

Die unglaubliche Qualität dieses Filmes ist, daß man diesen Menschen so nah kommt, daß man jedes Mal, wenn man den Film in größeren zeitlichen Abständen sieht, eine andere Haltung zu den Hauptpersonen bekommt. Früher entwickelte ich auch eine schnelle Ablehnung zum korpulenten Signore Bragana, aber inzwischen erkenne ich auch seine trotz Ignoranz vorhandene Menschenfreundlichkeit, während die Liebenden jeweils ziemlich egoistisch wirken. Nur - selbst diese Haltung kann sich während des Films wieder verändern.

Dazu zeigt Visconti ein realistisches Bild Italiens im Jahr 1942,einerseits mit Volksfesten und Sängerwettstreit, die auch die Lebensfreude und eine gewisse Komik zeigen, andererseits die Armut und ständige Einsamkeit. Dabei gelingen ihm großartige Bilder, in denen er ständig mit starkem Hell-Dunkel Kontrast agiert. Draußen herrscht ständiger gleißender Sonnenschein, große Helligkeit, aber alle Innenräume sind stark abgedunkelt und immer wieder verwendet er das Motiv des Tretens aus dem Licht in die Dunkelheit oder umgekehrt.

Ich möchte hier gar keine weiteren Vergleiche hinzuziehen, denn wenn man sich auf diesen Film einläßt, dann vermittelt er etwas ganz Seltenes - das Gefühl an einem Kunstwerk teilzuhaben - aber nicht in irgendeinem abgehobenen, intellektuellem Sinn, sondern in einer wahrhaftigen Direktheit, die sich jedem erschließt.

Wenn jemand ernsthaft erwägt, diesem Film nicht 10 Punkte zuzugestehen - etwa weil er die Geschichte langweilig findet, das Tempo zu langsam oder aus irgendeinem anderen unverständlichen Grund - dann sollte er sich fragen, warum er nicht mehr in der Lage ist ,eine Qualität zu erkennen, die über Dingen wie Spaß und Unterhaltung steht (10/10).

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