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OSSESSIONE, Viscontis erster fertiggestellter Film, gilt als (Mit-) Begründer des Neorealismus und basierte auf dem mehrfach adaptieten Roman "The Postman always rings twice" von James M. Cain, einem Vertreter der amerikanischen Hardboiled-Krimischule.



Visconti bekam den Roman von Jean Renoir, bei dem er in den 30er Jahren als quasi Regieassistent (und Geliebter?) fungierte, als Empfehlung übersandt. Zu diesem Zeitpunkt war der Roman weder ins französische noch italienische übersetzt (natürlich nicht, denn in Italien herrschten die Faschisten), und es zeigt sich, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Viscontis Interessen bestanden, die sein lebenslanges späteres Kinowerke bestimmten: das Scheitern, der Niedergang und die Ammoralität - und Renoir wußte darum.



Natürlich war Visconti ein hochpolitischer Künstler, ambivalent, schon durch seine adlige Herkunft, und dennoch auch immer ästhetisch - was ihm stets vorgeworfen wurde (so als wenn ein Kommunist kein "Schöngeist " sein darf, aber wir kennen ja die starren Dogmatismen der Politik, egal ob rechts oder links, woran sich bis heute nicht viel geändert hat - aber das ist ein anderes Thema, wenn auch von zentraler Bedeutung für Viscontis Werk). Die politische Dimension von OSSESSIONE kann ich aber - abgesehen vom proletarischen Umfeld der Handlung - heute nach 65 Jahren und ohne grössere Kenntnisse der gesellschaftlichen Umstände Italiens in den frühen 40ern nicht erkennen.



Erkennen kann man aber auch ohne gesellschaftspolitisches Hintergrundwissen, dass es Visconti viel mehr um das Drama ging als um den Krimi. Damit gleicht OSSESSIONE der viel bekannteren Romanadaption THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (Wenn der Postmann zweimal klingelt, 1981) von Bob Rafelson. Während der jedoch den (Plakativen) Schwerpunkt auf
die sexuelle Obsession zwischen Giovanna/Cora und Gino/Frank legt, arbeitet Visconti das Spannungsverhältnis zwischen Moral und Ammoralität und ihrem Weg ins Scheitern heraus. Und anders als in der starren ersten Hälfte des 20. Jhds und erst recht im erzkatholischen Italien zu erwarten, urteilt Visconti nicht über Recht und Unrecht, Schuld und Schiksal - dieses Urteil überlässt er dem Zuschauer und macht es ihm nicht leicht.



Insbesondere deshalb, weil es ihm gelingt, den ältlichen und dicken Ehemann von Giovanna, Giuseppe Bragana, zwar einerseits als herrischen Diktator und selbstverliebten und selbstgerechten Ekel, anderseits ihn als dem Leben, den Nachbarn und der Musik zugewandten jovialen Provinzler mit grossem Herz (er hilft Gino, ja nimmt ihn als Freund auf, er schließt zur Versorgung von Giovanna eine Lebensversicherung ab) darzustellen. Juan de Landa spielt dann auch Bragana mit hinreissender Verve und ihm ist es zu verdanken, dass Ginos zerfleischende Gewissenbisse und sein moralischer Kollaps nachvollziehbar ist und der Film so seinen narrativen Mittelpunkt glaubwürdig bewahrt. Ein wenig erinnert mich die Figur des Bragana an den dicken Falstaff in Orson Wells wundervollem CHIMES AT MIDNIGHT (Falstaff, 1965).



Visuell findet Visconti bereits in seinem ersten Film beeinduckende Bilder für die Umsetzung dieses antik anmutenden Dramas. Er, der Meister der opulenten Ausstattung , zeigt in schlicht ausgestatteten Räumen, weiten Landschaftsaufnahmen oder inmitten anonym anmutender Menschenmengen Giovanna und Gino in mitunter grell ausgeleuchteten Großaufnahmen wie sprachlose, einsame Gefangene in ihrer unausweichlichen zum Niedergang führenden Situation. Wenn Giovanna in solch einer Szene die Augen aufreisst und den Mund halb öffnet, scheint sie wie zwischen Entsetzen, Faszination und Resignation ihr eigenes heraufbeschworenes Schiksal vorherzusehen.

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