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Der vollkommen unbekannte italienische Regisseur Gianfranco Giagni schuf 1988 mit seinem einzigen Spielfilm „Spider Labyrinth“ einen absoluten Geheimtipp, der zudem beweist, dass nicht alles Schrott war, was Ende der 1980er im Horrorbereich aus dem stiefelförmigen Land kam.

Der US-amerikanische Anthropologe o.ä. Alan Whitmore (Roland Wybenga, „Sindbad - Herr der sieben Meere“) reist nach Budapest, um Professor Roth (Valeriano Santinelli) aufzusuchen und im Rahmen des „Intextus“-Projekts zu rätselhaften, uralten Steintafeln zu befragen. Doch Roth scheint unter Verfolgungswahn zu leiden und wird, kurz nachdem er Whitmore seine Informationen zugesteckt hat, erhängt aufgefunden. Steht Professor Roth’ Tod im Zusammenhang mit einem eigenartigen Spinnenkult, auf den die Steintafeln hinweisen?

Nicht vom Titel irreführen lassen: „Spider Labyrinth“ ist kein Tierhorrorfilm, sondern eine Kreuzung aus Paranoia-Thriller und Okkult-Horror – und was für eine! Giagni zeichnet Budapest als eine unheimliche, düstere, nahezu menschenleere Stadt, die im Verborgenen ein undurchsichtiges Eigenleben zu führen scheint – ja, als eine Art spinnwebenverhangenes Labyrinth. Dabei hat er seine Vorbilder offensichtlich aufmerksam studiert, denn sein Film erinnert überaus positiv an Aldo Lados Meisterwerk „Malastrana“ ebenso wie an Dario Argentos „Suspiria“, aber auch vor klassischen Gialli scheint er den Hut zu ziehen, wenn mit großem Messer Jagd auf kleine Mädchen gemacht wird. Die kunterbunte Farbdramaturgie ähnelt der eines Mario Bava bzw. Dario Argento, die wunderbar dynamische Kameraarbeit dürfte ebenfalls von jenen Adressen seine Inspiration herleiten. Musikalisch indes hielt man sich eher zurück, indem man weder auf peitschende progressive Synthesizer noch auf zeitgemäße Rockmusik setzte, sondern stimmigen Streicherklängen das Feld überließ. All dies vereint sich zu einer sagenhaften Atmosphäre, einer unwirklich, paranoiden Grundstimmung, in der das einzelne Individuum verlassen und ausgeliefert wirkt.

Doch „Spider Labyrinth“ verlässt sich mitnichten nur auf Suspense und Atmosphäre, sondern arbeitet zudem mit gruseligen Masken, blutigen Morden und Spezialeffekten von Sergio Stivaletti. Die titelgebende Spinne fand natürlich auch ihren Weg in den Film und als Spinnenphobiker kann ich konstatieren, dass die Schockeffekte, wenn der anscheinend ähnlich traumatisierte Whitmore in seiner Phantasie mit einem großen Spinnennetz konfrontiert wird, wirkungsvoll und realitätsnah gelangen. Das große Finale, das dann auch wirklich eines ist, fiel sogar überraschend effektreich aus, hier spult man gleich eine ganze Palette an Spezialeffekten ab. Leider sind nicht alle 100%ig geglückt, besonders die (mit Knetgummi?) umgesetzten Stop-Motions sehen für diesen Film arg künstlich aus. Die dahintersteckenden Ideen aber sind wiederum originell und erschreckend genug, um die darüber zumindest mit einem Auge hinwegsehen zu können.

Die Mixtur aus einer Vielzahl an Genrecharakteristika und eine dem Stil leicht untergeordnete, aber nicht uninteressante Handlung um etwas an Lovecraft erinnernde uralte Mächte macht „Spider Labyrinth“ zu einer hochspannenden, vollgepackten Wundertüte, die mit Sicherheit auch bei mehrmaligem Anschauen immer wieder neue Details offenbaren wird. Das Kunststück, dabei weder in dramaturgische Hektik zu verfallen – das Erzähltempo ist angenehm getragen –, noch die unheilschwangere Simmung des Films zu gefährden, muss als gelungen bezeichnet werden und spricht für das inszenatorische Geschick Gaignis.

Verlassen konnte er sich neben einem betont und konsequent düsteren Drehbuch auf eine Darstellerriege, unter denen sich viele „kleinere“ Namen befinden, die aber spielen, als würden sie sich für weitere Rollen empfehlen wollen. In einer nicht unwichtigen Nebenrolle bekommen wir als prominentesten Namen des Ensembles William Berger („Keoma – Das Lied des Todes“) als mysteriösen Warner auf den Straßen Budapests zu sehen, die Franzosin Stéphane Audran spielt die Hotelbesitzerin. Keinesfalls unerwähnt lassen darf ich die erotische Komponente des Films, die sich elegant ins stilvolle Ambiente einfügt und von einer wunderschönen Paola Rinaldi als nicht minder als alle anderen undurchsichtige Genevieve Weiss, die Whitmore zur Seite steht, verkörpert wird.

„Spider Labyrinth“ ist eine echte Überraschung: Ein wirklich sehr guter, tatsächlich auch für ein erwachsenes Publikum gruseliger Horrorfilm, der zu Unrecht in Vergessenheit geriet, sofern ihm bei Erscheinen überhaupt die verdiente Aufmerksamkeit zuteil wurde. Unbedingt mal nach der ungeschnittenen deutschen VHS-Kassette Ausschau halten – es lohnt sich definitiv!

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