Zu den zu Unrecht fast vergessenen Klassikern des Film Noirs und des Thrillers zu Kriegszeiten zählt mit Sicherheit Lewis Allens „The Unseen“ aka „Der Tod wohnt nebenan“ aus dem Jahr 1945 (deutsche Premiere allerdings erst 1986 im TV), der gern als Nachfolgeprojekt zu „The Uninvited“ aks „Der unheimliche Gast“ mit Ray Milland verkauft wird. „Uninvited“ gilt als früher Klassiker des zuvor meist nicht ernst umgesetzten Geisterfilms und bot ein tragisches Gespensterdrama mit für die damalige Zeit ungewöhnlichen Effekten.
Nun hat „Unseen“ jedoch gar nichts Überirdisches an sich, sondern ist ein stabiler Thriller aus der besseren Hälfte der 40er Jahre, als man die grimmigen Themen des film noir adaptierte und die Mordgeschichten detektivischer Prägung mit ihnen verband.
Ich würde allerdings eigentlich eher sagen, dass „The Unseen“ wie eine Art „companion piece“ zu dem nicht lange danach produzierten „The Spiral Staircase“ aka „Die Wendeltreppe“ wirkt, der dann nun wirklich ein Klassiker des Murder-Mystery-Thriller werden sollte. Was auch wieder kein Wunder ist, denn die Vorlagen zu beiden Filmen stammen von Ethel Lina White („Midnight House“ und „Some must Watch“)
Hier wie dort haben wir ein junges Mädchen in Not, die bei einer wohlhabenden Familie eine Hausangestelltenstelle übernimmt. In „Staircase“ würde es die Pflegerin einer alten Dame sein, hier ist es der Job des Kindermädchens. Würde in „Staircase“ ein Serienmörder umgehen, der Frauen mit körperlichen Makeln ermordete, so beschützt hier eine Figur ein Geheimnis und bedroht so die junge Frau, die meistens in dem nächtlichen Stadthaus mit den Kindern allein ist.
Wobei Gail Russells „Elizabeth“ wirklich eine Menge Arbeit hat, denn der Hausherr ist entweder nicht zu Hause, oder grummelt rum oder brütet über seiner Vergangenheit. In dem Gebäude scheinen die Leute auf geheimnisvolle Art und Weise ein und aus zu gehen, verschiedene Leute haben Schlüssel oder kommen durch die Keller und das verrammelte Haus nebenan scheint damit in geheimnisvoller Art und Weise in Verbindung zu stehen – ist es doch offenbar belebter als man denkt. Ihre Ängste glaubt ihr natürlich niemand – und dann hat sie auch noch das Problem, dass einer ihrer beiden Schützlinge, offenbar dem vorherigen Kindermädchen verfallen, gegen sie gefährliche Opposition macht. Der Junge trickst sie mehrfach aus und holt sich offenbar Anweisungen der mysteriösen Vorgängerin ein – die sich bizarrerweise in einer anderen Rolle wieder ins Haus einschleicht.
Offensichtlich eine reine Studioproduktion macht Lewis Allen geschickt Gebrauch von düsteren Straßensets und schattenverhangenen Treppenhäusern und Interieurs, schickt seine Protagonistin auf unheimliche Touren durchs Haus und überlässt sie häufiger ihrer Unsicherheit. Dagegen haben Joel McCrea (hier top billing) und Herbert Marshall, gestandene Darsteller, nur bessere Nebenrollen, sind sie doch quasi nie vor Ort, wenn man sie am meisten braucht. Und natürlich ist der gefühlige und schuldig wirkende Arbeitgeber bestens darin, sich verdächtig zu machen.
Mit effektvoller S/W-Fotografie und guter Ausleuchtung kommt dabei ein 80minütiger Thriller guten Zuschnitts bei rum, der zwischendurch einige Wendungen und Überraschungen präsentiert, während sich das Publikum gegen den Impuls wehren muss, dem hausinternen Bengel den Hals umzudrehen oder ihm zumindest eine zu scheuern. Richard Lyon hatte nur eine kurze Karriere als Schauspieler (immerhin in „Anna und der König von Siam“), aber hier möchte man ihn regelmäßig irgendwo lebendig begraben.
Wer mag, möge sich eine Kopie via Youtube in OV ziehen, als Mystery-Thriller in der Spätschiene kurz vor Mitternacht ist er jedenfalls bestens aufgehoben. Wiederentdecken bitte!(7/10)