"Do You Like Hitchcock" ist Dario Argentos jüngster Giallo und Hommage an den Master of Suspense - Alfred Hitchcock.
Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein Mord an einer älteren Dame, die - so die Theorie der Polizei - einen Einbrecher auf frischer Tat ertappte und dabei brutal ermordet wurde.
Der im Haus gegenüber wohnende Filmstudent Giulio, der den Mord nicht einmal beobachtet, sondern lediglich im Halbschlaf ein verdächtiges Geräusch und die Todesschreie des Opfers gehört hat, hat aufgrund eigener Beobachtungen eine ganz andere Theorie:
diese bezieht sich auf den Hitchcock-Klassiker "Der Fremde im Zug", der davon handelt, dass sich zwei gegenseitig fremde Menschen dazu verabreden, jeweils für den anderen einen Mord zu begehen.
Und da die Tochter des Mordopfers mit ihrer Mutter ständig im Streit lag, nach deren Tod eine hohe Geldsumme und das Haus erbt und zudem ein Fan des besagten Filmes ist, beginnt der Student mit seinen eigenen Nachforschungen, die ihn auf die Spur einer zweiten Frau führen, die von ihrem Chef zum Sex erpresst wird und mit Sascha, der Tochter der Toten, bekannt ist.
Dies ist die Ausgangssituation für jede Menge Verweise auf Hitchcock, wobei die Idee aus "Der Fremde im Zug" bereits in den 70er Jahren für den italiensischen Film "Der Todesengel" verwendet wurde und auch die US-Serien "CSI: Crime Scene Investigation" und "Columbo" mit der Episode "Meine Tote - Deine Tote" sich mit dem Stoff auseinander setzten. Neben der Idee aus "Der Fremde im Zug" zitiert Argento auch noch aus "Das Fenster zum Hof" und "Vertigo - Aus dem Reich der Toten", wobei Brian de Palma bereits 1984 den Stoff aus "Das Fenster zum Hof" mit dem Thriller "Der Tod kommt zweimal" neu interpretierte.
Interessant daran ist vor allem, dass sich Argento für sein Projekt de Palmas Komponist aus "Der Tod kommt zweimal" für die musikalische Untermalung auslieh. Pino Donaggio sorgt mit seinem Score zumindest etwas für Atmosphäre wie aus früheren Argento-Gialli, an deren Klasse "Do You Like Hitchcock" kaum heranreicht.
Zwar zitiert Argento nicht nur Alfred Hitchcock, sondern bedient sich auch gleich bei seinem eigenen Thriller "Tenebre" aus dem Jahre 1982. Wurde dort die Gewalt in Zusammenhang mit den brutalen, frauenverachtenden Werken eines Schriftstellers gebracht, so steht hier der brutale Mord in Zusammenhang mit der künstlerischen Freiheit eines Regisseurs und seiner Werke.
Dabei erinnert vor allem der Mord sowohl in der Brutalität seiner Ausführung als auch in Bezug auf Kameraeinstellungen und dem symbolischen Verschmieren des Blutes auf der Fensterscheibe an die Morde und das Finale aus "Tenebre". Wie einst Guilano Gemma wird auch hier das Mordopfer in einem Close-up dargestellt, um, sobald es sich zur Seite dreht, den Blick auf den direkt dahinter stehenden Mörder freizugeben.
Die Handschuhe des Täters verweisen natürlich unter anderem auf Argentos Klassiker wie "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe".
Und doch wird die spannende Stimmung und die Giallo-Atmosphäre immer wieder gebrochen:
teilweise klingen die Dialoge sehr banal, was durch die nur durchschnittliche Synchronisation noch verstärkt wird. Die Rolle der Sascha wird von einer talentfreien Darstellerin ausgefüllt,
auch die anderen Nebendarsteller sind keine Offenbarung, und die immer wiederkehrende Stadtstreicherin erfüllt keinen Zweck, der mit der Handlung zu tun hat, sondern dient lediglich als humoristische Auflockerung.
Doch davon abgesehen findet Dario Argento schnell wieder zu seinen Stärken als Regisseur zurück, indem er geschickt mit falschen Fährten und den Erwartungen der Zuschauer spielt, was ihm auch sehr gut gelingt. Ich werde sicherlich nicht der einzige gewesen sein, der davon ausging, dass der Videothekar der Mörder sein könnte und die Verweise auf "Der Fremde im Zug" lediglich falsche Fährten waren. Der Eindruck, dass der Videothekar wie einst in "Bei Anruf Mord" als Killer von Sascha gedungen wurde, verstärkt sich spätestens in der Szene, als er versucht, Giulio in der Badewanne zu ertränken. Hier varriert Argento eindrucksvoll die "Duschmord-Szene" aus "Psycho". Doch gerade dies entpuppt sich als eigentliche falsche Fährte, denn das Mordkomplott basiert tatsächlich auf "Der Fremde im Zug", was in einem spannenden Finale a la "Vertigo" in schwindelerregender Höhe offenbart wird.
Auch haben Giulios Kindheitserinnerungen, mit denen der Film in bester Giallo-Manier eingeleitet wird, nichts mit den aktuellen Geschehnissen zu tun und führen den Zuschauer ebenfalls auf eine falsche Fährte.
Diese falschen Fährten und die ungeheure Spannung, die Argento in manchen Szenen aufbaut, machen so manche Schwäche des Filmes wieder wett.
Mit zwei Todesopfern inszenierte Dario Argento wohl den Film mit dem geringsten Bodycount in seiner Karriere und setzt anstatt auf Blut vielmehr auf nackte Haut.
Dem Videothekar gebe ich noch einen guten Rat:
ein Hitchcock-Klassiker hat nichts neben "The Green Mile" zu suchen. Hier empfehle ich, das Angebot an DVDs besser zu sortieren.
7 von 10 Punkte!