Review

kurz angerissen*

Mit "El Perdido" schuf Robert Aldrich einen Western mit zwei Gesichtern. Das eine führt einen charismatischen Kirk Douglas in der Hauptrolle, einen schelmisch grinsenden Draufgänger, den nicht einmal das unvorteilhafteste Kostüm entstellen kann. Mit ihm am Steuer kann das Road Movie durch die Weiten Amerikas jederzeit eine neue Wendung nehmen; für einen Drehbuchautoren wie Dalton Trumbo bieten sich dadurch grenzenlose Möglichkeiten. Speziell im Schlussakkord werden brisante Themen angeschnitten, die man in einem US-Western jener Zeit keineswegs erwarten würde. Hier wird der episch angelegten Linie eines vermeintlichen Edelwesterns sogar der Wagemut räudiger B-Western eingeflößt. Auch Aldrich trägt seinen Teil zu den Stärken des Films bei, er erfasst auf der Reise einige wunderschöne Landschaften, die in ihrer eigenen Getragenheit erst richtig aufblühen, kümmert sich aber auch intensiv um die Charakterzeichnung, indem er ein komplexes Geflecht einer über Generationen verteilten Liebesgeschichte mit dem Alltag und Überleben auf dem Land verknüpft. Für Abwechslung in dieser recht dialoglastigen Angelegenheit sorgt zudem eine rasant geschnittene Actionsequenz inmitten eines Sandsturms.

Dann ist da aber eben auch Rock Hudson, der sicherlich gerade als Kontrast zum abenteuerlustigen Douglas engagiert wurde, jedoch eher auftritt wie dessen blasser Schatten. Immerhin reicht es zu einem passiv angelegten Paragraphenreiter, der nicht nur den Umgang mit seinem Gefangenen, sondern auch die Liebe zu einer Sache des Besitz- und Verwaltungsanspruchs macht. Regelrecht als Erholung mag man sein stocknüchternes Schauspiel allerdings empfinden, wenn man gerade mal wieder Zeuge einer Szene voller Liebesgeturtel von Douglas Richtung Dorothy Malone wurde. Der sonst so unabhängig auftretende Antiheld wird in diesen Momenten regelrecht domestiziert. Herzschmerzpoesie zwingt man seinen Lippen seitens Dialogregie auf, törichte Offenbarungen seines Innersten - hätte es damals bereits rosarote Brillen gegeben, eine wäre immer griffbereit im Halfter gewesen.

Besser wird der Kitsch weder durch drei mexikanische Gitarristen, die den Treck als wandelndes Radio begleiten, noch durch die künstlichen Studiobauten, mit denen die beeindruckenden Außenpanoramen unschön durchbrochen werden (auch wenn sie heute einen nostalgischen Charme versprühen mögen). Dabei ist es ja gar nicht so, dass die Substanz unter den pomadigen Versen der Liebe eindampfen würde. Das Dreieck Douglas - Hudson - Malone hat eben auch durchaus interessante Subtexte zu bieten und klagt mit leisen Gesten sogar den Machismus klassischer Revolverhelden an. Komplexer wird das Geflecht sogar durch den Einbezug der Nebendarsteller Carol Lynley und Joseph Cotten. Damit könnte man fast schon bei den ganz großen Genre-Klassikern anknüpfen - würden sich diese starken Momente eben nicht die Spielzeit mit den aufgedunsenen Ausflügen in die Ultraromantik teilen, was "El Perdido" im Rückblick zu einem äußerst ambivalenten Erlebnis werden lässt.

*weitere Informationen: siehe Profil

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