"Wenn die Menschen nicht mehr wissen was sie sehen, dann gibt es vielleicht doch noch andere Einhörner auf der Welt. Unerkannt und froh darüber."
Ein Einhorn erfährt von einem Schmetterling, dass es das letzte seiner Art sein soll und es verlässt seinen Wald, um auf die Suche nach seinen verlorenen Artgenossen zu gehen. Während es schläft wird es von der alten Hexe Mommy Fortuna gefangen und im Wanderzirkus ausgestellt. Mit Hilfe des gutmütigen Zauberers Schmendrick gelingt dem Einhorn jedoch die Flucht. So zieht es gemeinsam mit dem Zauberer und der sich ebenfalls hinzu gesellenden Räuberbraut Molly Grue weiter zum Schloss König Haggard's, wo sich die anderen Einhörner in Gefangenschaft befinden sollen.
Der Zeichentrickfilm "Das letzte Einhorn" basiert auf einem Fantasyroman von Peter S. Beagle aus den 70ern. Dabei handelt es sich bei der Geschichte eigentlich weniger um Fantasy, als vielmehr um ein klassisches Märchen mit Fabelwesen. Ein recht düsteres Märchen, da Figuren und Hintergründe zu einem großen Anteil gruselig und kalt präsentiert werden.
Mit Sicherheit ist die Handlung nicht sonderlich einfallsreich und so gesehen auch sehr geradlinig. "Das letzte Einhorn" ist jedoch durch seine ästhetischen Anleihen bei Animes seiner Zeit voraus. Kaum übersehbar sind poetische Elemente, die dem Märchen einen sehr gefühlvollen und eigenen Rahmen verpassen und einen ungewöhnlichen Anspruch für einen Trickfilm erreichen.
Aus der Masse an Zeichentrickfilmen und dem großen Schatten von Disney tritt "Das letzte Einhorn" aber am ehesten durch seine Charaktere hervor. Denn eine klare Kategorisierung der Figuren in Gut oder Böse findet nicht statt. In kürzester Zeit werden die stimmungsvollen Charaktere mit einer nachvollziehbaren Persönlichkeit und Tragik ausgestattet, die sich im Laufe des Films ebenso wandeln oder ausbauen kann. Jede der Figuren hat seine persönlichen Beweggründe, was sie sehr greifbar macht und weniger eindimensional erscheinen lässt, als es für das Genre üblich ist.
Auch das Ende des Films unterscheidet sich vom üblichen Schema, denn "Das letzte Einhorn" enthält kein klassisches Happy-End, so wie man es von einem malerischen Märchen gewohnt ist.
Einen ganz eigenen Stil entwickelt "Das letzte Einhorn" in seinen Zeichnungen. Durch oft arg simplifizierte, statische Hintergründe mit kalten Farben tritt die Animation der Charaktere um so stechender heraus. Diese lässt stellenweise zwar zu wünschen übrig, erscheint durch seine ungewöhnlichen Figuren jedoch sehr frisch und abwechslungsreich.
Der musikalische Untermalung lässt dafür keine Wünsche übrig. Durch Songs und instrumentale Versionen der Musikgruppe America entwickelt "Das letzte Einhorn" eine melancholische, sehr tiefsinnige Atmosphäre, die berühren kann.
Das düstere Trickfilmmärchen transportiert seine Botschaften durch seine außergewöhnlich greifbaren Charaktere. Durch die Tragik, poetische / gruselige Zeichnungen und dem künstlerischen Anspruch tritt "Das letzte Einhorn" aus der Masse von Zeichentrickfilmen heraus, obwohl die Handlung objektiv betrachtet recht einfach und linear erzählt wird. Atmospärisch kann der Trickfilm jedoch mit seinem Gesamtbild, das epische Züge erreicht, und dem tiefsinnigen Soundtrack überzeugen.
9 / 10