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Unzählige Permutationen hat die literarische Gestalt des Grafen Dracula in die Filmgeschichte ausgesandt, verkörpert von immer neuen Wiedergängern. Während des Eroberungszuges, der bis zum heutigen Tage andauert, stieg entsprechend die Wahrscheinlichkeit wild wuchernder Abweichungen von der Ursprungsquelle, dem Roman Bram Stokers. Gleichwohl kann man nicht behaupten, dass es jemals einen kausalen Zusammenhang gegeben hätte zwischen dem Alter der Verfilmung und seinem Grad an Vorlagentreue. Schließlich begann die Erfolgsgeschichte der Dracula-Adaptionen ja bekanntlich sogar recht frei mit Murnaus unautorisierter Schauermär „Nosferatu“, bevor der Ungar Bela Lugosi 1931 seinen Umhang für die erste klassische Verfilmung der Universal Studios öffnete, die von der Visualität ihres Mediums vergleichsweise wenig Gebrauch machte. Als Quasi-Bühnenstück verweilte sie zumindest formell sehr nah an der staubigen Oberfläche papierner Seiten.

Der Weg führte schließlich zu Christopher Lee, dessen rasch aufeinander folgende Dracula-Auftritte für die Hammer Studios ab Ende der 50er Jahre in schrill-bunter, effekthascherischer Manier die Popkultur eroberten – zu dem Preis allerdings, besonders in den Fortsetzungen kaum mehr etwas mit der Essenz des Romans zu tun zu haben. Im Jahr 1970 war die Reihe gleich doppelt um ihren fünften und sechsten Teil erweitert worden und der stolze Lee, dessen Verkörperung des Grafen sich zu jenem Zeitpunkt längst unauslöschlich in die kollektive Netzhaut eingebrannt hatte, war zum ominösen Stichwortgeber in Cameo-Auftritten verkommen, über die On- und Offscreen-Grenzen hüpfend wie ein Schausteller in einer Geisterbahn, der das durchfahrende Publikum mit seinen Markenzeichen für wenige Sekunden erheitern sollte.

Noch im gleichen Jahr, in dem er die beiden Hammer-Streifen abdrehte, konnte man Lee tatsächlich noch zwei weitere Male in seiner Paraderolle erleben. Einmal nämlich in einem Kurzauftritt für die Jerry-Lewis-Komödie „Die Pechvögel“, was man wohl als einen frühen Schritt Richtung Mel-Brooks-Postmodernismus verstehen kann und damit als neuerliche Entfernung vom Ausgangsmaterial. Dann aber trat er eben noch als Hauptdarsteller von „Nachts, wenn Dracula erwacht“ auf, einer vermeintlich hieb- und stichfesten, unverschnittenen, fast hundertprozentig werkgetreuen Romanadaption, und das ausgerechnet unter der Regie von niemand anderem als Jess Franco.

Alleine diese Konstellation aus Franco und Lee, dazu auch noch veredelt mit Klaus Kinski und Herbert Lom (der wiederum eigentlich nur dritte Wahl nach Vincent und Dennis Price war), gehört zu jenen erstaunlichen Fügungen, wie sie aus heutiger Sicht fast unvorstellbar erscheinen, damals aber gar nicht so unwahrscheinlich waren. Regisseur und Hauptdarsteller hatten ja alleine in jenem umtriebigen Jahr auch gemeinsam an „Die Jungfrau und die Peitsche“ sowie „Der Hexentöter von Blackmoor“ gearbeitet und auch zuvor in den Fu-Manchu-Filmen miteinander zu tun gehabt. Alles in allem eine ziemlich hohe Schussfrequenz, die eben auch mehr Freiraum für Experimente bedeutete. Für einen Querschläger wie Jess Franco könnten Experimente wiederum bedeutet haben, dass er sich anstelle der gewohnt feucht-fröhlichen Literaturzitate-Potpourris diesmal auf etwas Konventionelles, fast Bürgerliches einlassen könnte, wie etwa den Versuch einer werkgetreuen Verfilmung von „Dracula“, die zweifelsohne auch ein unerfülltes Begehr Lees war.

Nun also zu sehen, wie die Kutsche im Wald tatsächlich anrollt und Jonathan Harker aufliest, wie Dracula mit einem Kerzenhalter voller Spinnweben die Tore öffnet und seinen Gast begrüßt, wie Originalzitate aus dem Roman vor dem brennenden Kamin vorgetragen werden, wie sich all die historischen Vorgaben als Omen erfüllen, wo man eigentlich eigentlich erwarten würde, einen ungeduldigen Dirigenten seinen Stab zusammenhanglos durch die Luft wirbeln zu sehen, in Gedanken immer schon beim nächsten Takt, das hat in all seiner Berechenbarkeit schon etwas Surreales an sich. Auf den ersten Blick scheint es keine größeren Bemühungen zu geben, aus der Vorlage auszubrechen, sie zu spiegeln, sie zweckzuentfremden oder auf der Außenspur zu überholen. Im Gegenteil; die Originalgeschichte und ihr Tempo scheint Franco in dieser Phase genügt zu haben, sie scheint sein eigentliches Anliegen gewesen zu sein, so dass er entschied, sich ihren Regeln zu unterwerfen; wenigstens, was den übergeordneten Ablauf angeht.

Natürlich ist „Nachts, wenn Dracula erwacht“ unter dem Deckmantel der Werkstreue trotzdem unverkennbar das individuelle Werk des Jess Franco. Man benötigt keine entblößten Frauenkörper im Kerzenschein, um sich dessen gewiss zu sein. Francos Signatur kommt durch die Verknüpfung von Eigenschaften zustande, die mal mehr, mal weniger greifbar sind und in einem gewissen Maße sicher auch durch die Produktionsumstände entstehen. Sie gehen zurück auf die nicht immer authentische, aber stets charakteristische Wahl der Drehorte, die speziellen Betonungen in der Erzählung, die Improvisation, nicht zuletzt auf das seltsam zerrissene Mischverhältnis von Phantastik und sprödem Realismus, zwei Welten, die sich in Francos Arbeiten stets leicht überschneiden. So kommt schon in den schmuddeligen Aufnahmen der katalanischen Burg aus dem Vorspann, dem offenbar die Farben wie durch die Eckzähne eines Vampirs ausgesaugt wurden, eine Art psychedelisches Flackern zugute, das sich in den späteren Waldaufnahmen bei der Kutschfahrt noch verstärkt. Was man da an schnoddrigen Naturaufnahmen vorgesetzt bekommt, ist bereits ziemlich weit entfernt von der artifiziellen Kulisse der ausstaffierten Hammer-Werke. Wer sich das Cover des (ebenfalls 1970 veröffentlichten) Debütalbums der Heavy-Metal-Ikonen Black Sabbath immer mal in bewegten Bildern vorstellen wollte, muss sich im Grunde nur an die Fersen der Kutsche heften, die sich unter dem tosenden Gebrüll einer von Nachtschwärmern* erfüllten Dunkelheit zur Behausung des Grafen aufmacht.

Im ersten Drittel erzeugt Franco mit diesen atmosphärischen Zutaten eine seltsam hypnotischen Zwang zur subjektiven Erfahrung, die auf die von Stoker entliehene situative Unmittelbarkeit der Beschreibung zurückzuführen ist. Er hat sein Publikum in dieser Phase mit einfachen Mitteln vollends im Griff, sofern es empfänglich ist für kalte Steingemäuer, für Spinnen, die sich in den Rillen des Bettpfostens verstecken und fliegende Nager, deren Schatten aufgeregt vor dem Turmfenster flattern. Durchbrochen wird die Illusion der reinen Literaturadaption aber schon früh, als die Verweise auf frühere Verfilmungen sichtbar werden; beim Abendmahl an einem viel zu großen Tisch beispielsweise, der wie die wiedererweckte Kulisse zu der Szene anmutet, mit der Bela Lugosi zum Star wurde. Oder eben bei Christopher Lee selbst, der zwar weniger animalisch spielt als in seiner eigentlichen Paraderolle, dessen aufgeklebter Schnauzbart aber nicht die von blutunterlaufenen Kontaktlinsen in ihrer Eindringlichkeit noch verstärkten Augen dahinter verbergen kann, mit denen der Mime schon ein Jahrzehnt zuvor Löcher in die Leinwand zu bohren wusste. Hier erweist sich der Regisseur erneut als Schwamm für alles Kunstfertige der Vergangenheit, das er in der ihm eigenen Art zu einer eigenen Variante fusioniert.

Wo sich bei Stoker der Handlungsrahmen der Geschichte schließlich vergrößerte und Dracula selbst in den Hintergrund verbannt wurde, da erlischt dann auch in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ die Konzentration auf das Wesentliche. Die Regie wird zielloser, ihr Klammergriff wird gelockert, ihr Fokus weitet sich. Ausgerechnet mit Kinski in der Rolle des irren Dieners Renfield weiß Franco nicht viel über die autonome Einstellung hinaus anzufangen, seine Szenen wirken nicht nur wegen der weiß gepolsterten Hintergründe der Gummizelle wie vom Restgeschehen isoliert, beinahe so, als wollten sie ihre eigene Geschichte erzählen. Auch Herbert Lom wandelt wie ein Geist umher, beschränken sich seine Auftritte doch auf wenige, nicht allzu prägnante Gelegenheiten, zumal sich seine Wege zu keiner Zeit mit denen Christopher Lees kreuzen – trotz einer gemeinsamen Szene, die in Schnitt und Gegenschnitt einfach und billig aufgelöst wird. Das Augenmerk des Regisseurs klammert sich weiterhin lieber an Originalzitate und bemüht die Nachstellung bestimmter Sequenzen, unter denen immer mal wieder eine entsteht, die Gänsehaut zu verursachen weiß; etwa jene, in der Soledad Miranda als verwandelte Lucy im schwarzen Gewand des Todes ein argloses Kind in ihre Arme lockt.

Zugleich wird aber auch viel in Ohrensesseln herumgerutscht und lamentiert, während Dracula ungestört seine Checkliste abhakt. Die selbsternannte Vampirjäger-Garde um Van Helsing und seine Mitstreiter muss sich mit einer Scharade aus falschen Bedrohungen herumplagen, unter denen das befremdlich inszenierte Puppentheater mit ausgestopften Tieren des Waldes wohl die würdeloseste Einlage des gesamten Films darstellt. In dieser Phase hat man das Gefühl, das sich verändernde Make-Up Christopher Lees, dessen graue Mähne sich langsam wieder schwarz färbt, ist die einzig organische Entwicklung, mit der es dem Plot überhaupt erlaubt ist, voranzuschreiten.

Ist „Nachts, wenn Dracula erwacht“ nun die kolportierte stilechte Literaturadaption oder doch eher ein weiterer abstrakter Klecks auf der Leinwand eines Schnellschusskünstlers? Da Franco der Weltliteratur schon immer angetan war, ist wohl davon auszugehen, dass er sich weniger biegen musste, um nah am Original zu bleiben, als sich wiederum das Original für Francos klamme Vision voller Kompromisse biegen musste. Richtet man den Blick nicht auf das „Was“, sondern auf das „Wie“, so besteht eigentlich kaum ein Zweifel daran, dass Christopher Lee, Klaus Kinski und Herbert Lom in erster Linie nicht dem Vermächtnis Bram Stokers dienten, sondern jenem eines spanischen Vielfilmers, der grundsätzlich stets alle Freiheiten wahrnahm, die sich ihm boten – und dessen fadenscheiniges Bedürfnis nach Werksnähe somit Teil der eigenen Selbstbestimmung des Moments gewesen sein muss.

*Welch typische Franco-Wendung, dass sich die schrecklich heulenden Wölfe letztlich als gewöhnliche Schäferhunde entpuppen, die man sich von der örtlichen Polizei geborgt hatte.

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