Während die Hammer-Studios in ihrer Dracula-Reihe so nach und nach auf den Hund kamen und zunehmend Sex und Gewalt in ihre Filme einbauten, der Zug also zeitgerecht und erfolgreich immer mehr in Richtung Exploitation steuerte, genau zu dieser Zeit ging ausgerechnet der als Exploitation-Regisseur verrufene Jess Franco einen großen Schritt zurück. Er orientierte sich mit seinem Dracula relativ nah an der originalen Geschichte von Bram Stoker, siedelte die Story im London des 19. Jahrhunderts an, garnierte die exquisiten Settings mit herausragenden Schauspielern, und verzichtete auf Sleaze und Sex und sonstige Schoten, sondern konzentrierte sich stattdessen weitgehend auf das Flair der viktorianischen Zeit und den damit einhergehenden, gediegenen, Horror.
Die Beurteilung des Ergebnisses ist aus heutiger Sicht, mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung, nicht ganz einfach. Auf der einen Seite spuken die Bilder der letzten 20 oder 30 Horror-Jahre durch den Kopf, voll mit Blut und Gedärm, mit schnellen (und oft computergenerierten) Effekten um der Effekte willen, und da kann Francos DRACULA gerade aus heutiger Sicht nicht mithalten. Oder vielleicht gerade deswegen? NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT ist langsames und bewusstes Erzählkino, dessen Hauptaugenmerk auf die Geschichte und die Stimmung zielt, nicht auf kurzlebige Effekte. Wenn Morris und Jonathan die Särge der drei Vampirgespielinnen aufmachen und die Körper der Grazien durchbohren, dann lacht sich der heutige und abgehärtete Horror-Freak eins von wegen der lustigen Geräusche auf der Tonspur, und gleichzeitig ist der simultan stattfindende Blick aufs Handy obligatorisch - Außer ein wenig Blut an den Lippen ist sowieso nichts zu sehen, es „passiert“ ja nichts.
Richtig, denn das was hier geschieht, das geschieht im Kopf des Zuschauers, und je mehr Phantasie der Zuschauer hat, umso gruseliger ist der Film. Franco muss nicht alles zeigen was es zu zeigen gibt. Er leistet sich den Luxus, den Zuschauer ganz allmählich in sein Reich zu entführen und ihm in aller Ruhe die Schrecken einer klassischen und gleichzeitig altmodischen Geschichte aufzufächern. Ihn einem Grusel auszusetzen, nicht einem Schock! Aus der Vielzahl an handelnden Personen dürfte für fast jeden Zuschauer eine Identifikationsfigur dabei sein, und mit dieser Person im Gepäck kann man auf eine verträumte Reise in ein fernes Land gehen, und sich dabei einer angenehm unheimlichen Atmosphäre hingeben. Und wird dabei ganz allmählich tief hineingezogen in die Geschichte, viel tiefer als man es während der Sichtung wahrhaben will. Denn ich neige sehr wohl zu Francis Ford Coppolas Ansicht, dass Dracula in erster Linie eine Liebesgeschichte ist, nur dass Coppola sich in seiner Fassung sehr stark nach dem Zeitgeschmack richtete und eine vor Erotik schier überbordende Plüschmär ersann, die den Zuschauer in künstlichen Gefühlen geradezu erstickt. Franco stattdessen nimmt sich zurück. Seine Atmosphäre ist kühler und nüchterner, die Gefühlslage ist viktorianischer als die meisten anderen Fassungen, womit er den Ton der dargestellten Zeit wahrscheinlich recht gut trifft. In diesem Zusammenhang ist die Szene, in der eine Prostituierte ausgerechnet Graf Dracula um ein Stelldichein bittet, doppelt grotesk, weil natürlich sofort die Assoziation zu Francos eigenem, wenngleich auch erst 5 Jahre später entstandenen, Jack the Ripper hochkommt …
Zu dieser etwas distanzierten Stimmung passt auch Bruno Nicolais Musik hervorragend, der klingt wie aus einem französischen Gangsterfilm jener Zeit (DER CLAN DER SIZILIANER anyone?), und mit dem Hackbrett und einem wunderschönen passenden Orchesterscore die Bilder untermalt als ob nie etwas anderes möglich gewesen wäre.
Was wäre Jess Franco für ein großartiger Regisseur geworden, wenn man ihm das Geld, die Produzenten und die Schauspieler an die Hand gegeben hätte die er eigentlich verdient hätte? Auf der anderen Seite: Was wäre die Filmwelt ohne GRETA oder ohne DR. M? DRACULA ist großes Kostümkino einer untergegangenen Epoche, das in fast jeder Minute richtig glücklich machen kann, insofern man als Zuschauer bereit ist, sich auf die langsame Erzählweise und die altmodische Machart einzulassen. Im Kino muss dieser DRACULA mächtig beeindruckend sein, wenngleich ich zugeben muss, dass Werner Herzogs NOSFERATU für mich persönlich immer noch die großartigste aller Dracula-Verfilmungen ist.