Nach "Tattoo" versucht man nun also mit "Antikörper" sich mit Genremeisterwerken wie "Sieben" und "Das Schweigen der Lämmer" zu messen. Dies will auch mit dem Film von Christian Alvart (Killer Queen) nicht so recht gelingen, doch besitzt er ein paar Innovationen mehr als der Streifen um den Tattoo-Killer. Von der Machart her sind beide Filme gleichgestellt, aber während "Tattoo" es bei einer oberflächlischen Mörderhatz beläst, geht "Antikörper" viel mehr auf die Psyche seiner Protagonisten ein und stellt dem Zuschauer die Frage, wo die Trennlinie zwischen Gut und Böse liegt. Diese Frage zieht sich dann auch wie ein roter Faden durch die Handlung dieses durchaus braucbaren Genrebeitrags.
Bei einer Routinekontrolle machen Berliner Ermittler den vermeintlichen Serienkiller Gabriel Engel (André Hennicke) dingfest. Er soll eine Reihe von Jungen für makabre Kunstobjekte umgebracht haben. Im Dorf Herzbach lastet man dem Psychopathen auch den Mord an der kleinen Lucia an - weshalb Polizist Michael Martens (Wotan Wilke Möhring) nach Berlin reist, um Engel zu vernehmen. Doch Martens kämpft mit seinen eigenen Dämonen und wird während des Verhörs vom durchtriebenen Engel immer mehr verunsichert. Bald gerät sogar er selbst in den Kreis der Verdächtigen...
Eine wahrliche hervorragende Leistung, die Wotan Wilke Möhring (Das Experiment) hier abliefert. Überzeugend verkörpert er den bibelfesten Provinzbullen, dessen Weltbild hier einzustürzen droht, und beinahe selber zum Mörder mutiert. Sein Gegenpart des gefallenen Engels Gabriel (Achtung: Wortspiel) wird von André Hennicke (Der Untergang) gespielt, der eine ebenso tolle Schauspielerleistung vollbringt wie Möhring. Als diabolischer Schlächter zieht er eine schaurige Performance über die Bühne, ohne dabei jedoch die Klasse eines Hannibal Lecters zu herreichen. Dies liegt wohl auch daran, dass man der Figur des Gabriel Engel sämtliche Glorifizierungen nimmt und den Menschen als Bestie poträtiert. Etwas schwächer als die beiden Hauptdarsteller, aber immer noch auf gehobenem Niveau, agiert hier Heinz Hoenig (Die Zwei Leben meines Vaters) als Stadtkommissar, den er routiniert abwickeln kann. In Nebenrollen sind dann noch Nina Proll (September) als verführerische Verkäuferin und Nadeshda Brennicke (Tattoo) als Nachtclubsängerin zu sehen.
Was die Inszenierung angeht, so hat Alvart ganze Arbeit geleistet. Er erzählt den Film in kühlen und finsteren Bildern, beschönigt selten was und setzt zudem mehr auf Grusel als auf eine pure Gore-Show, was letztendlich auch einer der Stärken von "Antikörper" ist. So entfernt sich der Film meilenweit von oberflächelischem Gemetzel a'la "Hostel" oder "Flashback", sondern ufert mehr in den Gewässern von "Saw", "Sieben" und "Das Schweigen der Lämmer" an. An Letzterem lehnt sich die Handlung deutlich an, da das lokale Psychoduell Martens vs. Engel es dialogmäßig und inhaltlich locker mit dem Lecter vs. Starling-Duell aufnehmen kann. Doch während dies in "Das Schweigen der Lämmer" der Kernpunkt des Films ist, so geht "Antikörper" noch darüber hinaus. Denn die Wortgefechte zwischen dem Provinzbullen und dem Serienkiller, in denen Engel stets zu dominieren scheint, führen erst zu Martens innerem Kampf mit seinen Dämonen, die seine sonst so bibelfeste Welt ins Wanken bringt. Das führt neben zwei recht harten Sexszenen auch dazu, dass Martens beginnt, jeden anderen als Engel zu verdächtigen, einschließlich seines Schwiegervaters und Sohnes. Und hätte Alvart Martens Mutation zum Mörder bis zur letzten Konsequenz durchgezogen, so hätte "Antikörper" noch ein wesentlich fieseres und düsteres Ende wie "Sieben" oder "Saw" erhalten. Doch so lässt der Schluß einen etwas sauer aufstoßen, da unerwartet aufkreuzendes Waldwild Martens dann doch von seiner Schreckenstat abhält und sein Herz anscheinend aufweichen lässt. Sorry, aber sind wir hier in "Bambi"? Entweder hätte man den Pfad zur Hölle vollends durchziehen oder das Ende weniger kitschig abwickeln sollen. Ansonsten gibt es allerdings wenig zu bemängeln an "Antikörper", der auch mit der Action ein wenig zurückhält. Die kommt lediglich im bleihaltigen Opener vor, der zeigt, dass Alvart auch durchaus in der Lage ist actionreiche Sequenzen ins rechte Licht zu rücken. Die Musikuntermalung ergänzt sich mit der spannungsgeladenen Handlung, beinhaltet aber nur wenige akustische Höhepunkte.
Somit stellt "Antikörper" den wohl bisherigen Höhepunkt der deutschen Serienkiller-Thriller-Kunst da, dem zum echten Genremeisterwerk allerdings der Mut zur letzten Konsequenz fehlt. Ansonsten bekommt man aber einen spannenden und zugleich intelligenten Thriller geboten, der Fragen aufwirft, die den einen oder anderen Zuschauer schon etwas länger beschäftigen könnten.