Testaufführung eines Kinofilms in Dresden? Die Rede ist von einem „großen internationalen Kinofilm“, den ein „deutscher Regisseur“ gedreht hat. Namen werden nicht genannt: Manche Presse-Einladungen sind einfach rätselhaft. Der geneigte Autor geht natürlich trotzdem hin...
Die Vorführung beginnt, doch bis auf den nichtssagenden Film-Titel „Don’t come knocking“ werden weder der Name des Regisseurs noch der von irgendeinem der Darsteller eingeblendet. Das Publikum bleibt also im Ungewissen und weiter gespannt.
Der Film beginnt mit einem alten Cowboy (grandios: Sam Shepard, „Black Hawk Down“), der durch die Wüste reitet. Ein Raunen ging durchs Publikum, mit einem Western hatte wohl keiner gerechnet. Doch schnell stellte sich das als Finte des Regisseurs heraus, denn der Cowboy mit dem Namen Howard Spence war nur der Hauptdarsteller eines Films, der gerade in der Wüste gedreht wurde. Doch er war auf der Flucht, auf der Flucht vor seinem Dasein als Kinostar, vor sich selbst, einem abgewrackten Alkoholiker und auf der Suche nach einem Sinn im Leben. Und während die Filmcrew panisch ihren Hauptdarsteller sucht, reist er zu seiner Mutter (Eva Marie Saint, „Der unsichtbare Dritte“), die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Von ihr erfährt er dann auch, dass er seit 30 Jahren der Vater eines Kindes in einer nahegelegenen Stadt ist. Nach einigen Saufgelagen und Abstechern in die örtlichen Spielhallen macht er sich schließlich auf den Weg, sein Kind zu finden, um so vielleicht endlich seinen Seelenfrieden zu erlangen.
Was hier schon wie der Schluss des Films klingt, ist eigentlich erst der Anfang, denn mit dem zusammenführen der Familie ist der Film lange noch nicht zu Ende. Schließlich liegt Howard noch die Filmcrew im Nacken (allen voran Tim Roth als Versicherungsagent) und außerdem gibt es noch diese mysteriöse blonde Frau (Sarah Polley, „Dawn of the Dead“), die die Asche ihrer Mutter in einer Urne mit sich herumträgt...
Schon die ersten der grandiosen Bildern, die sich so dann durch den ganzen Film ziehen, erinnern an Wim Wenders. Und richtig geraten, sein Name war der, der unter „Director“ als erstes im Abspann auftauchte. Sein Kameramann Franz Lustig, mit dem er schon in „Land of Plenty - Auf der Suche nach der Wahrheit“ zusammenarbeitete, sorgt für den visuellen Stil, der den Film so unvergleichlich macht.
Mit gewohnt unterschwelligem, trockenen Humor, einem sehr guten Auge für Bildgestaltung und dem richtigen Gefühl für die Geschichte schafft Wenders hier außerdem die Gratwanderung zwischen Programmkinofilm und Mainstream. Der gebürtige Düsseldorfer gilt als Repräsentant des deutschen Autorenfilms und feierte einen seiner größten Erfolge mit „Der Himmel über Berlin“. Leider befinden sich in seiner Biographie auch einige Ausfälle, prominentestes Beispiel dürfte „The Million Dollar Hotel“ mit Mel Gibson sein, da es ihm nicht immer gelingt, seine Visionen ansprechend umzusetzen.
Zusammen mit dem Hauptdarsteller Sam Shepard schrieb er das innovative, doch leider etwas spannungsarme Drehbuch für „Don’t come knocking“ und führte dann gleich noch Regie.
Der Film bietet für jeden etwas, enthält er doch neben viel Witz und Dramatik noch einen große Portion Roadmovie und natürlich auch Romantik. Da sieht man über die ein oder andere Länge, besonders was ausufernde Dialoge betrifft, auch gerne hinweg.
Die Ersteller des Fragebogens, der nach der Vorführung des Filmes ausgegeben wurde, sahen das aber scheinbar etwas anders. Der Großteil der Fragen zielte nämlich darauf ab, ob und welche Szenen des Filmes man zu lang fand und was gekürzt werden sollte.
Sinn solcher Testvorführungen ist es nämlich, an den Reaktionen den Publikums zu erkennen, inwieweit der Film ankommt oder noch eines Umschnittes bedarf. Man fragt sich allerdings berechtigt, wieso ein so bekannter Regisseur wie Wim Wenders so etwas nötig hat. Schließlich sollte doch seine Endfassung und nicht eine vom Studio zusammengeschnittene den Weg in die Kinos finden. Zudem macht eine derartige Testvorführungen bei einem Programmkinofilm – Mainstream-Anleihen hin oder her – sowieso wenig Sinn. Denn dem Programmkinogänger kann ein Film gar nicht lang und ruhig genug sein, während die Freunde des Mainstreams mit einem Wenders Film, so kurz er auch geschnitten sein mag, sowieso nie zurecht kommen.
Man bekommt fast das Gefühl, dass hinter dieser Aktion das Produktionsstudio stand, dass mit dem Endergebnis des Films nicht zufrieden war und nun versuchte zu retten, was noch zu retten ist.
Dass das eigentlich gar nicht nötig wäre, werden die Umfrageergebnisse wohl leider nicht aussagen, befanden sich im Kino doch zu viele Zuschauer der Sorte „Eh, Sandro, hol ma noch ein Bier, der Film is so langweilig!!“. So wurde man ständig vom Gerede und dem umherlaufenden Publikum gestört.
Schade, denn der Film ist so wie er ist sehr gut und zeigt einmal mehr, dass Wim Wenders trotz einiger Ausrutscher in den letzten Jahren auch unterhalten kann.
Bleibt zu hoffen, dass das auch die Produktionsfirma begreift und dem Regisseur bei seinem nächsten Film vielleicht wieder etwas mehr Vertrauen entgegenbringt...