Ein gealterter Cowboy macht sich aus dem Staub. 55 Jahre dürfte er jetzt auf dem Buckel haben und damit genug Zeit, um endlich seine Heimat zu suchen. Aber wo kommt man an, wenn man sein gesamtes vorheriges Leben nur für sich gelebt hat? Regisseur Wim Wenders hat aus diesem Stoff einen überraschend guten Film gemacht!
Nicht nur, dass er dem Medium Kino wunderbare farbenprächtige und detailgenaue Bilder schenkt, auch die Geschichte hat es in sich. Hinzu kommen brillante Schauspieler, allen voran natürlich Jessica Lange und Sam Shepard, aber auch die (Newcomer?) Gabriel Mann und vor allem Sarah Polley überzeugen auf ganzer Linie – starke Charakterrollen und natürlich darf man auch Tim Roth als Versicherungsagenten nicht vergessen.
Eine wirklich respektable Liste an Darstellern. In Bildern, die die Einsamkeit im Stil von Edward Hopper auf schönstem Zelluloid feiern.
Aber zurück zu den einst großen Stars. Wie geht es ihnen eigentlich heute? Was für ein Leben führen sie? Wenders zeigt seinen Star abgehalftert, drogensüchtig, dem Spiel und schnellem Sex verfallen – und eigentlich ist da nichts, worauf man stolz sein kann. Im ersten Teil entpuppt sich sein oberflächlich sehr lebenslustiger Star als Getriebener, dessen Handeln in Problemen ausartet, die letztendlich zu Peinlichkeiten führen. Dennoch bleibt der Star dabei zu Anfang stets souverän und in der visuellen Umsetzung behält er dafür entsprechend seinen Hut auf.
Dann geht es ihm an die Nieren und er legt den Hut ab. Im zweiten Teil – der wirklich extrem gut geworden ist - stehen dem Zuschauer am Ende fast die Tränen in den Augen.
Von der inzwischen uralten Mutter erfährt der Mann, dass er vor 30 Jahren ein Kind gezeugt hat und natürlich beginnt er mit der Suche.
Natürlich ist dass dann auch eine Suche nach sich selbst – aber das wirklich Gute an dem Film ist, dass es dem Cowboy nicht vergönnt wird, in großartigen Erinnerungen zu schwelgen, stattdessen wird er knallhart mit der Realität konfrontiert und der Punkt geht natürlich an die anderen Beteiligten – die ohne ihn aufgewachsen sind (ohne eine Wahl zu haben).
Wie ist es eigentlich, wenn nach dreißig Jahren einer ankommt, der sich zuvor stets für alles zuschade war und mit dem es keine gemeinsamen Erfahrungen gibt? Ist das ein freudiges Wiedersehen oder reißen alte Wunden auf? Wie geht es danach weiter?
All diese Fragen beantwortet der Film auf eine wirklich beeindruckende Weise – mit wenigen, aber wichtigen Worten und einem tiefen Verständnis für den Blues, der sich durch diese Erfahrung dem Sohn offenbart. Aber was merkt der Cowboy? Erstaunlich wenig.
Das ist dann grausam, aber gleichzeitig konsequent und richtig. Allerdings hat man selten in einem so stark amerikanisch wirkenden Film so wenig Mitleid mit einem Star gesehen.
Gnadenlos wird ihm mangelnde Geduld und fehlender Mut vorgeworfen. Er wird sogar als Feigling beschimpft. An einer anderen Stelle fragt ihn seine Tochter. „Warum hast du so viel Zeit verplempert“. Er weiß darauf keine Antwort. Zuletzt zeigt sich, dass er mit der Situation eigentlich gar nicht umgehen kann.
Und jetzt kommt die besondere Leistung von Wim Wenders zutage, denn er hat der Geschichte ein – wenn auch untypisches – Happy End angedichtet. Und das klappt hervorragend, rettet die Stimmung und gibt dem Zuschauer beim Nachhausegehen noch eine passende positive Botschaft mit auf dem Weg.
Tatsächlich wäre es einfacher gewesen, alles trostlos zu beenden und einfach auslaufen zu lassen. Aber dann wäre „Don’t come knocking“ (nach einem Song von Vince Roberts) nur einer von tausenden deprimierenden Geschichten voller Vorwürfe und Verlust gewesen. Glücklicherweise ist genau das nicht geschehen, stattdessen ist ein wunderbarer und sehenswerter Film entstanden.
Am Ende macht alles Sinn und lässt hoffnungsvoll in eine schönere Zukunft blicken. Das ist dann sehr unerwartet und damit besonders wertvoller Zug. Wenn im ersten Teil des Films mehr Spannung gewesen wäre hätte der Film deshalb auch die vollen 10 Punkte verdient.