Mit "Paris, Texas" landete Wim Wenders vor über 20 Jahren einen verblüffenden mittleren Geniestreich. Das Drehbuch lieferte damals wie in 2005 für "Don't Come Knocking" Sam Shepard, der nun auch gleich die Hauptrolle übernahm.
Seine Figur, der alternde Westernstar Howard Spence, könnte eigentlich ein bequemes Leben führen. Als langgedienter Schauspieler dürfte er keine Geldsorgen haben und würde er nur einen Funken mehr Disziplin an den Tag legen, könnte er eines Tages die Füße hoch legen und sein Leben genießen. Doch er ist launisch, cholerisch, ziert die Boulevardblätter des öfteren mit den Auswüchsen seiner Exzesse und fühlt trotz seiner Leinwandpräsenz und seines Bekanntheitsgrades eine unglaubliche Leere und Unerfülltheit in seinem Leben. Schlagartig scheint ihm dies klar zu werden, oder zumindest weiß er für sich, dass er zunächst Abstand braucht. Abstand zu allem was seinen Beruf ausmacht, was ihn Tag für Tag fertig macht und ihn daran hindert ein geordnetes Leben zu führen. Und so verschwindet er einfach vom Set seines neuesten Westernstreifens zunächst zu seiner Mutter, bei der er sich auch seit einigen Dekaden nicht mehr gemeldet hat, geschweige denn sie besucht hätte. Doch dort erfährt er zunächst weitere ihm nicht bekannte Folgen seines unkontrollierten Lebens und auch die Tatsache, dass ein Versicherungsagent (herrlich lakonisch: Tim Roth) seine Fährte aufnimmt um ihn zurück zum Set zu bringen, vereinfacht die Sache nicht unbedingt...
Die Themen in "Don't Come Knocking" sind ähnlich denen des Eingangs erwähnten "Paris, Texas". Der Hauptcharakter betreibt Identitätsforschung auf Umwegen, erfährt, dass er ein Kind hat, begibt sich auf die Reise, steht sich selbst im Weg. Die inhaltliche oder atmosphärische Dichte von "Paris, Texas" erreicht Wenders hier leider nicht und "Don't Come Knocking" hat das Problem, dass er besagtem Film zu sehr ähnelt und damit Mühe hat, nicht gänzlich als Auftauen alter Erfolgsrezepte zu wirken. Die Qualitäten kann man ihm aber trotzdem nicht absprechen: Man merkt wieder sofort, dass Wim Wenders ein äußerst visuell versierter Regisseur ist, in jeder Einstellung fängt er wunderbare Bilder ein. Die Farben betören die Sinne, Landschaftsaufnahmen werden zu Gemälden und reihen sich aneinander. Den Schauspielern merkt man die Freude an, für Wenders zu spielen und legen allesamt eine klasse Vorstellung hin. Neben dem schon erwähnten Tim Roth überzeugt vor allem Jessica Lange (die im wahren Leben mit Sam Shepard liiert ist) als Ehemalige unseres lonesome Riders. Aber auch Sarah Polley und Gabriel Mann liefern jeder eine für die eigene Rolle überzeugende Leistung ab, wobei gerade Gabriel Mann so richtig aus sich heraus gehen darf und Polley den vielleicht schwierigeren, weil dezenteren Part hat.
Das Grundgerüst der Geschichte ist also, gerade auch für Wenders und Shepard, nicht unbedingt taufrisch. Aber diesem Howard Spence zuzusehen, hat dennoch was. In seinen Filmen war Spence oft die große Hauptrolle, der Titelheld dem alles ein Leichtes schien. Doch in gleichem Maße spielt er in seinem Leben nur eine Statistenrolle und ist ein Schatten seiner selbst. Als ihm dies nach und nach klar wird, versucht er verzweifelt, sein Leben irgendwie nachzuholen, sich zu bessern oder zumindest aus seiner Lethargie zu erwachen. Natürlich ist dies nicht so einfach, wie auch die zunächst eher desillusionierenden Begegnungen mit den von ihm sträflich Vernachlässigten zeigt. Doch es ist ein Anfang. Und vielleicht ist es selbst für Howard Spence noch nicht zu spät. Er sollte nur etwas Geduld aufbringen - wie der Zuschauer von "Don't Come Knocking" übrigens auch. (7,5/10)