Seinen weißen Kittel trägt Dr. Carl Stone (Strother Martin) fast wie ein Trikot, damit der Betrachter ihn problemlos dem Team „Mad Scientist“ zuordnen kann. Filmhistorisch betrachtet gehört er damit einer Rollengattung an, die seit den frühesten Kinotagen ihr Unwesen treibt, indem sie dem Rest der Welt ihren Willen aufzwingt. Dass der praktizierende Herpetologe sich zum Ziel gesetzt hat, auf seiner abgelegenen Farm groteske Schlange-Mensch-Mischwesen zu züchten, mag diese Einordnung bekräftigen; und doch äußert sich sein Größenwahn kaum in den klassischen Symptomen aufgerissener Augen, breit grinsender Zahnreihen und sich aneinander reibender Handflächen. Wenn man ihm so bei der täglichen Arbeit zuschaut, könnte man meinen, er sei liebender Vater einer Tochter und ein rational denkender Wissenschaftler, der einfach nur seiner Passion nachgeht.
„Ssssnake Kobra“ entstand zu einer Zeit, da die Öko-Welle gerade Fahrt aufgenommen hatte und dazu ansetzte, auf Verbrechen gegen die Natur hinzuweisen. George C. Scott beispielsweise, der in „Der Tag des Delfins“ im gleichen Jahr als Wissenschaftler der Meeresbiologie im Kino zu sehen war, verkörperte bereits die mahnende Stimme im Kampf gegen das exzessive Vordringen in die natürlichen Kreisläufe, womit er den Galionsfiguren des Thriller- und Horrorfilms der 70er, nicht zuletzt Roy Scheider in „Der Weiße Hai“ (1975), den Weg ebnete. Das Profil des von Strother Martin gespielten Reptilienforschers orientiert sich hingegen immer noch an der Blitz-und-Donner-Ikonographie des damals bereits 42 Jahre alten Universal-Horrorklassikers „Frankenstein“. Bereits im Prolog macht sich diese Motivik bemerkbar, als Stone eines seiner misslungenen Experimente an den zwielichtigen Besitzer eines Jahrmarkts verkauft. Nicht nur werden in dieser Sequenz die fragwürdigen moralischen Werte der Hauptfigur etabliert, auch deutet eine jämmerlich schluchzende, aber noch nicht gezeigte Kreatur darauf hin, dass es womöglich nicht beim bodenständigen Tierhorror bleiben wird, sondern geplant ist, an einem unbestimmten Punkt der Handlung in die Science Fiction auszubrechen.
Die Prämisse so frühzeitig festzuzurren ist auch deswegen nötig, weil Regisseur Bernard L. Kowalski anschließend erst einmal ein paar Gänge zurückfährt und nüchternen Realismus walten lässt. Seine TV-Herkunft („Knight Rider“, „Airwolf“, „Magnum“) macht sich in spröden, trockenen Landschaftsaufnahmen voller Staub, Zäune, Felsen und Bäume bemerkbar, in denen keinerlei Interesse an besonderer Beleuchtung, kunstvoller Kadrierung oder sonstigen ästhetischen Mitteln zu erkennen ist. Die Genügsamkeit im Look des Films scheint eine Entsprechung des Weltbilds des Hauptcharakters zu sein, der sich so wenig um sein Umfeld schert, dass es aus dem peripheren Blickwinkel heraus fast grau erscheint. Sein ganzes Augenmerk, und zweifellos auch unseres, gilt den eleganten Bewegungen seiner Anschauungsobjekte.
Die daraufhin eingenommene Perspektive ist folglich zunächst eine rein wissenschaftliche. Wer aufgrund des marktschreierischen Filmtitels ein Exploitation-Spektakel voller billiger Effekte erwartet, sieht sich mit dem völligen Gegenteil konfrontiert. Gerade die Monologe Dr. Stones bringen aufrichtiges Interesse an der Herpetologie zum Ausdruck. Fakten und Bewunderung vermischen sich zu jener Art von Enthusiasmus, wie man sie oft auch im eigenen Umfeld von Spezialisten hört, die über ihr Fachgebiet referieren. Und wenn in den trockenen Kulissen auch sonst nicht viel geboten wird, so wird doch sehr viel in Bewegung gesetzt, um den schönen Worten über die majestätischen Tiere auch entsprechende Aufnahmen dieser Tiere folgen zu lassen. Keinesfalls werden dem Zuschauer nämlich Gummischlangen an Fäden zugemutet, es werden vielmehr echte Kobras und andere Gattungen geboten, wobei die Größe der Exemplare von Fingerlänge bis zum 4-Meter-Exemplar reicht. Wenn auch rein dramaturgisch nicht viel dafür getan wird, den Zuschauer das Fürchten zu lehren, so werden doch zumindest gewisse Phobien durch die bloße Anwesenheit der Schlangen effektiv bedient, und selbst wer nicht an einer Phobie leidet, wird doch zumindest eine gewisse Faszination und einen gewissen Respekt verspüren, für die Tiere ebenso wie für die Tiertrainer und Darsteller, die mit ihnen am Set umzugehen hatten.
Die Taktik des Films scheint ganz selbstbewusst darin zu liegen, nicht etwa möglichst viele Zuschauer für sich zu gewinnen, sondern frühzeitig beim Publikum die Desinteressierten auszusortieren: Wer klassische Horror-Schauwerte im Sinne blutiger Effekte oder Spannungsmomente erwartet, wird durch deren konsequentes Ausbleiben schnell vertrieben, so dass nur noch jene am Ball bleiben, die es mit dem Doc halten und sich einfach am reinen Anblick einer zischenden Kobra erfreuen können. Ein Stück weit wird man dadurch auch zum Komplizen des freundlich wirkenden alten Herrn, der trotz seines schaurigen Treibens nüchtern betrachtet noch völlig klar im Kopf wirkt. In vielerlei Hinsicht hätte sich wohl auch ein Regisseur wie Georges Franju an einer solchen Figur erfreut, weist sie doch viel Ähnlichkeit zu typischen Franju-Charakteren auf, nicht zuletzt zu Dr. Génessier aus „Augen ohne Gesicht“ (1960) – insbesondere dahingehend, dass es sich auch bei Carl Stone um eine moralische Figur handelt, die unmoralische Dinge tut. Heather Menzies baut die Parallele als Stones Tochter Kristina sogar noch weiter aus, tritt sie doch als Assistentin in abgewandelter Renfield-Tradition auf, ähnlich wie Alida Valli in „Augen ohne Gesicht“. Die „Dracula“-Konstellation wird aber erst durch Dirk Benedict wirklich rund. Jungschauspieler, die noch mehr Naivität, Unschuld und Arglosigkeit ausstrahlten, dürften damals wohl kaum auf dem Markt gewesen sein. Der perfekte Jonathan Harker. Als er schließlich noch im laufenden Gespräch betäubt und mit einem Serum behandelt wird, das ihn zum Schlangenmenschen verwandeln soll, schlägt auf einer tieferen Wahrnehmungsebene doch noch einmal das Grauen zu: Es ergibt sich beiläufig aus dem Kontext einer nüchternen theoretischen Einführung, die auf einmal ins Praktische umschlägt, als sich wider Erwarten die Pforten zum Body Horror nach Art von „Die Fliege“ (1958) öffnen.
So eskalieren am Ende also doch noch die Effekte, gut geschulter Maskenbildner zum Dank, die Benedict zunächst in subtilen Stufen verfremden und dann rasch zum Ganzkörperkarneval aufrüsten, nicht ohne die Domäne der „Freaks“ (1932) zu streifen, versteht sich. Die Maskeneffekte, die auf den letzten Metern kurz und schmerzlos in einem Überblendungseffekt nach Art von „Der Wolfsmensch“ zerfallen, machen allerdings nur einen Bruchteil der Laufzeit aus, zumal parallel auch weiterhin auf Live-Action mit echten Schlangen gesetzt wird. Bei einem Kampf zwischen Kobra und Mungo (vertreten von einem Exemplar der ähnlich aussehenden Hyrare) fühlt man sich sogar fast in den pseudowissenschaftlichen Gestus der Unterhaltungsdokumentation „Die Wüste lebt“ aus dem Hause Disney versetzt, der ohnehin die ganze Zeit als Andeutung über den Bildern schwebt. Als Höhepunkte sind somit mühelos einige der Stunts mit den Schlangen ausgemacht, bei denen besonderes Augenmerk darauf gelegt wurde, den Moment des Kontakts möglichst klar einzufangen, wie etwa in der mit Slow Motion realisierten, mit hunderten Wassertropfen geschmückten Attacke in der Duschkabine.
Wenn „Ssssnake Kobra“ in seine Bestandteile zerfällt, dann bei den herkömmlichen Kategorien einer Spielfilmproduktion; die Liebesgeschichte zwischen Benedict und Menzies ist plump geschrieben, die Ausstattung billlig, sämtliche Randfiguren wären in der Schießbude des örtlichen Jahrmarkts besser aufgehoben und die Kontinuitätsfehler häufen sich, je länger die Tragödie andauert. Der Konservierung würdig ist lediglich die Natur selbst, die faszinierend wie eh und je aus den staubigen Bildern zischt.