Comicverfilmungen stehen hoch im Kurs. Dies hat sicherlich zwei entscheidende Gründe: Auf der einen Seite ist es heutzutage kaum noch ein Problem, nahezu alle denkbar möglichen Spezialeffekte auf eine glaubwürdige Weise zu realisieren. Und auf der anderen Seite ist die Action – Ästhetik des Hollywood der 90’er Jahre nicht zuletzt dank des fernöstlichen Einflusses eng an die des Comics angelegt. Nun erblickt mit „Constantine“ eine Figur das Licht der Leinwand, die als „Hellblazer“ DC – Comics einen immensen Erfolg beschert hat. Dies scheint auf den ersten Blick verwunderlich, denn John Constantine ist kein prototypischer Held. Zwar hat auch er eine Mission, die auf den ersten Blick edel erscheint: Dämonen, die sich unerlaubt in der Welt der Menschen aufhalten, werden vom ihm eliminiert, jedoch unterscheidet er sich in zwei wesentlichen Punkten von seinen „Brüdern“, wie „Batman“ oder „Superman“. Erstens ist er nicht unverwundbar und besitzt auch keine übernatürlichen Fähigkeiten. Seine Waffe gegen die Dämonen ist das Wissen um ihre Schwächen. Und zweitens ist Constantines Motivation alles andere als edel. Das Allgemeinwohl der Menschheit interessiert ihn nicht, er war bereits in der Hölle und hat jegliche Illusionen verloren. Seine Handlungen sind ausschließlich auf den eigenen Vorteil abgestimmt. Da ihm als wiederbelebtem Selbstmörder der postmortale Weg in den Himmel versperrt ist, möchte er sich Gottes Gunst damit erkaufen, Satans Dämonen eins auszuwischen. So hofft er, sich von seinem ewigen Stigmata der Todsünde befreien zu können. Dass ihm bei seiner Aufgabe ausgerechnet der Lungenkrebs im Nacken sitzt, passt perfekt zur tragisch – desillusionierten Charakterkonstitution des Dämonenjägers.
Im Kleidungsstil der Hauptfigur eindeutig an den Film – Noir angelegt, erzählt Regisseur Francis Lawrence den Kreuzzug seines Helden in grellen, größtenteils beeindruckenden Bildern. Während die menschliche Realität nichts weiter ist, als ein trostloses, von Regengüssen geplagtes Moloch, kommt die Visualisierung der Hölle dem Begriff des „Fegefeuers“ schon verdächtig nahe.
So beeindruckend die visuelle Ebene auch geraten ist, das Problem des Films liegt hier weniger an den Spezialeffekten, sondern vielmehr an der mythischen Überfrachtung. Es hagelt Anspielungen auf Passagen in der Bibel, viele der Hauptprotagonisten tragen biblische Namen, aber irgendwie fehlt zuweilen der roten Faden. Tragisch, dass ausgerechnet der „Auserwählte“ Keanu Reeves wieder einmal als Leitfigur eines solchen Films herhalten muss. Wie die Wachowsky Brüder in ihrer „Matrix“ – Trilogie scheint sich auch Lawrence in „Constantine“ nach einer gewissen Zeit in seinem selbst geschaffenen, eklektischen Bibel – Comic – Mythos – Cocktail zu verlieren. Zu abwertend soll dieser Satz nicht klingen, denn „Constantine“ ist mit Sicherheit weder langweilig, noch schlecht. Jedoch werden vor allen Dingen Nicht – Kenner des Comics ihre Schwierigkeiten haben, mit dem Wesen und der Weltanschauung des gebrochenen Anti – Helden zurechtzukommen. Die fiktionale Realität, welche diesem Werk zugrunde liegt, wird – gemäß dem Charakter John Constantines – als solche hingenommen. Weder wird die Präsenz des Göttlichen oder des Satanischen hinterfragt, noch werden die Zusammenhänge erklärt. Dies mag in der Umsetzung sicherlich konsequent und auch neu sein, stellt den Zuschauer jedoch zumindest im ersten Drittel des Films vor das Problem, mit der ihm angebotenen möglichen Welt selbst zurecht zu kommen. Als Constantine sich letztendlich doch dazu entschließen kann, dem Medium Angela Dodson bei der Aufklärung des angeblichen „Selbstmordes“ ihrer Schwester zu helfen, wird seine eigenen Vergangenheit wenigstens stückweise ausgeleuchtet. Dadurch erhält auch der Zuschauer einen genaueren Einblick in die Besonderheiten von Constantines Umgebung. Dieser hätte jedoch ausführlicher ausfallen und vielleicht schon zu Beginn des Films einfließen müssen.
Abgesehen von diesen Schwächen hält „Constantine“ jedoch auf schauspielerischer Ebene einiges an Überraschungen bereit.. Neben Keanu Reeves kann besonders Peter Stormare als Satan überzeugen. Seine völlig gleichgültige Art und sein auf subtile Art und Weise abnormales Auftreten liegen fernab der gängigen Klischees des Gehörnten. Die Figur des Erzengels Gabriel bleibt leider bis zum Ende hin undurchsichtig und unmotiviert. Dies liegt allerdings auf keinen Fall an der Leistung der hervorragenden Tilda Swinton, die schon in „The Beach“ ihr Potential unter Beweis gestellt hat.
Insgesamt ist „Constantine“ ein durchaus unterhaltsamer Film geworden, der sich allerdings in seinen Anspielungen und Andeutungen verliert. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt einen knappe zwei Stunden langen Mix aus Horror, Action und Fantasy geboten, der durchaus zu gefallen weiß. Es gibt bessere, aber auch wesentlich schlechtere Comic – Verfilmungen.
6 / 10 Punkte