Was wäre, wenn Donald Duck in einer Realverfilmung aus falsch verstandenem Zeitgeist z.B. ein Hund wäre oder 7 Gründe warum die Constantine-Verfilmung ein Verbrechen gegen die Popkultur ist.
1.
Constantine wurde Anfang der 80er von Alan Moore erfunden und mit der Optik des damaligen Police-Sängers Sting als Nebencharakter in der Comic-Serie Swamp Thing eingeführt. Er bekam dann 1988 seine eigene monatliche Serie Hellblazer, d.h. er ist einfach BLOND. Basta.
2.
John Constantine ist Engländer, und wenn er schon mal in die USA muß, dann ist er nicht gerade froh drüber. 90% der Geschichten spielen in England. Moore und die folgenden Autoren haben einen fiktiven, aber komplexen, britisch verwurzelten Charakter geschaffen, der von Heft zu Heft mehr lebt und der immer noch und immer wieder mit neuen Facetten angereichert wird. Darüber hinaus ist er der einzige Comic-Anti-Held, der monatlich älter wird. Was soll der utopischerweise ausgerechnet auf dem Planeten L.A.?
3.
Constantine ist ein intelligenter, zynischer Bastard, der seine Gegner mit faulem (und echtem) Zauber überlistet, es somit mitnichten nötig hat, Jerry Bruckheimers Atombomben einzusetzen.
4.
Sein Kumpel Chas ist ihm für immer einen Gefallen schuldig, sprich: John läßt sich als Führerscheinloser immer von ihm durch die Gegend gondeln, der Grund hierfür wird in Hellblazer #84 erläutert. Mit Gabriel hat der nichts am Hut.
5.
Constantine ist nicht Lucky Luke. Er würde niemals wegen der Anti-Raucher-Lobby das Rauchen aufgeben.
6.
Wieso inszeniert sowas ein Videoclipregisseur, und nicht jemand wie Mike Leigh, der mit Nackt einen guten Constantine-Ansatz geschaffen hat?
7.
Aber der wichtigste Grund von allen: Hatte Alan Moore 2001 bei der 35mm-Krimi-Soap From Hell, an deren Vorlage er 10 Jahre geschrieben hat (das Ding hat allein einen 40seitigen Anhang), noch in seinen Bart gegrummelt (und da kann er ganz schön viel grummeln), hat ihm Hollywood zwei Jahre danach erst richtig gezeigt, wie die Traumfabrik funktioniert:
Nach dem Flop des 35mm-Computerspiels Liga der außergewöhnlichen Gentlemen wurde von dessen Produzenten und dem Skriptautor Larry Cohen sogar ein Prozeß gegen Moore angezettelt, weil die Comic-Serie den Film plagiiere. Moore mußte vor einem amerikanischen Gericht (via Videolink, weil er England nie verläßt) seine Unschuld beweisen ( Moore: "If I had raped and murdered a schoolbus full of retarded children after selling them heroin, I doubt that I would have been cross-examined for 10 hours.").
Schließlich dann die Drehbuch-Vergewaltigung von Constantine: Da ist ihm der Kragen dermaßen geplatzt, daß er nicht nur seinen Namen zurückzog, sondern verfügte, daß sein Geldanteil auf die Zeichner aufgeteilt wird. Darüber hinaus kündigte er an, daß er NIE mehr für die Verfilmung einer seiner literarischen Vorlagen seinen Namen hergeben wird.
( Moore: "I want them to say, 'We're not going to give you any money for your work, you're not going to get any credit for it and we're not going to put your name on it.' To see a line of dialogue or a character that I have poured that much emotional involvement into, to see them casually travestied and watered down and distorted... it's kind of painful. It's much better just to avoid them altogether.")
Dies galt dann logischerweise auch für V wie Vendetta (was eine regelrechte Hetzkampagne gegen ihn auslöste, abermals angezettelt von einem Filmproduzenten: Joel Silver, dem Matrix-Heini, der es eigentlich besser wissen müßte, da er mit den Wachowskis auch nicht gerade die publicity-geilsten Regisseure unter seiner Fuchtel hat) und gilt mit 100-prozentiger Sicherheit erst recht für das größte Comic-Film-Verbrechen: Nämlich Watchmen, die komplexeste (Mainstream-) Comic-Mini-Serie aller Zeiten, oder zumindest bis jetzt.
Wenn Hollywood mit Constantine schon an einer Vorlage scheitert, die wirklich in viele (außer die oben genannten) Richtungen alle möglichen Variationen ermöglicht, wie soll es dann ein Projekt wie Watchmen angemessen bewältigen, das ein extrem enges Korsett vorgegeben hat und das noch dazu UNMÖGLICH in die Zeit nach dem kalten Krieg übertragbar ist? (Hinweis für die Todesstrafen-Fetischisten: Der Taliban ist kein Russe, keine gelbe Gefahr und auch nicht die Gesinnungs-Wankelmütigkeit eines Rambo 3, im übrigen ist Rambo 3 retrospektiv der beste Aufklärungsfilm über die Verbrechen des CIA und Konsorten).
Und wer trotzdem meint, sich Constantine (oder Watchmen) ansehen zu müssen, sollte es zumindest anstandshalber bitte als Raubkopie einer gestohlenen Saturn-DVD tun. Ansonsten sollte er Constantines Ratschlag aus Hellblazer #83, letzte Seite, beherzigen.
Abschließend noch ein Zitat von Alan Moore, das sich vor allem an die richtet, die –leider- diese Zeilen eh nicht lesen:
„I hate the movie industry (because) if I make a bad comic, it does not cost a hundred million dollars, which is the budget of an emergent small third world African nation. And this is money that could have gone to alleviating some of the immense suffering in this world, but has instead gone to giving bored, apathetic, lazy, indifferent Western teenage boys another way of killing 90 minutes of their interminable and seemingly pointless lives.”
In diesem (dreideutigen) Sinne: Who watches the Watchmen-Vergewaltigung?
Stay Home, read a Graphic Novel!