„Wieso entwickelt sich ein lustiger, harmloser Irrer in einen gefährlichen Verrückten?“
Brett Leonard wurde Anfang der ‘90er als Regisseur des mit gemeinhin gemischten Gefühlen aufgenommenen und von Stephen King verklagten US-Science-Fiction-Films „Der Rasenmäher-Mann“ bekannt. Drei Jahre zuvor schuf er im endenden ‘80er-Jahrzehnt mit „The Dead Pit“ einen deftigen Horrorfilm als sein Regiedebüt.
Bei Gehirnchirurg Dr. Ramzi (Danny Gochnauer) sind selbst einige Synapsen durchgebrannt: Er führt in seinem geheimen Laboratorium unterhalb einer Psychiatrie grausame Experimente an lebenden Patienten durch. Doch Dr. Swan (Jeremy Slate, „Der unsichtbare Dritte“) erwischt seinen Kollegen eines Tages und macht mit einem sauberen Schuss zwischen die Augen kurzen Prozess. Anschließend mauert er Ramzi mitsamt dessen Labor ein und hüllt den Mantel des Schweigens über die Vorgänge. 20 Jahre später jedoch fallen die Ankunft der Amnesie-Patientin Jane Doe* (Cheryl Lawson, „The Vineyard“) und ein Erdbeben schicksalhaft zusammen, die Versiegelung zu Dr. Ramzis Horrorlabor öffnet sich… und siehe da: Auch als Untoter ist Ramzi nicht müde geworden, zu Spritze und Skalpell zu greifen und sich auf die Suche nach neuen Gehirnen zu begeben. Jane scheint in irgendeinem besonderen Bezug zu Ramzi zu stehen, doch ihre alptraumhaften Visionen verkünden ihr noch nicht die volle Wahrheit.
„Für Tote sind die ganz schön clever!“
Für sein Regiedebüt lässt sich Leonard nicht lange mit Nebensächlichkeit aufhalten und beginnt direkt mit grausamen Bildern fragwürdiger „Akupunkturmaßnahmen“ und ganzer Leichenberge. Seine hübsche und zeigefreudige Hauptdarstellerin (sonst übrigens hauptsächlich als Stuntfrau tätig) lässt er von wahnsinnigen Alpträumen plagen, die düstere Szenerie taucht er in kalte Blau- und giftige Grüntöne. Eine enervierende, dissonante Musik- und Geräuschkulisse voll Gewimmer, Gestöhne und Geschrei begleitet das jeder rationalen Vorstellungskraft entrückte Treiben, expressionistische Schattenspiele schlagen eine Brücke zu den Klassikern des Genres. Der irre, untote Chirurg mit leuchtend roten Augen ist der hochgradig und konsequent bösartige Antagonist dieses Horror-Infernos, das die Zustände und Gestalten im Irrenhaus gnadenlos überzeichnet, bisweilen fast komisch, im Zusammenhang mit der Handlung aber vor allem beunruhigend wahnsinnig erscheinen lässt. Diesen Wahnsinn unterstreicht die Kameraführung durch schräge Perspektiven, die den Film zusätzlich ungemütlich und bedrohlich entfremdet wirken lassen. Verfolgungsjagden durch Krankenhausgänge werden in schönsten ‘80er-Neonfarben ausgeleuchtet. Details wie Frontalansichten in Türspionperspektiven und Weitwinkeloptik sind nur ein Beispiel für die originelle, kreative Kameraarbeit. Zu einem optischen Leckerbissen machen „The Dead Pit“ natürlich auch die Splattereffekte, die besonders anfänglich zwar zeitweise qualitativ lediglich Mittelmaß aufweisen, jedoch stetig besser werden und sich sogar stets effektiver, im Genre aber nicht allzu häufig anzutreffender „Bodymelt“-Effekte bedienen.
Dem Zuschauer bietet sich ein bunter Strauß unterschiedlicher Genre-Motive, angefangen beim an weit verbreitete, recht reale menschliche Ängste appellierenden „Krankenhaushorror“, der sich aus dem Ausgeliefertsein ggü. sog. „Halbgötter in weiß“ ergibt, über Zombie-Attacken, wenn der irre Chirurg seine Lobotomieopfer zum Tanze lädt, bis hin zu Okkult-Horror-Versatzstücken. All das passt mal mehr, mal weniger gut zusammen, spielt in jedem Falle hinter Stil und grimmiger Stimmung des Films die zweite Geige, kümmert sich gar nicht erst um offene Fragen wie beispielsweise nach dem Grund für Ramzis Untoten-Zustand und steuert auf ein meinem ersten Eindruck nach nur wenig Sinn ergebendes Ende zu. Ohne diese Drehbuchschwächen wäre „The Dead Pit“ ein hochgradig verstörender Genre-Leckerbissen, der zu Unrecht ein verhältnismäßig unpopuläres Dasein fristet. Aber auch in dieser Form handelt es sich um ein absolut beachtliches Regiedebüt eines noch ungezähmten Filmemachers und Genrefreunds, das für manch schlaflose Nacht gesorgt haben dürfte und zu den härteren Vertretern seiner Gattung zählt. Get into the pit – to lose your brain!
*) "Jane Doe" ist übrigens interessanterweise ein englischer Platzhaltername für fiktive oder nicht identifizierte weibliche Personen.