„Piss die Wand an!“
Im Jahre 1997 überraschte der genrefremde britische Regisseur Mike Newell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) mit dem Mafia-Drama „Donnie Brasco“, das auf dem Buch „Donnie Brasco: My Undercover Life in the Mafia“ basiert und den wahren Fall des FBI-Agenten Joseph D. Pistone schildert, der unter dem Decknamen „Donnie Brasco“ die New Yorker Mafia-Familie Bonanno infiltrierte, woraufhin Anfang der 1980er 120 Mitgliedern der Prozess gemacht werden konnte. Der Film entstand in US-Produktion.
FBI-Agent Joe Pistone (Johnny Depp, „Edward mit den Scherenhänden“) erschleicht das Vertrauen des Mafia-Handlangers Benjamin „Lefty“ Ruggiero (Al Pacino, „Scarface“), um Informationen über und Beweise gegen den Mafia-Clan zu sammeln. Dabei freundet er sich nach und nach eng mit Lefty an, der für ihn bürgt und ihn in den von Dominic „Sonny Black“ Napolitano (Michael Madsen, „Reservoir Dogs“) geführten Teilabschnitt der Organisation einführt. Unter Pistones Doppelleben leidet jedoch seine Ehe und auch seine Vorgesetzten sind irgendwann nicht mehr mit Pistones Vorgehensweise einverstanden...
„Dieser Job frisst mich lebendig auf!“
Eine detaillierte Einführung spart sich „Donnie Brasco“ und nach einer Art Prolog um ein Diamanten-Geschäft, in das Lefty involviert ist, erfährt der Zuschauer schnell, dass der sich als Juwelierhändler ausgebende Donnie Brasco eigentlich ein Bulle ist. Die Personalie Lefty, der ganze 26 Auftragsmorde für die Mafia begangen haben soll, entglorifiziert die Mafia stark: Er ist kein sonnenbebrillter, eiskalter Typ, der über den Dingen steht und eine starke Organisation hinter sich weiß, sondern ein eher abgerissener, alternder, kranker Man mit Geldproblemen, der über die Mafia redet wie ein x-beliebiger Arbeitnehmer über seinen Arbeitgeber, dem er nicht sonderlich wohlgesonnen ist, weil er sich von ihm ausgenutzt und übergegangen fühlt. Der Film greift dies dankend auf und zeichnet die Mafia wie einen skrupellosen Konzern und die Mafiosi als soziopathische und vulgäre Rüpel. Lefty wirkt bald wie vielmehr wie ein Opfer der Umstände als ein Täter, wie ein ausgebeutetes armes Schwein, das zudem gar nicht einmal sonderlich unsympathisch ist. Das hat bisweilen etwas Komödiantisches und die Gründe für Pistones Ermittlungen geraten in den Hintergrund, die Männerfreundschaft zwischen dem alternden Lefty und dem vermeintlichen Mafia-Nachwuchs-Jungspund Brasco bestimmen die Szenerie. Die Handlung konzentriert sich vornehmlich auf Lefty und auf sein Leben, ja, sein Schicksal, während der Zuschauer wie Pistone Verständnis und eine gewisse Sympathie entwickelt.
Nach einem Ortswechsel von Brooklyn, New York nach Miami, Florida eignet sich Pistone immer mehr Verhaltensmuster der Mafia an und meldet sich ebensowenig beim FBI wie zuhause bei seiner zeternden Frau (Anne Heche, „Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast“), die nach ihrem Empfinden längst am Rande des Zumutbaren angelangt ist. Schließlich kommt es zu einem spannend inszenierten Showdown, während dem man sich Pistones Position nicht mehr sicher sein kann, der das FBI zum unabgesprochenen Abbruch der Mission provoziert und an dessen Ende Pistone mit sich und seinem Erfolg hadert, weil er einen Freund ans Messer liefern musste. „Donnie Brasco“ zeigt eindrucksvoll die Gefahren derartiger verdeckter Ermittlungen, die über das Entdecktwerden hinausgehen: Die Lebensgefahr beim kleinsten Fehler nicht nur für den V-Mann, sondern auch für seine Familie und sein Umfeld, seine emotionale Belastung durch den Missbrauch ihm entgegengebrachten Vertrauens, das Risiko, dass er sich ab einem gewissen Punkt tatsächlich mehr dem Gegenstand seiner Ermittlungen verpflichtet fühlt als den Behörden, das unter dem Doppelleben leidende Privatleben etc. Der Zuschauer wird gefesselt von Einblicken in eine Parallelgesellschaft, deren Schlüsselfigur der Handlung sich ihm als gar nicht so fremd entpuppt und dessen Probleme sich trotz der Mafia als „Arbeitgeber“ als Allerweltsprobleme entpuppen. Zur Faszination des erzählerisch angenehm einfach gehaltenen Films in authentischem End-‘70er-Ambiente tragen natürlich die Hauptdarsteller Johnny Depp und Al Pacino in großem Maße bei. Depp macht eine absolut souveräne Figur in seiner einmal so gar nicht exzentrischen oder exaltierten Rolle und führt prima durch die Handlung. Neben ihm brilliert Al Pacino als schnoddriger, bemitleidenswerter Mafioso mit Kleinganoven-Attitüde, der rein gar nichts mit sonstigen Mafiarollen Pacinos zu tun hat. Das ist verdammt großes Schauspielkino und unterstreicht einmal mehr die Ausnahmestellung dieses Mannes in der Spielfilmbranche. Die Überlänge merkt man „Donnie Brasco“ kaum an und ich bin zutiefst positiv überrascht, wie es Newell gelingt, einen geradlinigen und lange Zeit tendenziell vorhersehbaren Film wie diesen derart fesselnd zu gestalten. Für den optimalen Genuss sollte man jedoch nicht mit einer falschen Erwartungshaltung an ihn herangehen und einen actiongeladenen Thriller oder ein erhabenes Mafia-Epos voller Pathos erwarten – mit beidem hat „Donnie Brasco“ nichts zu tun und das ist auch gut so. Meiner Begeisterung für dieses Männerdrama verleihe ich mit 8,5 von 10 besonders schönen Fugazis Ausdruck.