Review

Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen Langfassung!


"Hallo - Hier spricht Edgar Wallace" - diesen markanten Spruch mitsamt seiner Revolverschüsse und der peitschenden MG-Salve sucht der Zuschauer vergeblich wenn er sich die englische Langfassung von "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" anschaut. Hier wird einmal mehr deutlich, was von der Ursprungsfassung für die deutsche Kinoauswertung übrig blieb und wie der Thriller umgeschnitten wurde um ihn hierzulande marktschreierisch als "Edgar Wallace"-Verfilmung vermarkten zu können.

Im Gegensatz zur deutschen Schnittfassung beginnt der Film mit den Credits, aus denen - abgesehen von den Darstellern - keine weiteren Rückschlüsse auf eine deutsche Beteiligung zu erkennen sind. 
Diese Eingangssequenz - untermalt von einer traumhaften Melodie von Ennio Morricone, die eines der Leitmotive des Thrillers darstellt - zeigt eine in braunem Farbstich inszenierte Rückblende, die im weiteren Verlauf des Films zur Klärung der Mordserie erneut aufgegriffen wird, während die deutsche Schnittfassung auf diese Szene verzichtet und einleitend mit der Sequenz beginnt, in der Fabio Testi und Christina Galbo im Ruderboot liegen und sich lieben. Dabei wird sie Zeugin eines bestialischen Mordes. Erst danach setzen die "Wallace"-typischen Credits ein und weisen darauf hin, dass der deutsche Schriftsteller Peter M. Thouet an der "Eindeutschung" des harten Filmstoffes beteiligt war. Ansonsten gibt es im weiteren Filmverlauf noch mehrere Handlungskürzungen, die sich auf Dialoge beschränken, aber auch die Mordsequenzen sind in der deutschen Auswertung leicht entschärft worden.

Während der deutsche Verleihtitel "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" noch ansatzweise "Wallace"-Erinnerungen zu wecken versucht, ist der englische Titel "What You Have Done To Solange?" zwar keinen Deut aufschlussreicher, impliziert aber auch keinerlei Hang zu den naiven Inszenierungen älterer "Wallace"-Verfilmungen.

Lässt man die Marke "Wallace" außen vor so hat man es hier mit einem handwerklich grundsoliden Giallo zu tun, der inszenatorisch und handlungstechnisch den Stilelementen des Subgenre Tribut zollt.
Regisseur Massimo Dallamano erzählt eine schlüssig und geradlinig erzählte Story mit sicherer Hand und Gespür für "gialloeske" Atmosphäre. 
Die subjektive Kamera, detailfreudige Morde, jede Menge "Lolita"-Erotik und das altbekannte Versatzstück des zu Unrecht Beschuldigten, der auf eigene Faust Ermittlungen anstellt, dürfen ebenso wenig fehlen wie unzählige falsche Fährten, um den Zuschauer in die Irre zu locken und die Auflösung so überraschend wie nur möglich zu gestalten.

Und gerade die Auflösung von "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" ist die dramaturgische Schwäche des Handlungsgerüsts:
 Es wirkt, als wären den beiden Autoren die Ideen ausgegangen, um den Film zu einem vernünftigen Ende zu bringen. So ist das Finale trotz seiner Tragik und Dramatik nicht nur aufgesetzt, sondern die vielen Zufälle, die zur Entlarvung des Täters geführt haben, wirken wie an den Haaren herbei gezogen.
Ein Manko, dass sowohl in der Langfassung als auch in der gekürzten Version besteht.

Die Story - eine unheimliche Mordserie an Schülerinnen eines Privat-College - erinnert noch etwas an Handlungsmuster aus "Der unheimliche Mönch" oder dessen Remake "Der Mönch mit der Peitsche" - doch dürfte die Brutalität jeglichen Anflug von Nostalgie im Filmblut ertränken. Wenn der Killer in der Verkleidung eines Priesters auf Jagd geht, dann bleiben selbst Wachhunde blutüberströmt auf der Strecke. 
Und wenn lange Messer und Heckenscheren in den entblößten Unterleib junger Mädchen gestoßen werden, dann wird die Affinität zur phallusartigen Mordwaffen mehr als deutlich.
Und ohne das "Geheimnis der grünen Stecknadel" lüften zu wollen, so haben doch die Tatwerkzeuge genauso wie die Stecknadel symbolischen Charakter. 

Aus heutiger Sicht mag die Sex & Crime-Handlung nicht mehr zu schockieren, zu damaliger Zeit - Anfang der 70er Jahre - dürfte die Story um einen verheirateten Lehrer, der ein Verhältnis zu seiner minderjährigen Schülerin unterhält, sicherlich ein kleiner Tabubruch gewesen sein, ebenso wie die unzähligen Softerotik-Einlagen. 
Fabio Testi überzeugt in der Rolle des Lehrers voll und ganz, während Joachim Fuchsberger wieder einmal als Yard-Inspector glänzt und sich mit seinem Gegenpart ein sichtlich unterhaltsames Duell liefert. 
Karin Baal als unterkühlte, biedere Ehefrau und Claudia Butenuth als durchtriebenes College-Flittchen machen die Besetzung perfekt.

Hin und wieder schleicht sich in den Filmverlauf etwas erzählerisches Schritttempo ein, da die unzähligen Sexszenen die Handlung etwas ausbremsen.
Alles in allem ist "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" jedoch in beiden Schnittfassungen ein spannender und unterhaltsamer Giallo mit einigen Härten, als "Wallace"-Vermarktung sicherlich ein ungewöhnlicher Abgesang auf die Erfolgsreihe.

7/10

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