„Da ist ein junges, blühendes Leben abgeschnitten worden wie eine welke Blume, gebrochen von einem Tier, das durch einen göttlichen Irrtum Menschengestalt angenommen hat.“
„Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ ist eine späte, auf dem Roman „Das Geheimnis der Stecknadel“ basierende Verfilmung des britischen Schriftstellers Edgar Wallace. Sie entstand im Jahre 1971 in deutsch-italienischer Koproduktion unter der Regie des Italieners Massimo Dallamano („Der Tod trägt schwarzes Leder“), ist der Auftakt zu dessen „Schulmädchen in Not“-Trilogie und hat viel mehr mit typisch italienischen Gialli gemein als mit den deutschen Edgar-Wallace-Krimis der 1950er und 1960er Jahre. Im Frühjahr 1972 kam er in die Kinos.
London: Enrico „Henry“ Rosseni (Fabio Testi, „Syndikat des Grauens“, „Racket“) ist Italienisch-Lehrer an einem katholischen Mädcheninternat und mit seiner deutschen Frau Herta (Karin Baal, „Die Halbstarken“, „Rosa Luxemburg“) verheiratet, die ebenfalls am Internat unterrichtet. Doch nebenher hat er eine Affäre mit seiner Schülerin Elizabeth (Cristina Galbó, „Das Versteck“, „Das Leichenhaus der lebenden Toten“) laufen. Als er sie eines Tages im Hyde Park trifft, wird sie Zeugin eines Mordes. Enrico schenkt ihr jedoch keinen Glauben und hält das für ein Ablenkungsmanöver Elizabeths aufgrund seiner sexuellen Avancen. Als er die schreckliche Wahrheit erfährt und weitere Schülerinnen umgebracht werden, gerät er unter Mordverdacht. Kommissar Barth (Joachim Fuchsberger, „Der Frosch mit der Maske“, „Der Mönch mit der Peitsche“) nimmt die Ermittlungen auf und auch Enrico und Herta ermitteln auf eigene Faust. Die Spuren führen zu einem Mädchen namens Solange (Camile Keaton, „I Spit On Your Grave“). Welche Rolle wird ihr in diesem mörderischen Puzzlespiel zuteil?
Bis auf seinen britischen Drehort und die zum Teil deutsche, aus vorausgegangenen Wallace-Filmen bekannte Besetzung wirkt „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ geradezu durch und durch italienisch: Da wäre zum einen die unverkennbare Kameraarbeit, mit der der berüchtigte, häufig zu Unrecht unterschätzte Aristide Massaccesi alias Joe D’Amato (Regie bei „Man-Eater“, „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ etc.) einmal mehr sein kinematographisches Geschick unter Beweis stellt, zum anderen der wunderbare Soundtrack von Maestro Ennio Morricone höchstpersönlich. Und natürlich der verschachtelte Aufbau der Handlung mit seinen typischen Giallo-Elementen, diesmal deutlich inspiriert von Dario Argento: Ein unschuldiger Ausländer gerät unter Mordverdacht und ist (mehr oder weniger) gezwungen, selbst zu ermitteln, jemand – hier Schülerin Elizabeth – kann sich an ein wichtiges Detail nicht mehr erinnern. Darüber hinaus bekommen wir es natürlich auch hier mit einer sexuell aufgeladenen Geschichte zu tun, deren visuelle Umsetzung mit ihren Nacktszenen gern den Weg Richtung Sleaze einschlägt; zudem war ein Mordinstrument selten so eindeutig als Phallussymbol zu erkennen wie in „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ – es wird den Opfern grausam in die Vagina gerammt.
Selbstverständlich fällt es bei einer Vielzahl gelegter Fährten auch schwer, den Mörder zu erraten, was in diesem Falle schlichtweg unmöglich ist, da der Zuschauer erst relativ kurz vor dessen Enthüllung die nötigen Informationen erhält. Bis es soweit ist, kann sich das Publikum aber an einem niveauvollen, in erstem Tonfall vorgetragenen Giallo erfreuen, der zeitweise, z.B. während der Gewitternacht, richtiggehend gruselig wird und generell eine unbehagliche Stimmung erzeugt. So ist es alles andere als einfach, nach dem ersten Mord eine Penetration nicht mit einer Messerattacke zu assoziieren, was den Erotikgehalt konterkariert. Der optische Härtegrad wird dabei verglichen mit anderen Gialli zumeist nicht überstrapaziert, hauptsächlich ist er inhaltlicher Natur und erzeugt die entsprechenden Bilder im Kopf des Rezipienten, ohne allzu viel zeigen zu müssen. Die Dialoge sind, passend zur Ernsthaftigkeit des Films, auf sprachlich recht hohem Niveau. Eine winzige komödiantische Einlage ist tatsächlich lustig, wenn auch etwas unpassend. Um den Film als Wallace-Giallo nicht ad absurdum zu führen, nimmt die Polizei genreuntypisch eine starke, dominante Rolle ein, ist nicht unfähig, sondern engagiert, was eine willkommene Abwechslung darstellt und der Dramaturgie der Handlung gut tut. Massaccesis Arbeit bietet subjektive Kameraführung, manch rasante Kamerafahrt, kreative und voyeuristische Perspektiven. Die grelle, in bunten Farben oder selbstzweckhaftem Stil gezeichnete Ästhetik anderer italienischer Thriller geht Dallamanos Film indes ab, der sich mit dem häufigen Gebrauch matter Farbtöne im nebelverhangenen England tendenziell eher dem klassischen Kriminalfilm verpflichtet zeigt.
Schönling Fabio Testi wird für seine Rolle mit einem Bart in der Tat so etwas wie Reife und Erfahrung verliehen, sein Schauspiel meistert er überraschend glaubwürdig und damit professionell und über Kritik erhaben. Ich kann mich nicht erinnern, Testi zuvor ähnlich stark gesehen zu haben. Karin Baal als seine Frau sieht selbst noch fast aus wie eine Teenagerin, durch das Drehbuch gewinnt ihre Rolle gegen Ende an Bedeutung und charakterlicher Tiefe. Generell bemühte man sich erfolgreich um facettenreiche, ambivalente Charaktere, die sich einfachen Schwarzweiß-Schemata entziehen. Bei aller entsetzlichen Dimension, die die Handlung nach und nach offenbart, fallen eindeutige Schuldzuweisungen schwer und sind nicht im Sinne der Autoren. Zudem zielt Dallamano nicht ganz so offensichtlich auf exploitative Panikmache im Zeitalter freizügiger Sexualität bereits junger Frauen ab wie im Quasi-Nachfolger „Der Tod trägt schwarzes Leder“, sondern reißt die biedere Fassade einer katholischen Lehranstalt und ihrer Doppelmoral ein. Seine jungen Protagonistinnen werden dennoch unverhohlen auf frühreife Früchtchen, die es faustdick hinter den Ohren haben, gezeichnet, von denen sich ausgerechnet diejenige, die eine Affäre mit ihrem Lehrer hat, als die Harmloseste herausstellen wird. Das kann jedoch durchaus als Mahnung zum verantwortungsvollen Umgang mit der Sexualität und seinem Körper verstanden bzw. muss nicht zwangsläufig als konservative oder alibihafte Positionierung gegenüber sexueller Selbstbestimmung geschlechtsreifer Mädchen interpretiert werden. Dafür setzt sich Dallamano über weite Strecken zu sensibel und behutsam mit seinen Protagonisten auseinander und erzählt auf spannende Weise in idealem Tempo letztlich ein bewegendes, aufwühlendes Drama in tadelloser Giallo-Manier mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Wallace-erfahrenen Deutschland, das mit Joachim Fuchsberger eine Seriosität einbringt, die einerseits Kontrastpunkt zu all den kruden Versatzstücken der Mordserie ist, sich andererseits aber perfekt mit dem italienischen Kino ergänzt und „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ damit zu einem überaus starken, ernstzunehmenden Vertreter seiner Zunft macht – der vorzugsweise in seiner ungeschnittenen Fassung genossen werden sollte.
Für Giallo-Freunde ein Muss, für konservativere Wallace-Konsumenten eine interessante, im Optimalfall inspirierende Grenzerfahrung.