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Von der deutschen Piefigkeit zum italienischen Giallo


Filme aus der Edgar-Wallace-Serie, mit der seit Ende der Fünfziger das deutsche Kinopublikum terrorisiert wurde, sind mittlerweile fester Bestandteil der hiesigen Filmkultur. Die unglaublich dichte Taktung der Beiträge beinhaltete teilweise kleine Highlights und ziemlich viel repetitiven Müll. Extrem offensichtlich ging es dabei in erster Linie ums Geld für die Produzenten und nur in zweiter oder dritter Linie um Kreativität und Filmkunst. Im Grunde hieß es im Hause Wendlandt für fast ein Jahrzehnt eigentlich nur „Wallace oder Winnetou“, bis Ende der Sechziger klamottenhafte Komödien neue Einkommensquellen garantierten.

Zum Ende der Welle an Wallace-Straßenfegern gab es dann einige Co-Produktionen zwischen der deutschen Rialto Film und italienischen Firmen und das merkt man dem 1972 erschienenen „Das Geheimnis der grünen Stecknadel" durch und durch an.
Italienische Regie, italienische, bzw. spanische Darsteller, in Rom gedreht und mittendrin Blacky Fuchsberger in Rollkragen und braunem Jacket. Und natürlich Horst Wendlandt mit der Geldbörse in der Hand.

Das italienische Kino dieser Zeit wurde mehr und mehr zum Trendforscher, kopierte teilweise amerikanische Vorbilder, beispielsweise den Western, und presste alles, was auch nur ansatzweise Geld bringen konnte, bis zum letzten Tropfen aus. Jedes Genre wurde gewissermaßen zu Tode geritten und die Beiträge nahmen qualitativ über die Zeit immer weiter ab. Jedoch bietet jedes italienische Filmgenre auch Klassiker, die das jeweilige Genre über die Landesgrenzen hinweg strahlend dominieren.

Im Western hat sich Sergio Leone mit „Spiel mir das Lied vom Tod" oder „Zwei glorreiche Halunken" die globalen Spitzenplätze redlich verdient. Diese Filme sind wohl formal die größten Klassiker im Western, was nur John-Wayne-Fans eventuell kritisch sehen könnten.
Ein eigenes Genre, das vom italienischen Kino ausdefiniert wurde, ist der „Giallo", der in seinen Eigenarten mit deutlich weniger Aufwand produziert werden konnte. Die Mischung aus klassischem Kriminalfilm, Drama und Psychothriller, die gewissermaßen auch als Vorreiter des Slasher-Genres fungierte, war in der Gegenwart verankert und benötigte kein aufwändiges Setdesign. Zudem wurde die pessimistische Stimmung der Siebziger in Italien und weltweit ebenso wie im nahezu zeitgleich aufkommenden Poliziottesco aufgegriffen und schlug einen düsteren Ton an, der gesellschaftliche Diskurse der Zeit vielleicht nicht unmittelbar aufgriff, aber dennoch in seiner Haltung der Figuren zueinander abzubilden wusste. Ebenso griff man auf die psychologische Deutung menschlichen Handelns zurück, die aber grundsätzlich plakativer Natur blieb und den dem Täter angedichteten Traumata manchmal doch recht flache Folgehandlungen zuwies.

„Blutige Seide" von Mario Bava setzte bereits 1964 zwar schon einmal einen Markstein, jedoch fand man in den Siebzigern besonders durch die Beiträge von Dario Argento zur eigentlichen Form, die in ihren Variationen die wesentlichen Eigenarten des Subgenres mehr oder weniger ausdefinierten.

Sieht man „Das Geheimnis der grünen Stecknadel" also als Edgar-Wallace-Film, so fällt der stilistische Bruch extrem auf und das auf Blödeleien, schrägen Spuk-Jazz, kunterbuntes Design und überdrehte Sidekicks eingestellte Publikum konnte somit auch nichts mit dem Film anfangen.

Sieht man den Film aber als Giallo, so findet man einen durchaus goutierbaren Genrebeitrag aus der Hochzeit des Genres, der sich eben klar erkennbar den das Genre definierenden Elementen verschreibt. Die Italiener hinter und vor der Kamera zeigen sich hier wesentlich experimenteller, der Gesamteindruck zielt auf wesentlich mehr Effektabbildung der dargestellten Gewalt ab. Die Morde, bzw. deren Ergebnisse wirken so wesentlich hässlicher, die Bedrohung steht immer im Vordergrund und mit diesem Ernst bei der Sache wirkt Fuchsberger mit der jovialen Art tatsächlich teilweise deplatziert. Dieser Altherren-Charme des in aller Selbstverständlichkeit regierenden Patriarchats atmet zwar den damaligen Zeitgeist, aber so recht will sich das naive Spiel nicht einfügen.
Christina Galbó, Fabio Testi und Karin Baal tragen den Film und vermitteln auch die menschlichen Tragödien nachvollziehbar, so dass zumindest ein Mord vom Zuschauer nicht nur wahrgenommen, sondern wohl auch bedauert wird. Diese tragische Komponente fehlte ja dem Wallace-Trash in Gänze und somit ist das Label hier definitiv Fehl am Platz. Ebenso verzichtete man auf diese verstaubte und wieder und wieder durchexerzierte Komponente der jungen, unschuldigen Frau in Nöten, die dann mit dem doppelt so alten Kommissar am Ende zum Traualtar schreitet. 

Als Zuckerguss und eventuell größtes Highlight haben wir natürlich die Filmmusik von Ennio Morricone, die man sofort an den ersten Klängen erkennt. Vielleicht ist sie hier nicht so prägnant wie seine berühmtesten Themen, jedoch übertüncht die Musik hier und da die Unzulänglichkeiten der Kameraarbeit, wie sie in nahezu allen italienischen Filmen zu finden ist. Zwar nur in einzelnen Szenen, aber manche Einstellung hätte man auch hier eleganter lösen können. Im Vergleich zur Brot und Butter Kameraarbeit deutscher Wallace-Produktionen ist man hier natürlich insgesamt besser bedient, aber wer hinschaut, erkennt hinter dem Kameramann Aristide Massaccesi niemand anderen als Joe D`Amato. Tadaaaa! Eine Euro-Trash-Note ist also auch hier garantiert. 
Allerdings hält die Regie von Massimo Dallamano jeder Zeit alle Zügel fest in der Hand und im weiteren Kontext des Subgenres erweist sich „What Have You Done To Solange?“, so der Titel der englischen Fassung, als überdurchschnittlicher Giallo, dem das Schicksal seiner Opfer ebenso ernst ist wie in Dallamanos aufrüttelndem „What Have They Done To Your Daughters“, zu Deutsch „Der Tod trägt schwarzes Leder“. 


Fazit

„Das Geheimnis der grünen Stecknadel" hat mit den Edgar-Wallace-Filmen der Sechziger formal und inhaltlich gar nichts mehr zu tun und das ist auch das Gute. Als Giallo mit einigermaßen eindrücklichem Ende bietet der Film mehr als Durchschnittsware. Joachim Fuchsberger wirkt hier und da etwas deplatziert, aber insgesamt kann der Film in Sachen Schauspieler, Kamera und vor allem Musik gut unterhalten. Den schlechten Ruf hat der Film letztlich zu unrecht inne und das liegt eben vor allem an dem falschen Label „Edgar Wallace“. Zudem liegt dieser Film meilenweit vor späteren Genrebeiträgen wie dem unfassbar kruden und dilettantisch erzählten "Der New York Ripper" von Lucio Fulci, da er sich der der dem Genre innewohnenden Exploitation wohltuend verschließt, wenngleich der vorhandene Sleaze nach heutigen Maßstäben diese Sichtweise etwas verschleiert.
 

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