Review

Manchmal stöbere ich in alten Filmlexika und greife dabei gern wegen des Amusementfaktors zu Hahn und Jansen, die nicht selten so total daneben lagen, dass man fröhlich durchs Zimmer kugeln kann, von der legendären Fehleinschätzung zu „Halloween“ bis zur Apostrophierung von „Blutgericht in Texas“ als „abgebrühtem Kotzschocker“.

Das passt wunderbar zu „Kabinett des Schreckens“, denn auch da gibt’s wieder ein paar Bemerkung in Richtung viehischer Brutalität, gedreht hat ihn „TCM“-Regisseur Tobe Hooper und „Halloween“ war gerade mal zweieinhalb Jahre her, wird hier aber gleich in der Einstiegsszene fröhlich zitiert, als sich ein vermeintlicher Killer eine Gesichtsmaske über die subjektive Kameraperspektive streift. Und Hooper kommt sicherlich die Ehre zu, in dieser Sequenz als erster (und zugleich letzter hoffentlich) ein Halloween/Psycho-Crossover zu servieren, denn der Killer attackiert sein Opfer unter der laufenden Dusche, die üblichen Kameraeinstellungen inclusive.

Danach versucht sich Hooper dann auch mal an was latent eigenem, auch wenn „The Funhouse“ nicht mehr und nicht weniger ist als ein weiterer Fall aus der langen Reihe der Teenie-Slasher der beginnenden 80er Jahre.

Diesmal sinds zwei Pärchen noch vor (!) der bereits geplanten Entjungferung, die einen auf einem sinistren Rummelplatz drauf machen wollen. Dort geht’s richtig zur Sache, mit Wahrsagerin, Strip-Show, Hau-den-Lukas und sogar einer Abnormitätenshow, in der uns eine doppelköpfige Kuh (schaut gut aus) grüßt und ein missgestaltetes Embryo schon mal auf das Kommende einstimmt.

Dann ist da natürlich noch die Geisterbahn und die lädt ein zum Stelldichein (aua!) – ergo verbringen unsere Herzchen da gleich mal die Nacht. Dumm nur, dass der mit einer Frankensteinmaske versehene Sohn des Besitzers des Fahrgeschäfts größter Gewinn sein könnte, denn er ist grässlich missgestaltet und sieht einem Alien von fernen Planeten ähnlicher als einem Menschen. Und als er nach einem hand job der Kartenleserin die Luft abdreht, wird das Geisterhaus zur Todesfalle…

Hooper lässt sich viel Zeit und setzt auf die halb sinistre, halb Glanz vortäuschende Rummelwelt, ehe er erst im letzten Drittel den Hammer rausholt. Bis dato verdödeln unsere Helden viel Zeit mit Kiffen, Schmusen und Besichtigen, während uns das fahrende Volk ausgiebigst als latent asoziale Zeitgenossen vorgeführt werden.

Überhaupt ist „Kabinett des Schreckens“ eine moralisch zweifelhafte Sache, denn das Abstruse, das Entstellte, das Missgebildete ist hier auch immer gleich das Böse, irgendwo zwischen sexueller Frustration, Religion und stetem Suff. Selbst der Budenbesitzer, der in einer (eigentlich nur zeitstreckenden) Nebenhandlung den kleinen Bruder der Hauptfigur Amy auf dem Rummel aufsammelt und die Eltern informiert, wirkt irgendwie wie ein öliger Kinderschänder, so wie Hooper ihn ins Licht rückt – nein, Rummel kommen hier nicht gut weg.

Schlußendlich geht’s aber dabei, von ekelerregender Brutalität jedoch keine Spur – ein Mord im Off, einer im Dunkel, nur ganz selten wird’s graphisch – und den Monstersohn legt Hooper bewusst oder unbewusst genau wie eine Hommage an sich selbst und „Texas Chainsaw Massacre“ an. Sogar die nicht enden wollende Kreischorgie der Hauptfigur ist hier mit enthalten.

Das ist dann auch eine der wenigen großen Enttäuschungen, denn als Gegenentwurf zu Laurie Strode scheint Amy alias Elizabeth Berridge im Augenblick der Gefahr zu mehr als Schreien nicht fähig zu sein. Selbst am Ende wehrt sie sich nicht, bewegt sich ewig nur vorsichtig rückwärts oder im Kreis bis das Monster praktisch selbständig in sein Verderben läuft. Dabei sind die übrigen Figuren nicht ganz so ärgerlich, ausnahmsweise wollen hier alle mal knutschen und fummeln, aber nicht als einziges Lebensziel.

Star der Show ist sicherlich die Geisterbahn, die Hooper gut in Szene gesetzt hat, ich wollte, ich wäre mal in einer gefahren, die so abwechslungsreich und so gut in Schuß ist. Atmosphärisch und unheimlich zugleich, allerdings hätte er bei Suspense und Schocks aus der Situation des Eingeschlossenseins noch mehr machen können.
Am Ende graut der Morgen, aber es graut zum Glück nicht dem Publikum – es ist weder Hoopers bester Film, noch sein schlechtester, aber es ist ein goutierbarer Beitrag zur Slasherwelle, wobei in Nebenrollen besonders Sylvia Miles (die eine ähnlich grotesk-vulgär-derbe Rolle als reiche Produzente ein Jahr später in „Das Böse unter der Sonne“ wiederholte), die sich meucheln lässt und Kevin Conway, der neben dem Job des innerlich degenerierten Vaters gleich noch zwei Budenanpreiser spielt und eine ungemein animalisch-böse Ausstrahlung hat.

It ain’t art – but it’s fairly entertaining. (6/10)

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