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Anwältin Jane Lin [ Brigitte Lin ] wird erpresst. Sie verdächtigt ihre Brokerin Mimi Chow [ Elizabeth Lee ] und vertraut sich ihrer Assistentin May Man [ Pauline Wong ] an, welche derartig mit dem Geschehen konfrontiert ihr Vorhaben aufgeben und die belastenden Materialien vernichten will. Dabei erwischt sie ihre Mitbewohnerin Queenie [ Joey Wong ], die unbedingt Geld für ihre frisch aus dem Gefängnis entlassene Schwester Catherine [ auch Joey Wong ] benötigt. Nun überschlagen sich die Ereignisse...

Web of Deception macht seinem Titel alle Ehre und entpuppt sich erfreulicherweise als fast durchweg cleveres und raffiniertes Verwirrspiel, welches in seiner ausgeklügelten Taktik und dem starken Frauenteam eine blendende Überleitung zum film noir der 40er Jahre schlägt. Eine derart eingehende, überraschend ausgeprägte Brücke zur Schwarzen Serie hätte man sicherlich aus jedem Produktionsland eher erwartet als aus Hongkong; welches mit dem Genre so gar keine Erfahrung hat und die letzten Thriller wohl mit einigen Hitchcock – Anleihen in den 60ern abgeschlossen hat. Dort entstanden bunte Shaw Brothers Werke wie Diary of a Lady Killer, A Cause to Kill, The 5 Billion Dollar Legacy; später verband man das Suspensekino höchstens mal mit Actionproduktionen, wobei das Hauptaugenmerk allerdings auch auf dem letzteren lag.

Hierbei lässt man dieses Element fast komplett aussen vor und konzentriert sich allein auf alles, was deception ausmacht: Den Betrug. Die Irreführung. Den Schwindel. Die Täuschung. Die Verschleierung.
Also in all seinen Varianten, und auch wenn alles etwas gemeinsam haben sollte, so liegen doch auch marginale, aber entscheidende Unterschiede zwischen den Variationen; genau davon handelt der Film.
Seine Handvoll Personen haben alle ein festes Ziel, welches sich mit „Geld“ schnell umreissen lässt, aber noch damit ergänzt wird, dass man sich nicht deswegen von anderen reinreiten lassen will. Anfangs geht es nur um den Gewinn, nach und nach aber immer mehr darum, heil und unbeschadet aus der ganzen Angelegenheit herauszukommen; sich nicht wegen dem Gewinnstreben fassen zu lassen und die wissende Konkurrenz möglichst auszuschalten.
Das Problem ist nur, dass keiner den Überblick hat, was überhaupt gespielt wird, wieviel Mitspieler anwesend sind, wieviel diese wissen, was diese vorhaben, wem man davon trauen kann und wen man besser im Auge behalten sollte.
Und auch wenn anfangs gewisse Paare miteinander arbeiten und die Lage zu verstehen glauben und zwischenzeitlich einige weitere Fragen geklärt werden, so tritt doch immer wieder eine plötzliche Kehrtwende ein, die alles bisher Vorhandende auf den Kopf stellt. Die Karten werden regelmässig ohne Vorwarnung neu gemischt, so dass man sich nie sicher sein kann, was als Nächstes passiert und man sich deswegen auch nicht darauf vorbereiten kann.

Man hat die Situation also nie unter Kontrolle; selbst wenn man gar nicht aktiv beteiligt ist wie Mimi wird man dennoch unfreiwillig durch den Strudel der Ereignisse ergriffen und muss ständig auf neue Situationen gefasst sein, weil man sonst untergeht. Das Spiel verlassen geht nicht, da man dann gar keine Möglichkeit mehr hat, die eigenen Interessen zu wahren. Und taktische Planung funktioniert auch nicht, da jeder Zug im nächsten Moment etwas Falsches auslösen kann; da kommt es schon vor, dass man seinen Partner warnen will und ihn genau dadurch erst in Gefahr bringt.

Schauplatz für dieses Treiben aus falschen Fährten, getürkten Identitäten, heimtückischen Absichten und daraus resultierendem Misstrauen ist Janes abgelegenes Haus, dass mit seinen zwei Stockwerken sowie dem Keller genug Raum für Verstecken, Verwechslungen, Missverständnisse, Vorsichtsmassnahmen und Aktionen bietet. Das Drehbuch passt sich dem an und beweist vor allem im Aufbau und Anordnung der Geschichte viel Kreativität; der Ideenreichtum wird rasch, aber übersichtlich dargebracht. Die Diversität der Handlung wirkt glaubwürdig und nachvollziehbar und damit auch unheimlich fesselnd: Jane hat wegen der Erpressung ihr Konto bei Mimi aufgelöst und das Geld in ihren Haus deponiert. May weiss davon und schickt Queenie mit der Ortsbeschreibung und der Mitteilung los, dass Jane nicht zu Hause, sondern auf einer Party mit ihrem Freund Henry Li [ Waise Lee ] und sie selber ist. Doch Jane hat nicht nur verschlafen, sondern auch das Geldversteck gewechselt. Catherine ist heimlich ihrer Schwester gefolgt. May will Queenie warnen, dass sich Jane verspätet und hört am Telefon nur einen Kampf.

Sicherlich sind hier und da die Wendungen sehr schnell, aber da jedes Mitglied verschiedene Motivationen, Absichten, Kenntnisse und Taktiken hat und das geschickte Nutzen der gegebenen Lage öfters eine Sache von Sekunden ist, kann man diese Eile auch verstehen. Zumal es nie in Hektik ausartet.
Nur zum zunehmenden Ende hin wirkt es leider manchmal etwas als Selbstzweck; zu sehr auf die Spitze getrieben. Die Konstellation erscheint weiter zumindest filmlogisch plausibel, aber man wiederholt zu ausdauernd die Spannungsmomente. Spielt mit derselben Grammatik von Erzeugung und Steigerung des Thrills, von plot points und retardierendem Moment. Man weist am Ende immer gleiche Bedrohung und Bedrohte auf und dekliniert diese auch auf derselben Art.
Differenziertheit erfolgt dann dort noch mit einer Leiche, die keiner entdeckt haben möchte, sowie Janes Freund Henry, der sich als Inspector bei der Polizei für alle zu stark in die Angelegenheit einmischt. Dieser ist nämlich auch der Einzige, der von gar nichts weiss und bis auf seiner Freundin auch nichts zu verlieren hat; alle anderen stecken bis zum Hals mit drin, ohne Ahnung davon, dass es ihren Konkurrenten genauso geht.

Was als Konstante gleichbleibt ist die Tatsache, dass der Zuschauer immer zum Mitwisser um die Umstände positioniert wird und als einziger den Überblick hat, aber trotzdem auch nicht vorausschätzen kann, was nun als nächstes passiert.
Imvolvierend und abwechslungsreich ist dabei auch die Tatsache, dass keiner der Figuren eine Bevorzugung erfährt, auf keinem mehr Gewicht liegt oder mehr oder weniger Sympathie verteilt wird. Alle Charakterisierungen sind ausreichend glaubhaft und nachvollziehbar gehalten, grenzen niemanden aus und stellen auch niemanden in den Mittelpunkt.
Ausser dass sie alle etwas zu verbergen haben und alle gewillt sind, dieses Geheimnis auch unter allen Umständen zu bewahren unterscheiden sie sich auch alle, ohne für die Abgrenzung bestimmte Stereotypen darstellen zu müssen.
Wahrscheinlich hat jeder Zuschauer seinen gewissen Favouriten in der Riege, aber eigentlich sind alle gleich wichtig und auch gleich gewichtet und auch deswegen Befürchtung und Hoffnung immer abwechselnd. Mal zugunsten von demjenigen und in der nächsten Sekunden hofft man für den anderen.

Die Regie arbeitet dabei sehr sicher und lässt das Geschehen flüssig einander eingreifen, die Zahnräder der Erzählung finden sofort das nächste Element und steigern sich dementsprechend ohne Behinderung immer weiter. Und wenn es am Ende etwas angestrengt wirkt, gibt der Endclou dem nunmehr etwas Abgenutztem dann noch einmal die richtige Note.
Erwartet hätte man so etwas Smartes nicht von einem Regisseur wie David Chung; welcher die Jahre davor auch immer gute Arbeit auf seinen Gebiet geleistet hat, aber auch immer auf formidablen Rambazamba – Kino wie Royal Warriors, Magnificent Warriors und Roboforce festgelegt war. Leider war Web of Deception seine letzte von nur sechs Regiearbeiten, selbst als Director of Photography blieb er nur noch bis 1994 im Geschäft.

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