Mit Sorge beobachtet Jenny (Lolita Davidovich) die an Besessenheit grenzende Fürsorge ihres Mannes Carter (John Lithgow) für ihre gemeinsame Tochter Amy (Amanda Pombo). Es scheint, als hege der Kinderpsychologe ähnlich ehrgeizige Ambitionen wie einst sein angesehener, aber auch umstrittener Vater (ebenfalls Lithgow). Bald schon machen Nachrichten von örtlichen Kindesentführungen die Runde…
De Palma macht dem Zuschauer den Einstieg alles andere als leicht: Die stilsichere Künstlichkeit aus früheren Filmen wächst sich hier zum handfesten Manierismus aus, der die Figuren beinahe wie aus einer Seifenoper geborgt wirken lässt. Zusammen mit John Lithgows absurd übersteigertem Spiel schlingert die Geschichte so zunächst nah an der Grenze zur unfreiwilligen Selbstparodie. Doch Ausdauer wird belohnt: Bald schon machen raffiniert gelegte Fährten und wahrhaft haarsträubende Schockmomente den ungelenken Anfang vergessen. Die edle Fotografie verblüfft zudem mit einigen beinahe schon zirzensischen Kunststücken. Auch wenn „Mein Bruder Kain“ ein vergleichsweise schwacher Beitrag aus De Palmas Autorenfilmkorpus ist, nimmt er sich im Vergleich zu seinen seelenlosen Auftragsproduktionen immer noch wie eine kleine Perle aus.