Acht Jahre nach seinem letzten Thriller BODY DOUBLE und einigen Flops (WISE GUYS, CASUALTIES OF WAR, BONFIRE OF VANITIES) versucht sich Brian de Palma mal wieder an dem Genre, das ihn berühmt machte. Und „versucht“ ist der richtige Ausdruck: RAISING CAIN ist völlig überkonstruiert, absolut unglaubwürdig und schrecklich chargiert. Ja, nicht einmal John Lithgow kann dieses Debakel retten. Der Mann, der schon creepy wirkt, wenn er nur nett lächelt, wird hier in eine Mehrfachrolle gezwungen, deren „böser“ Anteil mit Sonnenbrille, Kippe und zurückgegelten Haaren auftritt wie ein 50er-Jahre-Rocker.
Schizophrenie wird hier als dankbares Vehikel für diverse Drehbuchvolten verwendet, eine psychische Erkrankung ermöglicht praktischerweise ja auch jede Menge Halluzinationen, mit denen man die Zuschauer schön aufs Glatteis führen kann.
De Palma zitiert sich dabei genüsslich selbst, insbesondere SISTERS und DRESSED TO KILL, im Finale versucht er dann auch noch, die Bahnhofstreppenszene aus THE UNTOUCHABLES (in sich selbst bereits ein Zitat) zu toppen, was so albern ausgeht, dass man es eigentlich wohlwolkend nur als Selbstparodie bezeichnen kann.
Ob der Film im Ganzen wirklich eine clevere Dekonstruktion des Thrillergenres darstellen soll, wie positiv gestimmte Kritiker mutmaßten, oder nicht doch eher ein vermurkstes Chaos, das mal wieder ein ernsthaftes Krankheitsbild für billigen Mummenschanz ausschlachtet, liegt im Auge des Betrachters. De Palma war sich seines Werkes jedoch selbst nicht ganz sicher: In der Postproduktion schnitt er den zunächst komplexer angelegten Film chronologisch um und machte ihn dadurch zugänglicher – und noch banaler. Erst ein „Fan-Edit“ der ursprünglichen Drehbuchfassung überzeugte den Regisseur von seiner zuerst geplanten Fassung und Peet Gelderbloms Schnittversion wurde als „Director‘s Cut“ offiziell mit auf die Bluray gepackt.
Die „Recut“-Version macht den Film zwar interessanter und überraschender, weil verschiedene Traum- und Zeitebenen den Zuschauer verwirren, doch kann auch dies die zahlreichen Schwächen nicht ausgleichen.
Wobei der Film technisch gesehen natürlich über jeden Zweifel erhaben ist, mit wunderbaren Kamerafahrten und einem schwelgerischen Pino Donaggio-Soundtrack. Nur in der Substanz, da hapert‘s.