Review

Um es nur kurz vorweg zu sagen. Ich habe überhaupt nichts gegen Filme, die mit einem Minimum an Story auskommen und brauche nicht drei oder vier Twists im letzten Drittel, um einen Film gut zu finden. Es gibt grade im Bereich des phantastischen Films viele gelungene Werke, deren Handlung sich in ein zwei Sätzen nacherzählen lässt. "Rosemary's Baby" ist so einer, Lynch's "Eraserhead" hat überhaupt keinen richtigen Plot und funktioniert trotzdem als - und hier passt die vielbemühte Vokabel einmal - surrealer Bilderrausch und auch der bonbonfarbene Drogenhorrortrip "Hausu" aus Japan unterhält und amüsiert in jeder Sekunde, obwohl man die Handlung mit dem Satz "7 Schulmädchen werden im Haus der Tante dezimiert" zusammenfassen kann. Natürlich muss auch der großartige "Suspiria" hier erwähnt werden.

"Inferno" hingegen, auf den ich mich sehr gefreut hatte, unterhält fast überhaupt nicht, sondern ist in meinen Augen über weite Strecken ein großer Langweiler. Und das liegt nicht (nur) daran, dass die Geschichte so rudimentär ist, sondern daran, dass die wenigen erzählerischen Elemente so phantasie-, lieb- und ideenlos dahingerotzt werden.
(Achtung! Es folgen einige "Spoiler", wobei man bei dem Film eigentlich nicht viel spoilen kann, denn dass die Omma tenebrarum, die irgendwo im Keller rumhockt, für das ganze schlimme Böse verantwortlich ist erfährt man ja schon in MInute eins.)
Da ist zum Beispiel das alte alte Buch über die drei Mütter, das von Protagonistin eins im benachbarten Antikshop ausgegraben wurde. Darin heißt es, der dritte Schlüssel zum Geheimnis der drei Mütter liege "under the soles of your shoes." Nachdem diese wahnsinnig geheimnisvolle Formel im Film noch mehrmals wiederholt wurde, kommt Protagonist drei irgendwann völlig unvermittelt auf die Idee, das Parkett an einer xbeliebigen Stelle des 2000qm-Hauses aufzureißen und findet darunter prompt eine auch sehr geheimnisvolle Schriftrolle. In der steht irgendwas Lateinisches (mysteriös), das uns aber nicht übersetzt wird und auch zur Lösung des gar nicht vorhandenen Geheimnisses der drei Mütter keinen Deut beisteuert. Damit der Zuschauer sich darüber nicht zu viele Gedanken macht, setzt an dieser Stelle die enervierend vorwärts treibende Musik von Herrn Emerson ein.

Das Geheimnis besteht dann letztendlich darin, dass die Mater gelangweilt im Keller ihres Hauses sitzt und sagenhaft böse ist. Sie ist nämlich eine Hexe. Nun sollte man doch von einem Hexenfilm wenigstens erwarten dürfen, das die darin vorkommenden Hexen ihrer Natur folgen und das tun, wofür sie bezahlt werden, nämlich irgendwie hexen. Tun sie aber nicht. Stattdessen läuft irgendjemand mit Gichtkrallen und/oder schwarzen Handschuhen im Haus rum und sticht Leute mit einem Messer ab. Das ist einer Mater sowieso doch irgendwie unwürdig oder nicht? Sie könnte ja wenigstens mal ein Opfer an einen Materpfahl binden oder so. (Gag)

"Aber die Atmosphäre!" höre ich die Argentogemeinde rufen. "Die ist doch so schön surreal." Jaja, die Atmosphäre. Das Haus ist sehr schön mit unheimlichem Gerümpel vollgestellt, es knirzt und knarzt ganz ordentlich und blaue wie rote Glühbirnen hatte Argento wohl auch irgendwo im Tausenderpack billiger bekommen. Zugegeben, es gibt auch einige inszenatorische Lichtblicke. Die mit Verdi unterlegte Sequenz im Hörsaal in Rom ist schön suggestiv unheimlich und auch die Unterwasserszene weiß zu gefallen. Das reicht aber nicht für einen guten Film, wenn dagegen so haarsträubende Uninspiriertheiten wie die Messerattacke vom Würstlverkäufer (obwohl, der war wahrscheinlich verhext. Revidiere also meine Fehlen-von-Hexerei-Kritik) oder so ein Totalausfall von Finale stehen.

Fazit: Neben "Do you like Hitchcock?" der schwächste mir bekannte Argento. 4 von 10 Punkten und davon ist noch einer Altmeisterbonus.

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