Review

Rund zwei Jahre nach seinem phänomenalen „Suspiria“ legte Dario Argento mit „Inferno“ den zweiten Teil seiner Müttertrilogie vor.
Allerdings schien beim Dreh von „Suspiria“ noch nicht klar gewesen zu sein, denn erst „Inferno“ kommen die als Mütter betitelten Hexen eine Art Background serviert. In den ersten Minuten wird der Zuschauer via Legenden über das Müttertriumvirat aufgeklärt, wobei Mutter Numero Uno ja am Ende von „Suspiria“ im Feuer hopsging. Die Kenntnis des Quasivorgängers ist auch beinahe unerlässlich um wirklich durchzublicken, was „Inferno“ zu Beginn erzählt, denn leider kann man dem Film wenig Eigenständigkeit nachsagen.
Im weiteren Verlauf dreht sich „Inferno“ dann um die Personen, die so nach und nach die Legenden der verbliebenen Mütter erforschen, die in alten Häusern in verschiedenen Großstädten von den Menschen unbemerkt hausen...

Bei Dario Argentos Filmen geht es meistens weniger darum, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. „Suspiria“ stellte nach diversen Gialli einen Argentofilm da, bei dem die Bedeutung der Narration nach hinten gestellt wurde und der Regisseur vor allem seiner Vorliebe für atmosphärisch dichte Szenen mit ganz spezieller Farbkomposition frönen konnte. In „Inferno“ trieb Argento das Spiel dann noch einen Schritt weiter, doch im Gegensatz zu „Suspiria“ funktioniert der zwei Mutter-Film leider deutlich weniger.
So war die Geschichte von „Suspiria“ nicht wirklich komplex, aber doch noch substantiell genug, um den Film zu tragen, während „Inferno“ aufgrund seiner Alibi-Handlung viel eher wie eine Aneinanderreihung verschiedener Gruselszenen wirkt. Zwar haben die wenigen auftretenden Personen alle Bezüge zueinander, jedoch ist die Geschichte so wenig ausgearbeitet, dass die Charaktere auch vollkommen Fremde sein könnten und auch die Figuren der Mütter bleiben bloß recht austauschbare Legenden. Insofern baut „Inferno“ keinen wirklichen Spannungsbogen auf, mit dem Ende jeder zusammengehörigen Szenenfolge fängt er stets wieder bei null an.
Zudem spielt Argento seinen größten Atmosphäre-Triumph aus „Inferno“ nicht aus: Goblin. Claudio Simonetti und seine Jungs steuern nicht die Musik bei, aber auch für adäquaten Ersatz ist leider nicht gesorgt. Die Hymne der drei Mütter sorgt für Stimmung, der restlichen Musikuntermalung hingegen mangelt es an Profil, sodass sie kaum auffällt. Da mag Argento noch so exzessiv mit Beleuchtung und Farbgebung spielen – eine Atmosphäre wie in „Suspiria“ bekommt er leider nicht hin.

Völlig misslungen ist „Inferno“ jedoch auch nicht, denn der Film hat immer noch fantastische Einzelszenen zu bieten. Gerade die Tauchszene zu Beginn des Films ist inszenatorisch eine echte Augenweide und wenn die Figuren dann mal in Gefahr geraten, so kitzelt Argento immerhin für den jeweiligen Moment soviel Spannung heraus wie nur geht. Die Morde des Films sind Argento-typisch nicht gerade zimperlich, jedoch bemerkt man dies angesichts der durchstilisierten Inszenierung kaum noch.
Darstellerisch sollte man hingegen nicht viel von „Inferno“ erwarten. Nicht dass die Schauspieler wirklich schlecht wären – sie fallen einfach kaum auf, da Argento auf Story und Charakterentwicklung pfeift und sie insofern einfach schon vom Script ziemlich im Stich gelassen werden.

Alles in allem ist „Inferno“ ein filmisches Experiment – leider ein gescheitertes, wenn auch auf hohem Niveau gescheitert. Das Fehlen einer echten Geschichte killt jedoch den Spannungsbogen und ohne adäquate Musikuntermalung kann „Inferno“ leider auch die hypnotische Wirkung des Vorgängers „Suspiria“ entfalten. Handwerklich zeugt zwar alles von Argentos Können, aber das reicht in diesem Falle nicht – kein Wunder, dass der Maestro hiernach wieder Filme mit mehr Handlung drehte.

Details
Ähnliche Filme