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INFERNO, der zweite Teil von Dario Argentos Mütter-Trilogie – bereits drei Jahre nach dem Auftaktsfilm SUSPIRIA produziert (Teil 3 ließ dann satte dreißig Jahre auf sich warten) – schlägt in dieselbe okkulte Kerbe wie Vorgänger SUSPIRIA. Im Gegensatz zu ihm bringt er etwas Licht ins Dunkel um die Hexen. So gibt es auf dem Erdball verteilt drei mächtige Hexen, genannt Mütter, die mit ihren schwarzen Mächten das Weltgeschehen lenken und leiten. Eine in Freiburg, eine in New York und eine in Rom. Mutter Nr. 1 lernte uns in der deutschen Tanzakademie in SUSPIRIA das Fürchten. Mutter Nr. 2 – genannt Mater Tenebrarum, die jüngste und grausamste von allen – begegnet uns nun in INFERNO. Dort fällt der jungen Rose ein Buch namens „The Three Mothers“, geschrieben von einem Alchemisten und Architekten, in die Hände, in welchem die Merkmale der Hexen und die Beschaffenheiten ihrer Häuser genauestens beschrieben werden. Rose meint gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Appartmenthaus, in dem sie wohnt, und einem im Buch beschriebenen Häuser zu erkennen. Als sie Nachforschungen anstellt, häufen sich die mysteriösen Ereignisse um sie. Als sie ihren Bruder Mark in Rom kontaktiert und er besorgt nach New York reist, ist Rose wie vom Erdboden verschluckt. Nun beginnt Mark zu recherchieren und gerät dabei in einen Strudel aus albtraumhaften Begebenheiten…

Die Story von INFERNO zusammen zu fassen ist kein Leichtes, fällt diese doch bizarr bis wirr aus und verläuft sich ständig in Nebenschauplätzen. Man erlebt hier vielmehr einen furiosen Triumph von der Form über den Inhalt. Sehenswert sind hier vor allem die düsteren, stimmungsträchtigen Kulissen und die phantasievolle, knallbunte Ausleuchtung. Dieses Spiel mit Licht und Farbfiltern, welches in den Argento-Filmen SUSPIRIA und INFERNO zur Perfektion geführt wurde, verwandelt den Film in einen auf Zelluloid gebannten Albtraum und verleiht ihm viel Surreales. Einen ähnlichen Einsatz von farbigem Licht finden wir dann später in einigen Werken von David Lynch. In INFERNO, der es mit der Farbpracht schon beinahe etwas übertreibt (siehe z.B. rote Straßenlaternen), war allerdings nicht Argento für die Lichtgestaltung verantwortlich, der Regisseur betraute Altmeister Mario Bava (BLUTIGE SEIDE) mit diesem Job, der dieses Stilmittel praktisch erfunden hatte.

Doch Argento steht ja nicht nur für klasse Optik, sondern auch für stimmige musikalische Untermalung. Hier griff Argento nicht auf seine und unsere Lieblingsband „Goblin“ zurück, sondern engagierte Keith Emerson von der Prog(ressive)-Rockband „Emerson, Lake & Palmer“. Dessen Klänge vermischen sich mit einem klassischen Stück von Giuseppe Verdi. Der Soundtrack ist passend, verstärkt gekonnt die Stimmung und deutet in den entsprechenden Szenen die Präsenz von etwas Bösen an, stellt allerdings nicht so einen originellen Synthi-Ohrwurm wie die Themen von TENEBRAE oder DEEP RED dar, beides natürlich Stücke von „Goblin“.

INFERNO ist ein überaus phantastischer Horrorfilm, enthält aber auch Elemente des klassischen Giallo-Genres. So tritt der Killer lange Passagen hinweg nur als Pranke oder als ein Messer umklammernder Handschuh auf. Auf der anderen Seite begegnet uns aber eine beseelte, fast schon dämonifizierte Tierwelt. So wird eine holde Dame von einem Rudel Katzen, ein Rentner von einer ganzen Armee von Ratten massakriert und als einem Darsteller Ameisen über die Hand krabbeln, werden böse Erinnerungen an EIN ANDALUSISCHER HUND wach.
INFERNO verliert sich oft träumerisch in surrealen Sequenzen fernab jeder Nachvollziehbarkeit. So steigt z.B. Protagonistin Rose in den Keller des Hexenhauses hinab. Dort unten gelangt sie durch ein Loch im Boden in einen geheimen Raum, der komplett mit Regenwasser geflutet ist. Sie springt einfach in voller Montur ins feuchte Ungewisse, wie es definitiv kein Mensch bei Verstand machen würde. Im Film wird des Weiteren eine Bibliothek mit separater Hexenküche aufgeführt. Klar: all dieses Unlogische verstärkt natürlich den surrealen Touch des Films spürbar. Passagenweise wirkt INFERNO aber beinahe so konfus zusammen geschustert wie Fulcis GEISTERSTADT DER ZOMBIES. Das sich die Hexe erst ganz am Schluss zeigt, ist dann wieder sehr Giallo-typisch, in welchem die Identität des Killers auch erst in den letzten Minuten gelüftet wird.

Fazit:
Was soll ich sagen, ich bin kein übermäßig großer Fan von Argentos Mutter-Filmen. Okay, SUSPIRIA in allen Ehren, aber mit INFERNO kann man schon so seine Schwierigkeiten haben, denn mit Story, Logik, Dramaturgie und tieferem Sinn ist hier halt nix. INFERNO lebt einzig und allein von seiner in ihren Bann schlagenden Atmosphäre, den betörenden Farben, den albtraumhaften Kulissen und dem stimmigen Soundtrack. In gewisser Weise wird man als Zuschauer regelrecht hypnotisiert. Wer Hochspannung, Blutbäder und krasse Kills will, muss woanders suchen. INFERNO bietet delikate, bizarre Filmkunst für die Feinschmecker unter den Horrorfans – Take It Or Leave It!



Plus:
Nach etlichen enttäuschenden Bootlegs bringt Camera Obscura bzw. Koch Media den Argento-Klassiker im schicken 3-Disc-Mediabook endlich ungekürzt, in super toller Bildqualität und mit Unmengen Extras auf den Markt. Und in der Tat macht der Streifen nach dem Blu-ray-Upgrade gleich noch mehr Spaß.

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