kurz angerissen*
erstmals veröffentlicht: 11.07.2012
Mit dem zweiten Teil der "Mütter"-Trilogie büßt Dario Argento gegenüber seinem Referenzwerk "Suspiria" zwar viel an Dramaturgie ein, kaum jedoch etwas von der symbolischen Wirkungskraft seiner Bilder. Die Stärke von "Inferno" liegt in der Konstruktion der Situationen: Der Regisseur lässt seine Figuren aus der urbanen Harmlosigkeit (weil Vertrautheit) New Yorks blind in die zahlreich und kreativ gestalteten Fallen stolpern, denen er mit dem klimatischen Gebären des klassischen Giallo nachkommt. Zwar hat der Regisseur wie üblich Probleme damit, die Charaktere glaubhaft in ihre fatalen Schicksale zu befördern, von dem erneut beeindruckenden Farbenspiel angelockt, das die Gefahr geradezu personifiziert, erübrigen sich aber ohnehin sämtliche Fragen nach der Motivation der Figuren - der Grund, weshalb man schon beim Vorgänger vom Triumph der Form über den Inhalt sprach.
Obwohl die Erfolgsrezeptur erneut aufgekocht wird, ergeht sich "Inferno" erstaunlicherweise nicht in reiner Selbstkopie. Der fiebrige Goblin-Soundtrack wurde durch eine Ansammlung klassischer Komponisten ergänzt, die im gellenden Kontrast zu den Giallo-Elementen stehen. Auch die Beleuchtung wirkt in den grauen Straßen New Yorks wieder ganz anders als im ohnehin schon grell pulsierenden Gebäude, in dem "Suspiria" stattfand.
New York stellt Argento dagegen als anonymen Moloch dar, überbevölkert von Ratten und streunenden Katzen, ein System aus öffentlichen Plätzen und Rückzugsorten, das ebenso labyrinthisch aufgebaut ist wie das Freiburger Internat aus dem ersten Teil. Doch während sich das Internat mit verschlungenen Gängen und Geheimtüren nach innen hin ausweitete und in die Tiefe hinein komplexer wurde, steht New York eine breite Fläche zur Verfügung. Gewissermaßen beschreibt Argento damit eine gewisse Oberflächlichkeit der amerikanischen Weltstadt, unter deren Größe der Hexenzirkel unbemerkt operieren kann. Die Episodenhaftigkeit, mit der Argento sich scheinbar mühevoll von einer Szene zur nächsten hangelt, sollte man daher nicht überbewerten; seine Geschichte erzählt er ohnehin über die Symbolik von Farben und Formen, die etwas Uraltes ausstrahlen, das über einen konventionellen Plot ohnehin erhaben ist.
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