Henry Lee Lucas, einer der perversesten und schrecklichsten Massenmörder der USA: Fast 100 Morde konnten ihm nachgewiesen werden, bei seinen Geständnissen spricht der Psychopath immer von gut 500 Ermordungen. Henry Lee Lucas kommt aus gestörten familiären Verhältnissen, und bringt schon in frühen Kindertagen Tiere um.
John McNaughton wollte Mitte der 80er Jahren seinen Debüt-Spielfilm drehen. Um Zeit und Geld zu sparen, suchte er sich den Horrorfilm als Genre aus. Die erschreckende, berühmt-berüchtigte Geschichte des Henry Lee Lucas benutzte er als Grundlage für diesen Horror. Er reicherte die Geschichte mit Nebenfiguren an, die nicht unbedingt der Realität entsprechen, und drehte einen Film. Er drehte "Henry - Portrait of a Serial Killer".
Und somit einen der verstörendsten Filme, die ich persönlich je gesehen habe. Denn McNaughton nutzt hier einen dokumentarischen Stil für den Blick auf Henrys Leben aus. Nichts scheint irreal oder romantisiert zu sein. Henry Lee Lucas wird hier nicht als irrer Psychopath gezeigt, der hochintelligent mörderische Phrasen á la Hannibal Lector zum Besten gibt, aber auch nicht als Fantasykiller wie Michael Myers oder Jason Voorhees. Henry Lee Lucas wird als das porträtiert, was er war: Ein tumber, grober Prolet. In Unterhemd und mit Bierflasche vor dem Fernseher sitzend. Darsteller Michael Rooker spielt Henry derart intensiv, dass man zuweilen sogar glauben kann, man sieht sich einen Dokumentarfilm an.
McNaughton zeigt ihn lakonisch, beziehungsunfähig, aber versucht nie ein Psychogramm zu erstellen. Er hinterfragt nie Motive oder Erinnerungen aus seiner schrecklichen Kindheit. McNaughton zeigt uns ganz nüchtern Henry. Und dann zeigt er uns die Morde, und die werden dann ganz plötzlich wie ein Schlag in die Magenkuhle gefilmt. Plötzlich nimmt das Geschehen Substanz an, und es wirkt wie ein Reality-TV-Beitrag der übelsten Sorte. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass Henry und sein Kumpel Otiz ihre Greueltaten auch auf Video festhalten, um diese dann beim Abendbrot zu begutachten.
Die Mordsequenzen sind größtenteils nicht annähernd zu brutal wie zum Beispiel die Filme italienischer Horrorregisseure, aber sie gehen eher auf die Psyche des Zuschauers. Da er vollkommen unkommentiert und nackt mit den Gewalttaten eines "ganz normalen" Menschen konfrontiert wird, wirkt die gezeigte Gewalt realer und furchterregender, als in 90% aller anderen Serienkillerfilme.
Das McNaughton hier aber nicht seinen perversen Gedanken freien Lauf läßt, und schon gar nicht Voyeure mit dem Werk anspricht (sicherlich gibt es die eine oder andere wirklich harte Szene), wird deutlich, wenn man sich "Henry" als Gesamtwerk ansieht. Kamera, Regie und besonders die Darsteller sind erstklassig. "Henry" ist wirklich ein "Porträt" im eigentlichen Sinne: Wie ein Bild nur das Gesicht, und nicht die Handlungen des Menschen zeigt, bebildert McNaughton nur den grausamen Alltag von Henry, ohne eine wirkliche Charakterisierung vorzunehmen.
Auch bei den anderen, späteren Werken McNaughtons wird deutlich, das hier kein Selbstzweck-Filmer im Stile eines Joe D'Amato vorliegt: "Wild Things" ein höllisch vertrackter Erotikthriller, der selbst den abgebrühtesten Filmgucker umhaut, oder die nette Thrillerkomödie "Sein Name ist Mad Dog" mit Robert De Niro und Uma Thurman, lassen nicht erahnen, dass McNaughton einst diesen durch und durch intensiven Psychothriller realisierte.
"Henry" ist kaum mit einem anderen Film zu vergleichen. Wer "Schweigen der Lämmer" gesehen hat, und diesen als sehr hart empfand, wird wohl nichts mit "Henry" und den darin gezeigten Gewalttaten anfangen können. Leute, die David Finchers "Sieben" mochten, werden sicherlich in "Henry" hineinschnuppern können. Allen anderen kann ich nur sagen, dass "Henry" so unter die Haut geht, wie kein zweiter Film.