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Ein verstörender Klassiker des radikalen Horrorfilms, so verfolgt und zensiert wie wenige andere Werke: "Henry - Portrait of a Serial Killer" gibt einen Einblick in den Alltag des psychisch gestörten Henry, der am unteren Rande der Gesellschaft lebt und hin und wieder loszieht, um einsame Frauen, Prostituierte, zufällig ausgewählte Menschen zu quälen und zu töten. Sein einigermaßen stabil eingerichtetes Leben eskaliert, als er seinen Mitbewohner Otis in seine Streifzüge hineinzieht und sich dieser als ungehemmter Lustmörder entpuppt.

Mit diesem preiswert gedrehten Underground-Film hat Regisseur John McNaughton einen der heftigsten und verstörendsten Genre-Klassiker gedreht - und das, gerade weil er vollständig auf die Mitte der 80er im Horrorfilm üblichen Konventionen verzichtet und sein Porträt eines psychisch gestörten Mörders nicht als schrille Freak-Show inszeniert. Hier wird jeder enttäuscht, der ausgedehnte Splatter-Szenarien, originelle Gewalt-Ideen oder Metzel-Orgien erwartet. Stattdessen kommen lange Nahaufnahmen auf die Gesichter der Agierenden, ruhige, mit dunkel-bedrohlicher Musik unterlegte Sequenzen, in denen Henry in seinem alten Auto durch die Straßen fährt, und in ihrer Knappheit überaus realistische Dialoge. Und auch diese Dialoge verstehen es, allzu einfache Erklärungen für Henrys Wahnsinn zu umschiffen: So gibt er drei verschiedene Versionen davon wider, wie er seine Mutter umgebracht haben will, und als er darauf angesprochen wird, meint er lapidar: "Ja, das wird wohl so gewesen sein."

Die Kamera rückt den Figuren dabei immer wieder nah zu Leibe, zeigt ihre starren Gesichter, aus denen keinerlei Emotion mehr zu sprechen scheint. Besonders Henry wirkt mit seiner beinahe apathischen Ruhe so unnahbar, dass seine Taten gleichermaßen glaubhaft wie unwahrscheinlich wirken. Und auch Otis, der sich mit fortlaufender Handlung immer mehr in eine rauschhafte Hemmungslosigkeit steigert, kommt als verlorene Seele im tristen Großstadtgrau völlig überzeugend daher.

Ironischerweise ist der Vorwurf der Gewaltverherrlichung, der "Henry - Portrait of a Serial Killer" anhaftet, gerade hier so unbegründet wie bei kaum einem anderen Horrorfilm. Schon die Einleitungsszene spielt genial mit der Erwartungshaltung des Zuschauers: Da wechseln sich alltägliche Szenen aus Henrys Leben (er isst eine Kleinigkeit im Lokal, er fährt nach Hause, er sieht fern) mit den Bildern von verstümmelten, blutigen Leichen ab. Der eigentliche Mord geschieht dabei nur auf der Tonspur, die ein beängstigend verzerrtes Schreien, Weinen und Schlagen abspielt. Jegliche voyeuristische Ausschlachtung der Morde wird hier von vornherein umgangen - selbst die blutigen Szenen im späteren Verlauf kommen in einer naturalistischen Inszenierung daher, die ihnen jegliche Ästhetisierung nimmt und zugleich das Entsetzliche der Taten umso deutlicher vor Augen hält.

So gibt es schließlich eine ganze Reihe kaum erträglicher Szenen von sadistischer Brutalität, wenn Henry und Otis sich etwa selbst dabei filmen, wie sie eine ganze Familie auslöschen. Und Otis offenbart dabei sogar noch nekrophile und inzestuöse Vorlieben. Dieses Maß an Perversionen dürfte ein weiterer Grund für die Zensur gewesen sein, "Henry - Portrait of a Serial Killer" zu verbieten - dabei zeigt er nur in besonders drastischer, aber niemals voyeuristischer Weise die schlimmsten Schattenseiten der modernen Gesellschaft und ihrer Menschen auf. Er wertet nicht, sondern zeigt, schlicht, realistisch, und dadurch so entsetzlich und scheußlich. Und das bittere Ende schiebt auch der Illusion einen Riegel vor, ein solch tiefgreifend gestörter Charakter könnte durch die Begegnung mit etwas "Normalem", wie etwa einer Frau, in die er sich verliebt, geheilt werden. Denn schließlich steht hier die ganze Zeit eine unausgesprochene Frage im Raum, in jeder dunklen, stinkenden Gasse, in jeder heruntergekommenen Armenwohnung: In einer Gesellschaft, in der solche Psychopathen entstehen können - was ist denn da noch "normal"?

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