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Gut Ding will Weile haben die 300ste: als John McNaughton "Henry: Protrait of a Serial Killer" 1986 durch den Festivalzirkus Schliff ahnte er nicht, dass er trotz positiver Kritiken (sogar von Horrorhasser Roger Ebert!) bis 1991 warten musste, bis der Film wirklich im Kino ankommen durfte: zu misanthrop war den Zensoren der MPAA der Streifen auf Basis der verkorksten Existenz des Serienmörders Henry Lee Lucas, zu wahllos und gleichgültig das Töten auf der Leinwand. Die Behörden hatten das Slashergenre zuvor laut stöhnend und augenrollend zu akzeptieren gelernt, als McNaughton Michael Rooker und Tom Towles vor der Linse rumpoltern ließ, auf einmal erinnerte man sich wieder schlagartig daran, dass der Wirklichkeit wie so oft der größte Horror inne wohnte.

Meine Aufmerksamkeit erregte der Film erst mit seiner Deindizierung und der Veröffentlichung durch Störkanal. Das und der Umstand, dass Michael Rooker, einer der frühen Protagonisten einer von meiner Rollenspielgruppe gehypten Zombieserie, dort mitspielt, machten mich neugierig. Den Schritt zu Henry fand ich also durch "The walking Dead". Hier wie dort gilt: Rooker ist großartig in der Darstellung von rotnackigen Vollpsychos.

Dabei verschont uns McNaughtons lange Zeit mit allzu deutlichen Bluttaten: Gelefenheitsarbeiter Henry hinterlässt auf dem einführenden Road Trip lediglich blutige Stillleben und den Widerhall von Angstschreien. Bis zu den ersten sichtbaren Gewalttäter zermurben sich Henry, Knast Kumpel Otis und dessen Schwester gemeinschaftlich im trostlosen Mikrokosmos von Otis und Henrys gemeinsamer Wohnung geistig. 

Während Henry mit Becky anbandelt kocht in Otis der Frust hoch. Henry nimmt dies zum Anlass, seinen Freund zwecks gemeinsamem Frustabbaud mit auf seine nächtlichen Jagden zu nehmen. Spätestens hier stellt sich heraus: Der wahre Horror liegt nicht in den Effekten, sondern in der fatalen Scheißegal-Haltung seiner Protagonisten. 

Grindhouse meets Arthouse könnte man sagen: Henrys Umwelt ist trostlos und dreckig, einengend, laut und vor allem verdammt authentisch. In jeder Apartmentszene riecht man auch ganz ohne Odorama Rauch, Schweiß und Bierfahnen, auf jeder Autofahrt spürt man, wie die ohnehin angeschlagene Karosserie wieder ein rostigem Stück nachgibt. Der einzige Glanz im Leben der beiden Knastkumpanen sind ihre penibel gepflegten Waffen und eine geklaute Kamera, mit der sie ihre späteren Gemeinschaftstaten (neben ein paar wenigen unbeschwerten Momenten) aufzeichnen. Der Zuschauer darf das Heimkino in einer Art Gossenhomsge an "Nackt und zerfleischt" observieren, den Kopf schütteln, sich ertappt fühlen. Schließlich hat McNaughton sich trotz allen Disclaimern im Abspann immer noch an einer realen Mörderlaufbahn bedient, die im realen Leben durch die Prahlerei des Täters, 600 Menschen ermordet zu haben in die True Crime Historie der USA einging. 

Selten habe ich so etwas bedrückendes gesehen. Das mag auch der Aspekt gewesen sein, der die Kinoauswertung des Filmes lange Zeit undenkbar machte: die den Film durchsetzende Misanthropie ließ sich nicht einfach mit den Morden zusammen wegschneiden. Besser so: auch der selbstkritischste Genrefan kann hin und wieder mal eine handfeste Erinnerung daran vertragen, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der das Final Girl hält nicht überlebt, sondern zerhackt im Koffer endet. Ein Umstand, der auf keinen Fall auf die leichte Schulter zu nehmen oder gar als leichte Unterhaltung zu deklarieren ist. 

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