"Sieh zu, dass du deinem Kind mal lieber ein gutes Vorbild bist."
Drogendealer Tonny (Mads Mikkelsen) wird aus dem Gefängnis entlassen. Zunächst findet er eine zeitweise Anstellung in der Werkstatt seines Vaters (Leif Sylvester), der Tonny aber überwiegend mit Nichtbeachtung straft. Die Werkstatt selbst läuft durch illegalen Autodiebstahl, wodurch sich Tonny zu profilieren versucht. Seine eigenständigen Unternehmungen sind bei seinem Vater allerdings nicht gern gesehen.
Als Tonny die Prostituierte Charlotte (Anne Sørensen) wiedersieht, fordert sie Unterhalt für einen gemeinsamen Sohn, von dem er nichts wusste. Das Kind nimmt er zwar als seines an, mangels finanziellen Mitteln redet er Charlotte aber den Unterhalt aus. Neben den ständigen Streitigkeiten mit ihr lässt sich Tonny auch noch in einen Drogendeal verwickeln, für dessen Bezahlung sein Bekannter Kurt die Möse (Kurt Nielsen) einen Kredit bei Tonny's Vater aufgenommen hat.
"Pusher" wurde ein unerwarteter, internationaler Kassenerfolg und war nicht für eine Filmreihe vorgesehen. Nachdem Nicolas Winding Refn jedoch in Hollywood scheiterte, führte sein Weg zurück nach Dänemark und zu einer Erweiterung des Milieudramas. "Pusher II" geht allerdings trotz optischer Ähnlichkeiten und bekannter Charaktere andere Wege, und fokussiert sich auf ein Charakterdrama.
Der zweite Teil folgt Tonny, der im Vorgänger nur eine Nebenplatzierung einnahm. Ohne Verweise erzählt "Pusher II" seine Geschichte nach einigen Jahren Haftierung weiter und lässt Handlungslücken unberücksichtigt stehen. Winding Refn fragt nicht groß danach, warum seine Figuren zu dem wurden, was sie sind. Er stellt den Zuschauer vor vollendete Tatsachen.
"Pusher II" ist noch näher an seinem Protagonisten als der Vorgänger. Tonny bekommt ein vielschichtiges Profil und zeigt sich als noch tragischere Figur als Frank. Denn im Gegensatz zu diesem ist Tonny bemüht und ansatzweise aufgeschlossen, seine Situation und die vergangene Taten zu verbessern, auch wenn er sein kriminelle Ader nicht verlässt. Aber immer wieder stößt er auf Ablehnung, Demütigungen und eine geringschätzige Wahrnehmung in seinem gesellschaftlichen Umfeld.
Die Fortsetzung verlässt annähernd die Pfade von "Pusher" und löst die Drogen- und Dealerproblematiken durch gesellschaftliche und elterliche Probleme sowie Verantwortung ab. Durch spürbar weniger Interaktion mit der Umgebung und der Priorisierung auf den Hauptcharakter zeichnet sich nicht mehr länger ein Abbild der gesellschaftlichen Ebene, sondern das der einzelnen Person.
Zum Verhängnis wird dies Winding Refn, da er kaum Höhen in die Handlung einbaut. Überwiegend lang- und schwermütig bleibt das Erzähltempo, sodass sich der Film kaum von der Stelle bewegt.
Die sehr wenigen, drastischen Szenen hauen durch ihr immens plötzliches auftreten dafür umso mehr rein. Ohnehin ist "Pusher II" in seiner Optik und der Präsentation seinem Vorgänger enorm ähnlich. So findet sich der raue Umgangston genauso wieder, wie auch die düster-bedrohlichen Kulissen. Stets ist Winding Refn bemüht, die real anmutende Atmosphäre des ersten Teils weiter zu führen.
Eine beeindruckend greifbare Leistung präsentiert Mads Mikkelsen ("King Arthur"), die durch seine hohe Präsenz stets beängstigend real wirkt. Leider verhält es sich in der Besetzung der Nebenrollen weit gewöhnlicher als noch im Vorgänger. Leif Sylvester, Anne Sørensen und Kurt Nielsen zeigen sich zwar souverän, allerdings nicht ganz so harmonisch wie die Nebendarsteller in "Pusher". Der Kurzauftritt von Zlatko Buric ("2012") ist bestenfalls ein Gimmick und dient einzig einer knappen Referenz zum ersten Teil.
"Pusher II" ist weniger ein drastisches Milieudrama, stattdessen eher ein intimes Psychogramm einer im ersten Teil höchstens skurrilen Nebenfigur. Mads Mikkelsen spielt diese bemerkenswert authentisch und sichert sich eine Performance, die auch noch nachwirkt.
Während die Kulissen und Ausstattung stimmungsvoll ausfällt, hängt es am Erzählstil, dass der Nachfolger nicht an seinen gelobten Vorgänger heranreichen will. Der Film enthält keine Temposteigerung, was durch die erneut vorhandene Schwermütigkeit zu häufigen Längen führt. Nur die sehr plötzlichen, zählbaren Gewaltausbrüche können aus diesem hypnotischen Zustand kurz aufwecken.
5 / 10