Review
von Leimbacher-Mario
Gangstertourette
Im Mittelteil der Pusher-Saga von Nicolas Winding Refn folgen wir ein paar Jahre nach dem ersten Part Tonny, einer Nebenfigur aus dem Original. Dieser wird frisch aus dem Gefängnis entlassen und stellt sich nun wieder dem Alltag der Straße, dem Hass der Mutter seines Sohnes und der Missachtung seines ebenfalls kriminellen Vaters... Viel mehr Charakterstudie als sein Vorgänger, ist "Pusher II" jedoch kein bisschen weniger beeindruckend und real. Allgemein unterscheiden sich alle drei Teile der Trilogie genug voneinander, um für jeden Geschmack etwas zu liefern, ohne sich und ihren Stil dabei zu verraten. Aus einem Guss, in einer Familie und dennoch charakterlich jeder seine eigene Bestie. Auf dem Hinterkopf von Tonny steht fett Respect tätowiert - doch egal wie spät es die jämmerliche Gestalt, die weder ihren Schwanz hart noch einen Fernseher mit einem Baseballschläger kaputt kriegt, wahr haben will, hat eben das so gut wie keiner vor ihm. Einerseits verständlich, andererseits auch super traurig.
"Pusher II" ist kein reines Charakterdrama oder auf einmal soft geworden, ganz und gar nicht, er ist immer noch ein echter Ficker von Film. Doch er tut gut daran, sich mehr denn je auf eine Figur, diesen verrückten Tiefflieger Tonny, zu konzentrieren - erst recht wenn man einen Mads Mikkelsen hat, der abliefert als gäbe es kein morgen in Hollywood mehr. Im ersten Part war er schon ein Stand Out, hier trägt er die kompletten 100 Minuten. Keine One Man Show, aber nahe dran. Und man genießt jede Sekunde. Die Radikalität des Vorgängers ist noch da, selbst wenn Stil und Score etwas verfeinert wurden. Kein Wunder, ließ NWR doch immerhin acht Jahre ins Land Dänemark ziehen, bis er dieses Sequel heraushaute. Das Schicksal von Frank aus dem ersten Teil wird clever in einem Nebensatz offen gelassen und die letzten Momente erinnern fast etwas an "The Graduate" - mutig, fast romantisch, aber doch irgendwie hilflos und ratlos. Ziemlich grandios.
Fazit: rau, echt, schmutzig - der zweite Teil von Refns Pusher-Trilogie setzt andere Akzente als der Vorgänger und schließt stilistisch dennoch nahtlos an ihn an. Eine bittere Charakter- und Unterweltstudie, getragen von einem grandiosen Mads Mikkelsen, in der Worte wie Menschlichkeit, Liebe und Respekt ganz weit weg sind. Ficken und gefickt werden - ein Brett!