Review

Angenehm kitschlose Literaturverfilmung 

Neben der Arthussage und der Gralslegende ist die Geschichte von „Tristan und Isolde“ wohl die bekannteste Quelle europäischer Literatur des Mittelalters. Sie wurde bereits von so unterschiedlichen Künstlern wie Richard Wagner (gleichnamige Oper) oder Thomas Mann (die Novelle Tristan) bearbeitet bzw. interpretiert und fand durch die Verfilmung von Kevin Reynolds nun auch Einzug in die Welt der (Mainstream-)Literaturverfilmungen.  

Reynolds, der mit Filmen wie „Robin Hood: König der Diebe“, „Rapa Nui“ und zuletzt einer Neuverfilmung der Geschichte des „Grafen von Monte Cristo“, schon beträchtliche Erfahrungen im literarischen Genre sammeln konnte, beweist mit „Tristan und Isolde“ eindrucksvoll, dass Verfilmungen europäischen Schriftgutes nicht zwangsläufig in Kostümorgien, unverhältnismäßiger Tränenschinderei oder überdramatisierten Aneinanderreihungen von popkulturellen Anspielungen enden müssen, sondern durchaus spannend und realitätsnah umgesetzt werden können. 

Obwohl durch die Bekanntheit der literarischen Vorlage eine Inhaltsangabe im Grunde nicht notwendig wäre fasse ich die Grundgeschichte (aus Gründen der Vollständigkeit) in einigen Sätzen zusammen. 

Nach Ende des großen römischen Reichs sind die Stämme Englands untereinander und mit den Stämmen aus Irland verfeindet. Vereinigungsbemühungen der englischen Clans werden von den Iren nicht geduldet und zumeist blutig niedergeschlagen. Im Zuge eines jener Blutbäder verliert der junge Tristan seine Eltern und wird von Lord Marke, einem Stammesführer der Engländer aufgezogen. Jahre später ist Tristan (James Franco) erwachsen und es kommt erneut zu Vereinigungsambitionen und Kämpfen. Tristan wird verwundet, für Tod erklärt und mit einem Holzschiff, als letzte Ruhestätte, ins offene Meer entsendet. Sein Boot treibt nach Irland, wo er von Isolde (Sophia Myles), der Tochter des irischen Königs gesund gepflegt wird. Die beiden verlieben sich, Tristan muss flüchten, kehrt im Zuge eines Turniers wieder nach Irland zurück und erobert (ohne es zu wissen) Isolde als Hochzeitsgeschenk für Lord Marke. Damit trägt er zwar auf der einen Seite zur Friedenssicherung in seinem Heimatland bei, leidet auf der anderen Seite aber Höllenqualen seine Geliebte in den Armen eines anderen Mannes zu sehen.
Das Drama kann beginnen und seinem unausweichlichen Ende entgegensteuern. 

Kameramann Arthur Reinhart beweist mit weiten Panaromaeinstellungen der Küstenlandschaften von England und Irland gepaart mit seiner (sogar während der zahlreichen blutigen Kämpfe) ruhigen und konzentrierten Kameraführung, ein gutes Gefühl für die jeweilige Filmstimmung und trägt damit maßgeblich zum überaus positiven Gesamteindruck des Films bei.  

Die zuvor schon erwähnten Kampfsequenzen sind glaubwürdig umgesetzt und genau im richtigen Maße mit Blut angereichert, um die Brutalität der damaligen Zeit, ohne unnötige Überspitzungen auf die Leinwand zu bannen. Vor allem die „Schaukämpfe“ während des Turniers um Isolde können durch Einfallsreichtum, Härte und flotte Kampfstile überzeugen.
Mir als altem Gorehound hätten zwar ein bis zwei zusätzliche (blutige) Kämpfe nicht geschadet, aber diese hätten sich sofort auch negativ, auf die wohltuend kurzen Laufzeit (unter 120 Minuten ohne Abspann) ausgewirkt.

Dank der Wahl von zwei relativ unbekannten Schauspielern als Titelgebendes Liebespaar gerät der Film weiters nie in Gefahr zu einem uninspirierten Starvehikel zu verkommen. 

James Franco scheint durch sein jugendliches Äußeres, seinen ständig sehnsüchtig schmachtenden Blick und seinen durchtrainierten (dem von Barbies Freund Ken nicht unähnlichen) Körper seit jeher für rebellische Liebhaberrollen prädestiniert zu sein. Seine Rolle des Tristan passt somit ebenso perfekt in sein Profil, wie schon seine Rollen als amerikanischer Bomberpilot in Tony Bills „Flyboys“, als Schweißer mit militärischen Ambitionen in „Annapolis“, als „James Dean“ im gleichnamigen Biopic  (für das er immerhin den Golden Globe einstreichen konnte) und als Harry Osborn in der „Spiderman“ Trilogie. Seine Charaktere zeichnet meist übermäßige Leidenschaft, hohe Schmerztoleranz, Halsstarrigkeit, ein Hang zur Umgehung von Regeln und eine gehörige Portion Opferbereitschaft aus.
Tristan haucht er ohne ersichtliche Probleme Leben ein und beweist erneut sein durchaus vorhandenes schauspielerisches Talent. 

Sophia Myles dürfte aufmerksamen Kinobesuchern (oder DVD Konsumenten) aus Len Wisemans beiden „Underworld“ Teilen und „From Hell“ bekannt sein, in denen sie jedoch lediglich Kleinstrollen übernahm.
Umso erstaunlicher ist die Glaubwürdigkeit und Präsenz die sie als Isolde (immerhin die tragende Hauptrolle) an den Tag legt.  

Die unvermeidlichen Liebesszenen der beiden Hauptcharaktere sind angenehm intensiv und weitgehend entkischt, wobei ich zugeben muss, dass mich vor allem die absolute Kompatibilität der Beiden zu solch positiven Worten verleitet hat (die rosarote Brille könnte man sagen). 

Das etwas zu aufgesetzte und moralinsaure Finale und die teilweise zu holprigen Dialoge (vor allem gegen Ende) von “Tristan und Isolde“ mildern die Gesamtwertung etwas ab. Trotzdem ist Kevin Reynolds mit "Tristan und Isolde" eine der flüssigsten und genießbarsten Verfilmungen, eines historischen Themas alla „Romeo und Julia“ gelungen. 

Fazit: 
Die für einen Historienfilm untypisch flotte Inszenierung und die ruhige Kameraführung überzeugen genauso wie die jungen Darsteller und die tollen Kulissen.
Regisseur Reynolds meistert die Gradwanderung zwischen Kitsch und Glaubwürdigkeit ausgezeichnet, setzt am Ende aber leider etwas zu sehr auf veraltete Heldenideale. Das wiederum kann (teilweise) durch die Berufung auf die mittelalterliche Vorlage abgeschwächt werden. 

Somit hebt sich die gut getroffene Mischung aus Kostüm-, Liebes-, Literatur- und Abenteuerfilm durch ihre betont naturalistische respektive realistische Tönung angenehm vom häufig verkitschten (Literatur-)Genredurchschnitt ab.

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