Wenn ich aufgrund unglücklicher Umstände mit irgendetwas bei Tommy Gottschalks Wettspektakel auftreten müsste, dann vermutlich mit der Fähigkeit, eine Serie des amerikanischen Juristen und TV-Produzenten David E. Kelley quasi mit verbundenen Augen zu erkennen. Egal ob Kleinstädter (Picket Fences), Ärzte (Chicago Hope), Lehrer (Boston Public) oder natürlich Anwälte (L.A.Law, Practice, Ally McBeal), irgendwie ist alles auf den ersten Blick sofort. vertraut. Die Figuren sind allesamt offene oder verkappte Juristen, auch wenn sie mal andere Berufe haben (besonders wunderlich: Die sexbombige-Ex-Anwältin-Lehrerin aus Boston Public), meist eloquent, manchmal spleenig. Und die Plots führen die Protagonisten früher oder später fast immer in die amerikanischen Gerichtssäle, wo meist skurile bis grenzdebile Richter regieren (unvergessen: Der "Krötenrichter" aus Chicago Hope).
Zugegebenermaßen hatte ich nach der extrem schwachen letzten Staffel der anwaltlichen Comedy-Drama-Mixtur Ally McBeal erhebliche Zweifel, ob Kelley diese frühere Erfolgsformel noch einmal reaktivieren kann. Doch siehe da, es geht, und im Falle von Boston Legal hat das zwei Hauptgründe: Das immer wieder für wundersame Wendungen anfällige amerikanische Rechtssystem, wo man offenbar problemfrei zwei Menschen mit einer Bratpfanne abmurksen und dank eines brillianten Rechtsverdrehers als freier Mann aus dem Gericht laufen kann; und dann natürlich und vor allem William Shatner, der hier erstmalig aus dem Schatten des übermächtigen Captain-Kirk-Images heraustreten kann und als leicht seniler, ultrakonservativer Ex-Frauenheld Denny Crane schlicht eine phantastische Rolle spielen darf.
Zur eigentlichen Handlung gibt es wenig zu sagen: In der Bostoner Anwaltskanzlei Crane-Pool-Schmidt laufen die unterschiedlichsten Fälle auf, wobei der "skrupellose Moralist" Alan Shore (James Spader) meist Verbrecher aller Couleur verteidigt und seine häufig schuldigen Mandanten in US-typischen Jury-Prozessen freiplädiert. Privat hat er die Wahl zwischen reichlich attraktiven Mitanwältinnen (u.a. Ex-Lara-Modell Rhona Mitra, Monica Potter, Lake "Surface" Bell), die aber allesamt bereits zum Ende der ersten bzw. Beginn der zweiten Staffel andere Wege gehen. Und hier setzt dann auch die erste Kritik ein: Obwohl ich die Enscheidung, dem Privatleben der Hauptfiguren deutlich weniger Raum zu geben als noch zu Ally-Zeiten, für richtig halte, bleibt der kaltherzige Umgang mit dem Personal rund um die Leitfiguren ein durchgehender Schwachpunkt aller Kelley-Serien. Da wird schon mal 2/3 des Casts auf einmal gefeuert (Chicago Hope), wichtige Figuren sind kommentarlos einfach weg (Ally, Boston Public), und auch hier bleiben außer dem Duo Spader -Shatner eigentlich alle Rollen blass, (besonders auffällig der Faceman-Anwalt, der in der gesamten 1. Staffel kaum eine gescheite Szene hat), sind austauschbar, und genau das geschieht dann oft und reichlich unvermittelt. Dass es es hier aber nicht die Ken-Puppe, sondern die gesammelten weiblichen Beauties der ersten Staffel getroffen hat, ist schon leicht kurios; und die nicht ganz so aufregenden Nachfolgerinnen werden einem - auch so eine Kelley-Macke - reichlich lieblos vor die Füsse gerotzt.
Aber Schwamm drüber, das ist eine der wenigen Anwaltsserien, die nicht als Teamserie funktioniert, sondern von genau zwei Hauptfiguren lebt, und das wirklich gut. Spader und Shatner sind einfach ein geniales Duo, nie war (der Satz stammt zugegeben nicht von mir) ein waffenvernarrter Republikaner sympathischer als Denny Crane, und Spader als der aufgeklärte Liberale mit einer ganzen Aktentasche voll eigener Macken ist der perfekte Gegenpart. Die Tonart geht von purem Klamauk (zum Brüllen: Die Fischfang-Folge) über gallige Satire bis hin zu leise melancholischen Tönen (wenn Shatner seine Krankheit reflektiert), aber all das bringen die beiden so glaubwürdig rüber, dass einen nicht mal die abrupten Wechsel irgendwie stören. Die dazugehörigen Fälle sind für jeden, der mehr als 3 Folgen aus Kelley-Anwalt-Serien gesehen hat, nicht wirklich überraschend, aber haben i.d.R. genug Potential für ein paar nette Auftritte vor Gericht und ab und an mal einen putzigen Twist.
Fazit: Nichts wirkllich Neues vom Planeten Kelley: Nette, manchmal skurile Fälle aus der wundersamen Welt des US-Rechtswesen, reichlich blasse Deko-Gesichter und zwei wirklich grandiose Figuren. Wenn Shatner und Spader - vor allem Shatner - im Bild sind, ist alles egal, dann rockt der Schirm.
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Private Joker