Die hübsche Julius (Silvia Dionisio, die jetzige Frau von Ruggero "Cannibal Holocaust" Deodato!) wächst vermeintlich wohlbehütet im Haus ihrer reichen, geschäftigen Mutter, einer Witwe, auf. Da Julius' Vater schon kurz nach der Geburt starb und ihre Mutter sich einen Jungen gewünscht hatte, erhielt sie den männlichen Vornamen. So wächst Julius eher mit der Gouvernante Lia auf, die alle Männer verabscheut und die Julius noch als Teenagerin verführt. Doch Silvia will irgendwann diese Annäherungen nicht mehr erdulden und zieht mit ihrer Mutter allein ans Meer. Da beobachtet sie die Haushälterin mit ihrem Freund beim Sex am Meer und dies weckt ihre Neugier. Somit schläft Silvia mit einigen Männern und fühlt doch nie etwas. Die einzige Konstante in ihrem Leben ist ihr Schulfreund Lorenzo, der er hündisch ergeben ist und mit dem sie sich immer wieder verlobt und dann doch vor der Hochzeit einen Rückzieher macht. Erst als sie den Künstler Franco kennenlernt, scheint es besser zu werden, aber es endet alles nicht wirklich gut...
Regisseur Tonino Valerii (vorher eher als Western-Regisseur hervorgetreten) dreht 1970 dieses elegante, bizarre und durchaus interessante Sexmelodram (wenn man es denn kategorisieren möchte) nach einem 1965 erschienenen Roman der italienischen Feministin Milena Milani. Julius, perfekt in ihrer emotionalen Reglosigkeit verkörpert von Silvia Dionisio, ist von Anfang an verwirrt von ihrer Sexualität. Die Umstände ihres Aufwachsens sorgen dafür, dass sie körperliche und emotionale Nähe nicht wirklich genießen kann und dementsprechend bald denkt, dass sie frigide sei. Ob sie vielleicht einfach lesbisch ist und dies nicht ausleben kann und will, kann genauso sein, wie das sie einfach an die falschen Männer geraten ist, die nicht genug auf sie eingehen können. Interessanterweise vermeidet der Film jedoch, Männer als unsensible Schweine dazustellen, sie sind nicht alle gerade Lichtgestalten, aber dennoch nicht so furchtbar, als das Julius/Julia sie verfluchen müsste. Vielmehr zerbricht sie an Normen und Konventionen, an selbst verursachten Druck, "etwas" fühlen zu müssen und daran, dass sie glaubt, sie müsse sich letztendlich doch in das Schicksal einer netten, aber unbefriedigenden Ehe mit Lorenzo fügen - und da sie immer vor der Eheschließung davon rennt, zeigt ja, wie tief in ihrem Inneren etwas unzufrieden brodelt.
Valeriis Melodram ist ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte mit traumhafter Musik von Riz Ortolani, mit guten Darstellern, wunderbaren Sets und einer geradezu Bergman-haften Erzählstruktur. Anfänglich springt der Film so zwischen den Zeitebenen hin und her, dass man manchmal den Überblick zu verlieren droht, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an den Erzählfluss. Und erstaunlich ist auch, wie ernsthaft der Film ist und selbst heute, 40 Jahre später, empfand ich ihn nie als trashig oder unfreiwillig komisch - er ist sozusagen ganz gut gealtert. Und gesellschaftliche Normen, die Menschen wie Julius, die nie genau weiß, was sie wirklich denkt und nur das kennt, was von ihr erwartet wird, an den Rand drängen, gibt es auch heute noch genug. Eine schräge kleine Perle, dieser Film.
Ich habe den Film kürzlich in der ARD gesehen. Dort lief die originale deutsche Kinofassung, die zwar länger ist als die hiesige DVD, aber wohl auch kürzer als das italienische Kinoversion. Soweit ich weiß, gibt es den Film nirgendwo weltweit auf DVD, von daher bin ich der ARD geradezu dankbar, den Film in einer halbwegs guten Fassung gesehen zu haben.
Eine gute 7,5.