Viele „Spätgeborene“ kennen Jean Paul Belmondo nur als Sprücheklopfer, Raufbold und als frankophile Version von Bud Spencer. Dass diese gar nicht oder zumindest nur bedingt richtig liegen, beweist der vorliegende „Angst über der Stadt“. Zwar ist Belmondo auch hier ein draufgängerischer französischer Bulle, der nicht viel von Vorschriften hält, doch der Film hat einen eher ernsten Grundton und ist vielmehr Krimi als Komödie. Passend zu dieser Aussage ist die Tatsache, dass Belmondo hier einen anderen Synchronsprecher hat, als in seinen typischen Sprücheklopferfilmen. Die Stimme passt genauso zu Belmondo, wie Belmondo in diesen Film.
„Angst über der Stadt“ ist ein Psychothriller über den wahnsinnigen Frauenmörder Minos (Adalberto Maria Merli), der die Sünde in Paris ausmerzen will. Dass sich Minos dabei auch auf Dantes Werk „Die göttliche Komödie“ beruft, ist nicht die einzige Paralle zu dem Thrillerklassiker „Sieben“ von David Fincher. Tatsächlich verbreitet der Film eine enorm bedrohliche Atmosphäre, die hier im Gegensatz zu „Sieben“ nicht von perversen Mordmethoden erreicht wird, sondern von Belmondos diabolischem Gegenspieler, der mit seinem Glasauge schon sehr strange aussieht. Die Anfangssequenz erinnert auch mehr an einen Slasher oder einen Psychothriller, als an einen typischen Belmondo. Hier wird eine junge Frau in einem einsamen Appartement nächtens von einem unbekannten Anrufer bedroht. In dieser Sequenz ist das schrille Klingeln des Telefons eine bedrohliche Waffe. Erzeugt wird die bedrohliche Atmosphäre auch durch den düsteren und stimmungsvollen Score von Ennio Morricone, der im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten nicht so eingängig ist, aber dennoch die gewünschten Reaktionen beim Publikum hervorruft.
Garniert wird der Thriller immer wieder mit Actionsequenzen, bei denen Belmondo wieder in seinem Element ist. Dass zwischen den intensiven psychologischen Szenen immer wieder viel und aufwändige Action zu sehen ist tut dem Film gut. Bemerkenswert ist eine lange und ausgiebige Jagd über die Hochhausdächer von Paris, in denen sich Belmondo in Topform präsentiert und eine Auto-Verfolgungsjagd, die ebenfalls ausufernd inszeniert wurde. Da wird über Treppen gebrettert, geballert und gerast, was das Zeug hält. Auch toll, wie Regisseur Henri Verneuil einen anderen Fall des Kommissars einbezieht, der ihn bei seinen Ermittlungen behindert und auch „so nebenbei“ gelöst wird.
Wie bei vielen anderen Filmen des Schauspielers ist auch „Angst über der Stadt“ eine reine Belmondo-Show. Doch hier können sich zumindest einige andere Schauspieler ins Gedächtnis des Publikums spielen. Der oben schon erwähnte Merli sei hier als Beispiel genannt. Alles in allem spielt zwar die weitere Besetzung klar die zweite Geige, aber diese spielen sie immerhin sehr gut. Man schaut den französischen Mimen gerne bei ihrer Arbeit zu. Vor allem die antik wirkenden 70’ies-Klamotten, in denen sie sie verrichten, tragen ihren Teil zu dem Charme des Films bei.
Belmondo-Fans werden wohl gähnen, wenn man ihnen „Angst über der Stadt“ ans Herz legt, denn sie wissen, was sie an dem Thriller haben. Doch auch Fans von „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ sollten einen Blick riskieren, schließlich würzt der Film die Serienkiller-Thematik mit einigen sehr ansehnlichen Actionszenen und präsentiert das legendäre Rauhbein Belmondo in Topform!
Fazit:
9 / 10