Die massive Bedrohung mitten in der Gesellschaft, in der Zivilisation, in der Anonymität und aus der Isolation. Die Metropole als Feindgebiet, als Ort des Unwohlseins bis hin zur Beklemmung, jede Sekunde könnte die letzte sein, Angst herrscht über der Stadt. Laute, schrille, penetrante Klänge auf der Tonspur, dann ein Herzschlag, rhythmisch, aber zu schnell, ein grelles Klingeln, unaufhörlich, trotz mitten in der Nacht. Kommunikation hier als Angstmacher, ein unbekannter Anrufer, draußen geht das Leben weiter, drinnen wird erst vor Furcht gestorben und dann in der blutigen Realität:
Bei einem scheinbaren Selbstmord von Nora Elmer [ Léa Massari ] aus einem Wohn- und Bürohochhaus am Place Charras in Courbevoie wird der herbeigerufene Kommissar Jean Letellier [ Jean-Paul Belmondo ] und sein Stellvertreter Chefinspektor Charles Moissac [ Charles Denner ] von der Kriminalpolizei erst dann stutzig, als (der strafversetzte) Letellier telefonisch von einem Mann namens Minos kontaktiert wird, der weitere Frauenmorde ankündigt und ihnen auch einen Hinweis auf die bevorzugten Opfer gibt. Letellier, der eigentlich eher hinter dem Mafiosi Marcucci [ Giovanni Cianfriglia ] her ist, macht sich widerwillig an die Befragungen der zuvor eine Anzeige wegen Belästigung aufgebenden Hélène Grammont [ Catherine Morin ], einer Krankenschwester, und Germaine Doizon [ Rosy Varte ].
Terror herrscht hier von Anfang an vor, ein verzweifeltes Bitten um Ruhe, ein drängendes Flehen, dann wieder der Herzschlag, die erst dissonanten Klänge auf der Tonspur, die bald einen Rhythmus des Thrillers ergeben. Erst Kammerspiel, Kontakt nur über die Wählscheibe, Panik bis zum Ableben, ein Sturz aus dem Fenster. Ein aktuelles Thema wird hier aufgegriffen, illegale Einwanderung, Stalking, Femizide, hier mit dem Polizeifilm verbunden, mit Stunts und Aktion und Aufregung gespickt, mit wilden Schießereien vor Banken angereichert, mit krachenden Autojagden, mit allen Mitteln des modernen Kinos, mit einem gefragten Weltstar in der Hauptrolle, der noch zwischen Kunst und Körper, und Anspruch und Unterhaltung tangiert. Eine Ermittlerarbeit mit unlauteren Mitteln, eine Filmarbeit als Spektakel voll Tempo und Thrill.
Zu spät am Tatort ist man, der Erkennungsdienst vor Ort, ein Zeuge, der sich in der Tür geirrt hat, ein zurückgezogenes Opfer, ein Hochhaus mit 48 Stockwerken, der Tour Les Poissons. "Weißt du, was ich gerne machen würde?" - "Nein." - "Ich würde auch gerne herunterspringen."; für den Kommissar, Typ 'kleines Hirn und starke Muskeln' ist der Fall eher eine Ablenkung, er hat theoretisch was anderes vor, er hat ein anderes Ziel, er hat viel zu tun. Belmondo macht hier die Stunts wie üblich, er zeigt keine Scheu vor Risiken, er ist ohne Höhenangst. Die Figur ein Arbeitstier, der Sturz der Frau gerät erst spät und auch nicht vollständig in sein Bewusstsein, vorher werden größere Fische gefangen, selber mit Menschenleben gespielt, eine heftige Rauschgiftlieferung entdeckt; ein Hauptkommissar, der seine Leidenschaft für den Beruf als kleiner Junge beim Schauen von Abenteuern der G-Men entdeckt hat, und sich verhält wie Dirty Harry, der nebenher auch andere Fälle auflöst und weitere Kriminelle hinter Gittern oder doch in den Sarg gleich steckt.
Doch der Täter drängt sich ihm (wie später in Die letzte Warnung - Der Erpresser) mit seinem Bewusstsein auf, das Unheil auf der Welt aufzudecken und auszumerzen, er richtet über die Gesinnung, er fällt die Urteile, er sucht sich die Personen dafür und seine Rache aus, er wendet sich an die Presse und die Öffentlichkeit. Der Jäger wird zum Gejagten, und umgekehrt, ein Mörder zum Amokläufer. Ein Flüchten und Verfolgen über Häuserdächer, ein Entlanghangeln an Regenrinnen, der Untergrund ist uneben, nass und glitschig; die Stärken der Erzählung hier weniger im Inhalt als vielmehr in dem Gezeigten, mehrfach rutscht man ab, einmal hilft nur der Sprung durchs Dachfenster, bebildert wird das kühl und technisch, hier von Verneuil als eher kalter Film, als handwerklicher Reißer, als präziser, schwindelerregender Großstadt - Thriller, mit einer Menschenjagd zur Hälfte der Laufzeit, die an Brennpunkt Brooklyn in Sachen Ehrgeiz bis hin zum Todesmut in der Pflichterfüllung erinnert.
Mitten ins Getümmel, rein ins urbane Gewusel geht es da, mittig eine doppelte Beschattung direkt in der Rush Hour, eine Observierung wird abgebrochen, sich auf die private Obsession statt der beruflichen (und gefährlicheren) konzentriert ("Ich hoffe nur, du weißt, was du tust." - "Halt die Schnauze!"), das politische und gesellschaftliche Klima ist gegen ihn gestellt, und hat auch nicht ganz unrecht, die Situation ist hochexplosiv, auch ohne die Handgranate, die später in die Menge geworfen wird, um den (sexuellen) Schmutz zu beseitigen und die Moral wieder herzustellen.