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Man schrieb das Jahr 1992, als der von Joe Eszterhas geschriebene und von Paul Verhoeven inszenierte Basic Instinct in aller Munde war und eine kleine Lawine aus Erotikthrillern lostrat, welche in den folgenden Jahren vor allem die Regale in den Videotheken füllen sollten. Daß sich auch die Italiener, die ja eher selten eine vielversprechende Idee links liegen ließen, der schlüpfrigen Thematik annahmen, sollte niemanden überraschen, zumal sie sich ja in den 1970er-Jahren mit ihren zahlreichen Gialli als echte Meister dieser prickelnden Filmgattung erwiesen. Und ist Basic Instinct im Grunde nicht genau das? Ein Giallo made in America? Ich denke schon. Das Jahr 1992 war jedenfalls noch nicht zu Ende, da hatte Ruggero Deodato (Cannibal Holocaust) bereits seinen eigenen Erotikthriller im Kasten. Ohne Michael Douglas, dafür mit Philippe Caroit, der als Inspektor Alexander Stacev in einen äußerst seltsamen Fall hineinschlittert. Und statt einer Sharon Stone gibt es gleich drei heiße Frauen, die den armen Polizisten um den Verstand bringen. Vida (Katarzyna Figura), Ludmilla (Barbara Ricci) und Maria Kolba (Ilaria Borrelli) sind Schwestern, die zusammen in einem großen Appartement wohnen und von einem zerstückelten Toten in ihrer Waschmaschine berichten. Dieser ist dann jedoch spurlos verschwunden, ebenso wie Vidas Freund, der Nachtclubbesitzer Yuri (Yorgo Voyagis).

Inspektor Stacev will den mysteriösen Fall erst als Hirngespinst, Halluzination oder Wahnvorstellung einer Alkoholikerin zu den Akten legen, aber die Schwestern geben keine Ruhe und hören nicht auf, den Mann zu bedrängen. Wie gerissene Spinnen werfen sie ihre klebrigen Netze aus, in denen sich der Polizist immer mehr verfängt. Und ihre Waffe, gegen die der Inspektor machtlos zu sein scheint, ist Sex. Stacev hat mit Irina (Claudia Pozzi) zwar eine Freundin, aber im Vergleich mit diesem wollüstigen Trio wirkt diese glatt wie ein verdorrtes Mauerblümchen. Die drei mit ihren Reizen keineswegs geizenden Grazien sind aber auch scharfe Schnitten; so scharf, daß man Gefahr läuft, sich an ihnen zu schneiden und tiefe Wunden davonzutragen. Vida stellt ihre Sexualität z. B. unverblümt zur Schau. Lange lackierte Nägel, auffällige Schminke, viel Schmuck, lüsterne Blicke, anzügliche Bemerkungen... und ihre üppigen Formen quetscht sie in dermaßen knappe Klamotten, daß man befürchten muß, ihre großen Brüste würden einem bei einer falschen Bewegung ins Gesicht springen. Ludmilla wiederum agiert trotz ihrer voyeuristischen Veranlagung meist scheu und zurückhaltend, kann damit aber den in ihr brodelnden Vulkan nicht wirklich verbergen. Und Maria? Nun, Maria ist auf den ersten Blick die "Normalste", eine Einschätzung, die sich bereits beim zweiten Blick ändern könnte.

Alexander zu Irina: "Irina, I don't have a lover. I have three! And each is more deranged than the next! They're sucking the life out of me."

Der wendungsreiche, etwas verworrene Plot (was nicht stört, da die Schwestern ja ein astreines Verwirrspiel mit dem armen Mann treiben) läßt sowohl den Inspektor als auch das Publikum bis zum finalen Überraschungstwist im Dunkeln darüber, was zum Teufel hier eigentlich vor sich geht. Drehbuchautor Luigi Spagnol legt unermüdlich falsche Fährten, die meisten seiner Figuren lügen, wenn sie den Mund aufmachen, und trauen darf man sowieso niemandem. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren, denn kaum scheint man des Rätsels Lösung auf der Spur zu sein, steht man wieder wie belämmert vor einer Sackgasse. Vortice mortale ist oft so strukturiert, daß man nie weiß, ob das Gezeigte der Realität entspricht oder nicht. Das Netz aus Lug und Trug ist so dicht, daß man rasch den Überblick verliert. Und doch trägt genau dieser Aspekt sehr zum Gelingen des Filmes bei, entsteht dadurch doch eine sexuell aufgeladene Mystery-Stimmung, der man sich nicht entziehen mag. Ich muß sogar zugeben, daß mich das Geschehen bis zum verblüffenden Ende gefesselt hat. Die undurchschaubaren Figuren sind interessant gezeichnet und akzeptabel gespielt, und Deodato schafft es nicht nur, sein leckeres Erotik-Süppchen bis zum Schluß am Köcheln zu halten, sondern auch die ganze kinky Chose abwechslungsreich, flott und optisch sehr ansprechend über die Bühne zu bringen.

In visueller Hinsicht ist Vortice mortale einer von Deodatos schönsten Filmen. Ich kann mir fast bildlich vorstellen, wie Deodato zu seinem DoP Sergio D'Offizi gesagt hat, er solle den Streifen so aussehen lassen, als wäre er von Dario Argento. Durch die barocken Budapester Schauplätze hebt sich der Film angenehm von der Konkurrenz ab, und auch die verschiedenen, recht kreativ in Szene gesetzten Erotik-Set-Pieces wurden gekonnt und durchaus antörnend (obwohl nicht sonderlich explizit) eingefangen. So macht z. B. ein Pärchen in einem Museum rum, während sich rings um sie herum blinde Menschen vorbeitasten. Während in Bezug auf nackte Haut also viel geboten wird, übt sich Deodato in Punkto Gore vorwiegend in Zurückhaltung. Sieht man von den Leichenteilen in der Waschmaschine ab, gibt es nur eine nennenswerte Splattersequenz, welche jedoch sehr saftig und exzessiv geraten ist. Und als letzter großer Pluspunkt erweist sich Claudio Simonettis toller elektronischer Score, der Vortice mortale einen unverwechselbaren Italo-Touch gibt. Deodato mag mit dem Film nicht zufrieden sein, aber im Vergleich zu Gurken wie Camping del terrore (Body Count - Mathematik des Schreckens) oder Un delitto poco comune (Off Balance - Der Tod wartet in Venedig) glänzt Vortice mortale wie Vin Diesels frisch polierte Glatze. Aber selbst ohne den Gurkenvergleich bemühen zu müssen, funkelt Vortice mortale ganz adrett.

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