*leichte Spoiler*
Wilmer Cook ist geflohen; Joel Cairo, der verkappte Homosexuelle und Casper Gutman, der fette Mann, sind in den Händen der Polizei; der Vogel ist eine Fälschung, nicht aus Gold. Und Bogart hat Mary Astor im Arm, die mit ihm das Happy End will. Aber Bogart weiß mehr und erklärt ihr nun, was sie schon weiß: dass sie seinen Partner Lew Archer erschossen hat. Dies zu klären, ist alles was Bogarts Sam Spade überhaupt motiviert hat, diesen Fall zu Ende zu bringen. Astor kann nur hoffen, dass er sie liebt und sie nicht der Polizei ausliefern wird. Doch Bogart ist untröstlich: vielleicht wird er ein paar schlaflose Nächte haben, aber das wird vorbeigehen…
So endet John Hustons „The Maltese Falcon“ nach dem Buch von Dashiell Hammett, einer der berühmtesten Detektivgeschichten, die je auf Film gebannt wurden, ein Meilenstein des sogenannten „film noir“.
Eine ähnliche Szene gibt es auch am Ende von „Brick“, dem Regiedebut von Rian Johnson.
Rian Johnson hat die Klassiker gut studiert.
Und er hat etwas daraus gemacht, was der beste Karrierestartschuß für ihn sein könnte: einen intelligenten und hinreißenden Film, an den man sich erinnern wird. Auch wenn es nur ein kleiner Film ist.
Der Trick Johnsons ist es, Konzept und Unterhaltung zu vereinen und so ein Filmkuriosum zu schaffen – und es todernst zu nehmen.
Mit „Brick“ überträgt er die Regeln, Abläufe, Figuren und Mechanismen des „hard boiled“-Detektivromans/films aus den 30er/40ern in eine moderne Zeit. Er versetzt sie an eine typische amerikanische High School, verändert sie sonst aber nicht. Er modernisiert sie nicht und passt sie nicht an, alles was atypisch ist für die klassischen Vorgänger, ergibt sich durch den zeitlichen Unterschied von 60 Jahren, nicht durch einen veränderten Geschmack.
Und so ist die Geschichte dann auch die eines typischen Marlowe- oder Spade-Falls. Nur, dass die Hauptfigur Brendan heißt und noch Schüler ist. Sonst ist alles geblieben wie es war.
Brendan, das ist ein Schweiger; ein Loner, vielleicht ein Loser; derjenige, der bescheid weiß, aber sich nicht einmischt, der für sich sein will. Ein Mädchen vielleicht noch, sein Mädchen.
Doch sein Mädchen ist nicht mehr sein Mädchen, sie gehört einem anderen und sie ist in Gefahr. Bald darauf ist sie tot. Und der Einsame trifft eine einsame Entscheidung. Er wird ihren Mörder finden…
Man muß Rian Johnson, der auch selbst das Drehbuch schrieb, für seinen Mut und seine Radikalität bewundern, mit der er sein Konzept durchzieht. Nichts hat sich verändert, die Realität ist ein düsterer Ort und fast jeder hat Dreck am Stecken – je tiefer man wühlt, desto mehr Morast kommt an die Oberfläche.
Auch in dieser modernen Variante ist der Fall komplizierter, als man glauben möchte. Da muß Hinweisen hinterher gegangen und etwas riskiert werden. Da muß verfolgt und beschattet werden und undercover ist auch immer eine gute Lösung. Viele Leute sind in den Fall verwickelt und ein ganzes Panoptikum von „role models“ reiht sich vor uns auf: da ist der große, düstere Gangsterboß, der brutale Schläger, der Drogenfreak, die Diva-Schlampe, die Femme Fatale, ein gedungener Mörder und natürlich der treue Freund und Bücherwurm. Die Polizei tritt nicht auf, die Obrigkeit vertritt der Conrektor.
Wer mit wem und warum, das ist die Frage.
Es geht um Drogen und um Macht und nicht zuletzt geht es um Eifersucht und Macht. Um Schuld und Sühne und das alle bezahlen müssen. Am allermeisten vielleicht der Held.
Obwohl mit ein paar ironischen Szenen gewürzt, ist Johnson damit ein überraschend ernster Film gelungen, ein reiner Kriminalfilm, der nur anstelle von Good Guy und Bad Guy Schüler setzt.
Nichts sonst hat er verändert: die Dialoge klingen dramatisch und geschraubt – doch was ist Teenagersein anderes als ein Drama? Der Fall ist hochkompliziert und die Logik kommt nicht immer mit, aber wen stört das, wenn Raymond Chandler selbst nicht mehr durch sein Drehbuch von „The Big Sleep“ durchfand? Das hat keinen Realismusanspruch, aber im Rahmen der Filmlogik funktioniert es alles wunderbar, nicht zuletzt durch einen speziell entworfenen Slang, der natürlich nicht den Weg durch die deutsche Synchronisation gefunden hat.
Und Brendan, der stets seine Hände so tief wie möglich in den Taschen seiner Windjacke vergraben hat, wie Bogie die seinen in seinem Trenchcoat, geht seinen Weg bis zuletzt, bis alles geklärt und alles verloren ist.
Vermutlich ist es die Reinheit, die „Brick“ so überzeugend macht. Zwar leiht sich Johnson ein paar Mal einige visuelle Einfälle von David Lynch (auch die genial verquere, enervierende Musik schlägt in diese Richtung) und so mancher Humorversuch liegt vielleicht neben der Spur (die Hühnerkanne), aber sonst ist der Film reiner Purismus.
Das einzige Manko, mit dem er sich rumschlagen muß, ist sein (hervorragend spielender) Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt (auch noch Brillenträger), der für diese Rolle jedoch das Einzige missen lässt, was nötig ist, um den einsamen Rächer unsterblich zu machen: er hat kein Ikonengesicht. Levitt ist sympathisch, aber beliebig, was ihn aber immerhin unberechenbar macht.
Leider jedoch wird „Brick“ dennoch ein Problem haben und das ist seine ureigenste Qualität.
Konzeptfilme benötigen ein williges Publikum, aber welches junge Publikum hat noch die Ruhe und Geduld, nicht nur den Joke zu verstehen, sondern auch die langsame Vorgehensweise und den nicht allzu spektakulären, aber dafür hochkomplizierten Ablauf zu folgen. Johnsons Film ist harte Arbeit und sie ist eine gelungene Mischung aus Modernismen und Anachronismen.
„Brick“ wird am Fast-Food-Publikum scheitern, aber ein Hit auf DVD werden. Jeder, der jedoch nicht zu spät kommt, der Kino liebt und Mitdenken schätzt, dem sei die große Leinwand empfohlen. Auf DVD hat Bogie für mich auch nie funktioniert. (8,5/10)