Review

Der vorgeblich armlose Zirkusartist Alonzo ist verliebt in die schöne Nanon, die insgeheim den starken Malabar „The Mighty“ anhimmelt. Alonzo begeht einen Mord, um eine Person, die ihm im Weg zum Glück ist, auszuschalten. Sogar eine wahnsinnige Operation läßt er an sich durchführen und ruiniert seinen Körper, um Nanon besitzen zu können. Als Malabar und Nanon doch zueinander finden, schwört Alonzo Rache an Malabar.

Handlung

Von dieser Geschichte sagt man, daß sie wahr ist und sich so im „alten Madrid“ einst zutrug.

Der kleine, beliebte Zigeuner- Wanderzirkus von Antonio Zanzi (Nick De Ruiz) beschäftigt unter anderem den vermeintlich armlosen Alonzo „The Armless“ (Lon Chaney) und den „Kraft- Artisten“ Malabar „The Mighty“ (Norman Kerry). Alonzo ist seit einiger Zeit in Zanzi´s Tochter Nanon (Joan Crawford), die ihm bei seinen Kunststücken, die er den Massen vorführt, verliebt. Doch weiß diese weder von diesem Glück, noch davon, daß Alonzo nur vorgibt, keine Arme zu haben. Niemand kennt dies Geheimnis, bis auf ihn selbst und sein Vertrauten Cojo (John George).
Alonzo hat das Problem, daß er zwar von Nanon gemocht wird, aber wohl nur, da er sie nicht berühren kann und ihr somit im Sinn von Intimität zu nah kommt. Sie himmelt insgeheim nämlich Malabar an. Doch ihre einstigen Erfahrungen mit Männern verwehren ihr diesbezügliche Kontakte. Sicher fühlt sie sich nur bei Alonzo, der aber lediglich als Freund funktioniert. (Sicher, weil er sie nicht berühren kann!)

Alonzo aber ist besessen von dem Gedanken, sie zu „besitzen“. Niemand außer ihm soll Nanon anfassen.
Antonio sieht es gar nicht gern, daß Alonzo seiner Tochter immer wieder diese wilden Ideen in den Kopf setzt und ihr zuredet, daß es gut ist, Angst vor Männern zu haben.

Eines Nachts bringt Alonzo Antonio um, indem er ihm erwürgt. Leider wird er dabei von Nanon beobachtet, die ihn aber nicht als Alonzo erkennt. (Klar, ein Würger mit Armen kann ja keiner sein, der keine Arme hat!)
Dafür sieht sie, daß der Würger zwei Daumen an seiner linken Hand hat. (Ergo: Alonzo hat nicht nur Arme, sondern auch zwei Daumen an einer Hand!)

Am nächsten Tag ist auch schon die Polizei vor Ort, um den Mord zu untersuchen. Man stellt fest, daß die gleichen Hände, die den Mord begingen für andere Raubüberfälle verantwortlich sind, in denen der Zirkus spielte. Unter den Artisten und Angestellten befindet sich also ein Serientäter! Alonzo ist fein raus, ist er doch ob seiner offensichtlichen Behinderung erhaben über jeglichen Verdacht.

Der Zirkus zieht weiter, doch Alonzo und Nanon bleiben am Ort. Alonzo meint nämlich, er müsse Nanon nun von allem, was sie haßt fernhalten. Also auch vor Malabar, der seiner Arbeitsstelle hinterherzieht. Jener bringt ihr zu seinem Abschied einen Bluemenstrauß, was Alonzo gar nicht gern sieht. Nanon aber wird sich während Malabar´s Abwesenheit bewußt, daß sie ihn sehr mag und betrachtet fortwährend wehmütig den Blumenstrauß. Malabar aber überrascht sie dabei. Und kommen die zwei zusammen.

Alonzo indes unterzieht sich bei einem ihn bekannten Arzt einer Operation, von der der Zuschauer keine weiteren Details erfährt. Um jeden Preis möchte er Nanon heiraten.

Als Alonzo von der beschwerlichen Operation zurückkehrt, um Nanon, die er davon natürlich nicht in Kenntnis setzte, in der ihm bekannten Pension aufzusuchen, ist sie verschwunden. Dank eines Hinweises der Eigentümerin findet er sie in einem Theater, wo sie, ihn umarmend, feststellt, daß er dünner geworden ist. „I have lost some flesh.“/“Ich habe etwas Fleisch verloren.“, erzählt er. (... und meint damit nicht einen seiner überflüssigen Daumen.)

Nanon eröffnet ihm darauf, daß sie vorhat, zu heiraten. Und zwar Malabar. Für Alonzo bricht eine Welt zusammen. Was er tat, was umsonst! Er beschließt, sich an Malabar zu rächen. Dieser studiert gerade einen neuen Trick ein, bei dem, wenn dieser schief laufen würde, dessen Arme abgerissen werden könnten.


Kritik

So krude und bizarr sich der Inhalt anhört, so brillant, emotional packend und verstörend zugleich ist dieser außergewöhnliche Stummfilm- Streifen von Grusel- Spezialist Tod Browning („Dracula“, „Freaks“, „The Mark Of The Vampire“/Im Zeichen Des Vampirs“), der so wohl nur als Stummfilm funktionieren kann. Gleichzeitig ist er ein glänzendes Beispiel für die Vorteile dieser Art Medium gegenüber dem modernen Tonfilm. (als Buch wäre es denn auch möglich)
Unglaublich viel überläßt er nämlich der Phantasie des Zuschauers und baut derart auf lange Einstellungen von Gesichtern und prägnanten Szenen, wie es heutzutage im Zeitalter der rasanten Kamera- Spielereien, „Steadycam“- Überflutungen und schneller Schnitte nahezu ausgestorben ist. An Dialogen und Informationen durch diese wird nur das nötigste geliefert. Das meiste erschließt sich durch die extrem ausdrucksstarken Bilder und Mimiken der hervorragenden Darsteller und fordert vom Zuschauer, mitzudenken und Puzzle- Teile zusammenzufügen.
Auch wenn es zugegeben anfangs etwas schwerfällt, sich in das schräge Geschehen einzufinden, daß ob des Liebespathos eher das „Theaterauge“ (man denke an einschlägige „Pathos“- Opern wie „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini oder „Ein Maskenball“ von Giuseppe Verdi) fordert, denn das Realität verlangende „Popcorn“- Publikum bedienen wird, so nimmt es den willigen Seher bald vollends ein und überwältigt ihn mit dem schockierenden Wahn eines an sich nicht unsympathischen Mannes, der die Sackgasse seines Handelns erst erkennt, als es für ihn im Grunde zu spät ist. Das dabei gar noch Platz für Ironie und bösen Witz ist, erstaunt umso mehr.

Auch wenn die starre Kameraführung, die kaum als solche bezeichnet werden kann, da bis auf die eingehende Trick- Bewegung in der Arena keinerlei Fahrten eingesetzt wurden, gewöhnungsbedürftig und theatralisch starr ist, was sicher nicht den gemeinen Geschmack trifft, so gehört das Endergebnis, trotz des etwas halbherzig wirkenden, versöhnlichen Endes, in die Schublade klassischer Stummfilm- Werke, die Errungenschaften wie „Das Kabinett Des Dr.Caligari“ (Regie: Robert Wiene, 1919) oder „Nosferatu- Eine Symphonie Des Grauens“ (Regie: Friedrich Wilhelm Murneau, 1922) beherbergt. Technisch ist die erwähnte Trick- Einstellung in der Arena zu beachten, die aus heutiger Sicht natürlich sehr fadenscheinig ist, aber Mut, Phantasie und Weitblick offenbart, sowie die Fotografie einiger Szenen mit Kerry und Crawford durch Stoff hindurch. Dieser Trick sollte dem Bild etwas künstliches geben, das an Gemälde erinnert.

Darstellerisch und auch inhaltlich liegt das Hauptaugenmerk auf dem Charakter des unsterblichen Lon Chaney, der als Phänomen innerhalb der frühen Schaupielkunst (mehr fällt mir beschreibend dazu nicht ein) und als der erste Horrorfilm- „Star“ bezeichnet werden darf.
Der Film ist das wohl extremste Beispiel für Regisseur Brownings innere „Perversion“, um den Zustand mal etwas zu plakativ so zu nennen. Er ruft wohl ähnliche Reaktionen von Abstoßung und Faszination hervor, wie der fünf Jahre später entstandene „Freaks“.
Dahingehend beachte man die Parallelen zwischen einigen dieser „Freaks“ und Chaney´s Alonzo hier, der in der Öffentlichkeit sämtliche Dinge mit seinen Füßen auszuführen hat, um den Schein der Behinderung zu wahren. Er spielt Gitarre, trinkt Kaffee oder zündet sich eine Zigarette an, die er dann genüßlich raucht. Die Verblüffung darüber wird von der Tatsache, daß Chaney in einigen dieser Szenen, geschickt, ge-„doubelt“ wurde nicht getrübt.
Insgesamt ist Alonzo ein für Chaney ungewöhnlich unsympathischer und manipulativer Charakter, vergleicht man dies mit seinen anderen „Kreationen“. Dies bedeutet aber nicht, daß er damit uninteressanter wäre. Schon allein die, zwangsläufige, Fokussierung auf Chaney´s Mimik bringt seine Ausdrucksstärke brillant hervor.

Der Film lief einst 55 Minuten bei seiner Uraufführung. Browning schnitt nämlich die wichtigsten Szenen zusammen, um ja keine Längen aufkommen zu lassen.

Die nun noch erhältliche Version ist von einem französischen Band, das als einzig vollständige Fassung überlebt hat. Die für eine internationale Verwertung erstellten Texttafeln in englisch stammen aus der Erinnerung von Elias Savada, einem Schüler Brownings.

Ich sah den Film vor ein paar Wochen im öffentlich rechtlichen Fernsehen, wo er ungeschnitten gezeigt wurde, mit originalen, englischen Texttafeln und ohne jegliche Tonspur, also auch ohne die aus Stummfilmen bekannte Filmmusik.

Fazit

Ein faszinierender, sehr spannender, böser und ironischer Film, dessen Geschichte zwar sehr abstrus ist, der insgesamt aber definitiv als Klassiker gehandelt werden darf, auch wenn sein Ende nicht ganz so gelungen ist.

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